Freitag, 30. August 2013

Rezension: "Lotta Wundertüte. Unser Leben mit Bobbycar und Rollstuhl" von Sandra Roth

Daten zum Buch:
erschienen am: 15. August 2013
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462045666
272 Seiten
Preis: 18,99 €

Zum Inhalt:
Als Sandra Roth erfährt, dass mit ihrem 2. Kind etwas nicht stimmt, ist sie bereits im 9. Monat schwanger. Ihr Tochter Lotta kommt mit schweren Schäden auf die Welt, sie leidet an einer Fehlfunktion der Vena Galeni, d.h. ihr Gehirn wird nicht ausreichend mit Blut versorgt. Die Prognosen stehen schlecht: Lotta wird vermutlich niemals laufen, sprechen, eigenständig sein können. Lotta stellt die Welt ihrer Familie gehörig auf den Kopf, und Sandra Roth mutiert zur Vollzeitmutter, deren Leben sich nur noch um Lotta dreht. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Mann Harry, Verwandten und Freunden. Und von ihrem kleinen Sohn Ben, der seine geliebte Schwester genau so annimmt, wie sie ist, und in Allem das Positive sieht. Trotzdem ist es nicht immer einfach, denn die Familie muss nicht nur mit Lottas Behinderung und ihren Marotten zurechtkommen, sondern auch mit den Reaktionen der Anderen.

Das Buch erzählt die ersten 3 Lebensjahre von Lotta. „Lotta Wundertüte“ nennt sie ihre Mutter, denn bei Lotta weiß man nie, was passiert, was sein wird, wie sie sich entwickelt. Eine echte Wundertüte eben!

Meine Meinung:
Eines vorweg: Ich finde es nicht leicht, eine Autobiographie zu rezensieren, denn die Autorin erzählt vom wahren Leben, von Fakten, von Emotionen. Kann, darf, soll man diese denn bewerten? Ich versuche es trotzdem.

Sandra Roths Schreibstil ist sehr angenehm. Sie schreibt ohne unnötige Schnörkel, in einfacher, aber niveauvoller Sprache, und das Buch hat sich richtig flüssig und flott gelesen. Sie schreibt emotional, jedoch nie, ohne zu übertreiben. Auch wenn sie nicht immer optimistisch und zufrieden ist, so wird sie doch nie zynisch, frustriert oder wütend, sie bemitleidet sich nicht selbst, im Gegenteil – sie kann durchaus differenzieren, dass es noch schlimmere Fälle als den ihrer Tochter gibt. Sie ist dankbar für die kleinen Fortschritte. Und sie versucht, das Fehlverhalten Dritter ihr bzw. Lotta gegenüber nachzuvollziehen und gesteht sich ein, dass auch sie sich früher, vor Lotta, vermutlich wie der Ein oder Andere falsch verhalten hätte. Da gibt es die Weggucker, die Glotzenden, die Mitleidigen und die Frager „Habt ihr das vorher nicht gewusst, hätte man da nichts machen können?“. Doch zum Glück gibt es auch Menschen, die Familie Roth unterstützen, entlasten und ihr Halt geben.  

Ich habe es beim Lesen wirklich geschätzt, dass die Autorin sehr ehrlich sich selbst und dem Leser gegenüber ist. So gibt sie z. B. zu, dass sie nicht wisse, ob sie ihr Kind abgetrieben hätte, wäre die Diagnose in einem früheren Stadium der Schwangerschaft gestellt worden. 

In ihrem Nachwort schreibt Sandra Roth, dass einige der Figuren erfunden sind, jedoch reale Vorbilder haben. Ein bisschen schade fand ich das schon, da ich einige Figuren wirklich lieb gewonnen hatte, z. B. Nina oder Clara. Ich verstehe aber, dass Frau Roth manche Menschen nicht 1:1 in ihrem Buch auftreten lassen wollte. Lotta heißt übrigens nicht Lotta – wie schade, ich finde den Namen wirklich putzig. Ich hätte auch furchtbar gerne Bilder gesehen von der Familie, aber auch hier muss man respektieren, dass Frau Roth noch eine gewisse Anonymität und Distanz wahren möchte.

Wirklich super fand ich Lottas Bruder Ben, selbst noch ein kleiner Knirps im Kindergartenalter. Er liebt Lotta so, wie sie ist, und sieht alles sehr kindlich-pragmatisch. Z. B. findet er Lottas Sehbehinderung praktisch, weil sie beim Blinde Kuh-Spielen keine Augenbinde tragen muss. Außerdem ist Lotta die perfekte Zuhörerin, denn sie würde niemals ein Geheimnis weitererzählen. Ben hat mich mit seiner kindlichen Weisheit oft zum Schmunzeln gebracht oder gerührt. 

Auch Sandra Roths Mann Harry (Wie er in Echt allerdings nicht heißt.) fand ich toll. Zwar ist er durch seine viele Arbeit nicht immer zur Stelle, doch er und seine Frau bilden eine starke Einheit im Kampf gegen Lottas Krankheit, all die Anstrengungen, Entbehrungen und negativen Reaktionen. Sie verlieren auch in den schwierigsten Situationen nicht ihren (Galgen-)Humor. Fazit: Man kann die kleine Familie Roth einfach nur mögen, es geht gar nicht anders!

Der Autorin gelingt es auch, von den kleinen Glücksmomenten mit Lotta auf eine Weise zu berichten, dass ich als Leserin mich über jeden Fortschritt der Kleinen mitgefreut habe. Das erste Lächeln, das erste Greifen, die ersten Laute, der erste direkte Blickkontakt mit der Mutter – das alles hat mich jedes Mal total gerührt. Highlight war sicherlich der 1. Versuch von Lotta, „Mama“ zu sagen, der mich fast zum Heulen gebracht hätte. *seufz*

Ich bin keine Mutter und ganz ehrlich, ich konnte mir bis jetzt nicht vorstellen, ein behindertes Kind zu haben. Doch nach dieser Lektüre bin ich absolut davon überzeugt, dass man auch mit einem schwer behinderten Kind sehr glücklich sein kann, auch wenn es sicherlich nicht einfach ist und man viele Hürden überwinden muss. Dieses Buch ist meiner Meinung nach ein kleiner Mutmacher für alle, die bislang noch Berührungsängste mit dem Thema „Kind & Behinderung“ haben.  

5 von 5 Schreiberpaletten


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