Montag, 11. November 2013

Rezension: "Ficken sag ich selten. Mein Leben mit Tourette" von Olaf Blumberg



Daten zum Buch:
erschienen am: 11. Oktober 2013
Verlag: Ullstein
ISBN: 9783550080128
224 Seiten
Preis: 16,99 €

Zum Inhalt:
Ein lautes „Heil Hitler“, ein freundliches Bellen – Olaf Blumberg fällt in der Regel auf, wenn er durch die Straßen geht, denn er leidet am Tourette-Syndrom. Die schockierende Diagnose wird erst mit Anfang 20 bei ihm gestellt, und so muss der Lehramtsstudent von heute auf morgen sein Leben völlig umkrempeln und auf die harte Tour lernen, mit seinen vielen Tics klarzukommen. Nicht nur mit den Reaktionen Außenstehender, die von Unverständnis bis hin zu körperlichen Angriffen reichen, muss Olaf kämpfen, sondern auch mit sich selbst und seinem Tourette, das ihn immer wieder in unangenehme Situationen bugsiert und die Kontrolle über seinen Körper übernimmt. 

In seiner Autobiographie begleiten wir Olaf Blumberg auf seinem steinigen Weg, vom Zeitpunkt der Diagnose über die verschiedensten Therapieversuche bis hin zur völligen Neuordnung seines Lebens, in dem er lernen muss, mit dem Tourette-Syndrom zu leben und seine Krankheit anzunehmen.

Meine Meinung:
Spätestens seit Filmen wie „Vincent will Meer“ oder „Ein Tick anders“ ist das Tourette-Syndrom in der Öffentlichkeit weitgehend bekannt. Oft kichern wir belustigt vor uns hin, wenn wir sehen, wie ein Mensch unkontrollierte Laute von sich gibt, wild umherzuckt und laut Dinge wie „Ficken“ oder „Heil Hitler“ ruft. Was es jedoch für die Betroffenen bedeutet, am Tourette-Syndrom zu leiden, wie schlimm nicht nur die Reaktionen der Anderen für solche Menschen sind, sondern auch der Kontrollverlust über den eigenen Körper, und welche Kräfte mobilisiert werden müssen, um die Tics einigermaßen in Zaum zu halten, davon erfahren wir in Olaf Blumbergs Roman „Ficken sag ich eher selten“.

Der Leser erhält einen intensiven Einblick in das Leben des Autors von dem Zeitpunkt an, an dem sich die ersten Tics lautstark bemerkbar machen und er mit der Diagnose Tourette zum 1. Mal konfrontiert wird. Hierbei ist bereits erstaunlich, dass bei Olaf Blumberg erst mit Anfang 20 die Krankheit entdeckt wird. Zwar leidet er bereits als Kind an kleineren Tics, doch werden diese von den Erwachsenen ignoriert und als Versuch, Aufmerksamkeit zu erhalten, abgestempelt. Wir lernen also auch, dass Tourette erst im Erwachsenenalter mit voller Kraft ausbrechen kann, ein Umstand, der mir vorher nicht bekannt war.

Der Autor schafft es, den Leser teilhaben zu lassen an seinen Emotionen. Man leidet förmlich mit ihm, wenn er wieder einen Schub hat, wenn ihn die Leute anstarren, wenn er sich schämt und von allen abkapselt. Er beschönigt nichts, schreibt auch ehrlich über seine Gefühle, wenn er wieder mal an seiner Krankheit verzweifelt und weinend in seinem Zimmer sitzt. Außerdem ist er auch selbstkritisch, z. B. als er anderen Betroffenen begegnet und sich dabei selbst bei dem ein oder anderen Tic das Lachen verkneifen muss.

Interessant waren auch diese Begegnungen mit anderen Betroffenen. Mit der gleichaltrigen Marion, die schon seit ihrer Kindheit mit der Diagnose lebt, aber es trotzdem nie geschafft hat, sie anzunehmen. Oder mit Christian, dem Begründer der Seite www.tourette.de, dessen Erkrankung viel stärker ausgeprägt ist als Olafs. Wusstet ihr eigentlich, dass sich Tourette-Betroffene (natürlich ungewollt) gegenseitig Tics abschauen und sie übernehmen? Ich nicht, und solche Informationen fand ich sehr faszinierend.

Mithilfe von Zwiegesprächen mit seinem Inneren, mit seinem Tourette, die teilweise recht amüsant sein können, zeigt uns der Autor noch einmal deutlich die „Intentionen“ dieser Krankheit, wenn man es denn so nennen kann. Einfach ausgedrückt, will das Tourette-Syndrom seinen „Wirt“ bloßstellen, es kommt genau dann am stärksten hervor, wenn es sich der größtmöglichen Aufmerksamkeit sicher sein darf, wenn der Moment am Unpassendsten ist. Diese inneren Dialoge zeigen, wie sehr Olaf Blumberg mit seiner Krankheit ringen muss und wie schwer es ihm fiel, sie letzten Endes annehmen und mit ihr koexistieren zu können.

Zwei Kritikpunkte habe ich noch: Erstens habe ich es etwas vermisst, von den Reaktionen der Freunde und Familie zu erfahren. Nur ganz kurz wird mal erwähnt, dass Olaf Blumberg viele Freunde verloren hat, aber wie genau die Reaktionen verliefen, erfährt man nicht. Das hätte mich doch sehr interessiert. Zweitens gefiel mir der christliche Aspekt am Ende des Buches nicht so sehr, der für mich auch sehr überraschend kam und in meinen Augen nicht so recht mit dem Bild, das ich vom Autor bis dato hatte, zusammenpassen wollte. Da dies jedoch nunmal eine Autobiographie und kein fiktiver Roman ist, kann und will ich diesen Umstand aber selbstverständlich nicht negativ bewerten.

Das Buch liest sich flüssig, der Schreibstil ist schnörkellos, direkt, ehrlich. Der Autor bemitleidet sich nicht selbst, im Gegenteil, ich finde, dass er oft eine gewisse Selbstironie mit reinpackt und manche Sachen auch sehr humorvoll beschrieben werden. Mit „Ficken sag ich selten“ liegt hier eine interessante und unterhaltsame Autobiographie eines Tourette-Betroffenen vor, die ich jedem wärmstens empfehlen kann. 

5 von 5 Schreiberpaletten

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