Donnerstag, 5. Dezember 2013

Rezension: "Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen" von Jennifer Teege und Nikola Sellmair


Daten zum Buch:
erschienen am: 20. September 2013
Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783498064938
272 Seiten
Preis: 19,95 €

Zum Inhalt:
Kurz nach ihrer Geburt im Juni 1970 wird Jennifer von ihrer alleinerziehenden Mutter Monika in ein Kinderheim gegeben. Zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches: Die Mütter müssen arbeiten und holen ihre Kinder an den Wochenenden wieder zu sich. Doch die regelmäßigen Besuche bei der ihr gegenüber sehr reservierten Mutter werden immer weniger, mit 3 Jahren kommt Jennifer in eine liebevolle Pflegefamilie, mit 7 Jahren wird sie von ihrer Mutter zur Adoption freigegeben und von ihren Pflegeeltern adoptiert. Der Kontakt zu ihrer leiblichen Familie bricht ab, doch obwohl sie nun in einer liebevollen Familie aufwächst, lassen Jennifer ihre Wurzeln einfach nicht los und ihr ganzes Leben lang leidet sie unter der Abweisung ihrer biologischen Mutter. 

Viele Jahre später, als Jennifer selbst eine Familie hat, stößt sie durch reinen Zufall auf ein Buch mit dem Titel „Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?“. Es ist die Geschichte von Monika Göth, Jennifers Mutter! Und so erfährt die Autorin, dass ihr leiblicher Großvater niemand Anderer als Amon Göth, ehemaliger KZ-Kommandant, ist. Der Amon Göth, der den Beinamen „Der Schlächter von Plaszow“ erhielt und dessen Grausamkeiten sogar in Spielbergs „Schindlers Liste“ eindrücklich dargestellt wurden. 

Jennifer Teege ist dunkelhäutig, hat mehrere Jahre in Israel gelebt und studiert, spricht Hebräisch und hat zahlreiche jüdische Freunde. Allein dies erklärt wohl den Untertitel "Mein Großvater hätte mich erschossen". Diese Entdeckung stürzt sie in tiefe Verzweiflung, doch sie gibt ihr letzten Endes auch den Anstoß, nach ihren Wurzeln und der Vergangenheit ihrer leiblichen Familie zu suchen sowie sich mit den Gräueltaten ihres Großvaters und der Abweisung ihrer Mutter auseinanderzusetzen.

Meine Meinung:
Als ich zum 1. Mal von diesem Buch hörte, konnte ich mir nicht so genau vorstellen, wovon uns die Autorin eigentlich erzählen möchte. Sie selbst hat ihren Großvater, der kurz nach Ende des 2. Weltkrieges hingerichtet wurde, nie kennengelernt und erfuhr erst sehr spät von dessen Identität. Ich fand es deshalb eher vermessen, ein ganzes Buch über diese Person schreiben zu wollen. Doch die Autorin legt ihre Beweggründe offen und nachvollziehbar dar, und ich habe dieses Buch wirklich verschlungen.

Die Schreibstile von Jennifer Teege und ihrer Co-Autorin Nikola Sellmair sagen mir beide sehr zu. Weder unnötig gekünstelt noch zu sehr auf Rührseligkeiten abzielend, wechseln sich die beiden ab: Jennifer Teege erzählt ihre Familiengeschichte aus ihrer Perspektive und ist für den emotionalen Teil des Buches zuständig. Nikola Sellmair versorgt den Leser mit wichtigen, interessanten Informationen, um die Zusammenhänge und Hintergründe besser verstehen zu können. Dieser Wechsel zwischen der persönlichen, emotionalen Ich-Perspektive der Autorin und der nüchternen, sachlichen Erzählerperspektive der Co-Autorin gefällt mir gut. Ich denke, Jennifer Teege hätte die harten Fakten nicht so richtig in ihre eigene Geschichte einflechten können, so dass dies eine gute Lösung war. Die abgebildeten Fotos machen Jennifer Teeges Geschichte noch etwas anschaulicher.

Das Buch ist logisch gegliedert. Zuerst die Entdeckung des Buches und was es in der Autorin ausgelöst hat. Dann ein Kapitel über ihr eigenes Leben, weitere Kapitel, in denen es jeweils um Amon Göth, Ruth Irene Kalder (Jennifers geliebte Großmutter und die Lebensgefährtin Amon Göths) und Monika Göth geht. Im Anschluss berichtet die Autorin davon, wie sie ihren jüdischen Freunden die Wahrheit sagt, ein Schritt, vor dem sie sich sehr gefürchtet hat. Das Buch schließt mit einer von Jennifer begleiteten Klassenreise israelischer Kinder nach Polen, während der Jennifer nicht nur Aufklärungsarbeit leisten, sondern letzten Endes auch mit den Dämonen ihrer Vergangenheit abschließen kann. Wer sich danach noch weiter informieren möchte, erhält im Anhang noch eine ausführliche Literaturliste an die Hand.

Das Buch hat mich emotional sehr gefesselt, wenngleich Jennifer Teege trotz aller Offenheit weder rührselig, noch verbittert oder voller Selbstmitleid wirkt. Ich fand es gut, dass sie so offen über ihre Depressionen spricht, und dass sie dazu steht, ihre Großmutter sehr geliebt zu haben, selbst wenn diese Frau an Amon Göths Seite die Augen verschloss vor dessen Gräueltaten. Viele dieser Taten wurden denn auch von Nikola Sellmair beschrieben, und selbst wenn man hier auf Details verzichtete, so musste ich mich ständig fragen, wie ein einziger Mensch so grausam sein kann. Ich habe „Schindlers Liste“ damals abgebrochen, u. a. eben wegen der eindringlichen Szenen mit Ralph Fiennes, der Amon Göth in diesem Film verkörperte. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist zu erfahren, dass man mit solch einem Menschen blutsverwandt ist. Letzten Endes hat dies auch Monika Göth, die ihren Vater ebenfalls nie kennenlernte, ihr Leben lang so beschäftigt, dass sie sich nur noch auf dieses Thema konzentrierte und darüber selbst ihr eigenes Kind vergaß. Und doch ist trotz aller Grausamkeiten und Trauer mit dem letzten Kapitel ein Punkt gesetzt, der einen versöhnt und hoffnungsvoll zurücklässt nach der Lektüre dieses Buches.

Eine gelungene Autobiographie, die nicht nur für Leser interessant ist, die sich mit dem 2. Weltkrieg beschäftigen wollen. 

5 von 5 Schreiberpaletten

Kommentare:

  1. Gänsehaut... sowas zu erfahren ist doch... schrecklich.
    Ich finde deine Rezi echt toll und gelungen die Geschichte die du da beschreibst klingt wirklich interessant auch wenn es natürlich eine traurige Geschichte ist. Von der eigenen Mutter so wenig zuwendung zu bekommen :(

    LG

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    1. Danke für das Lob. :-) Dieses Buch ist wirklich lesenswert! Traurig fand ich, dass die Autorin sich so sehr damit quälte, dass ihre Mutter den Kontakt zu ihr abgebrochen hat, obwohl sie doch solch liebende Adoptiveltern hat. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn man diese Zurückweisung sein Leben lang in sich trägt.

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