Sonntag, 23. Februar 2014

Rezension: "Schwarzweiß hat viele Farben" von Kathryn Erskine

Daten zum Buch:
erschienen am: 20. Februar 2014
Verlag: Knesebeck
ISBN: 9783868736656
224 Seiten
Preis: 14,95 €

Zum Inhalt:
Die 10jährige Caitlin leidet am Asperger-Syndrom. Die Gefühlswelt anderer Menschen ist für sie schwer verständlich, Empathie etwas, das sie erst mühsam erlernen muss. Am liebsten ist sie für sich, in ihrer eigenen Welt, in der alles Schwarz und Weiß, klar abgegrenzt ist. Zum Glück hat sie ihren älteren Bruder Devon, der ihr erklärt, wie sie sich zu verhalten hat, und der sie in Situationen, die sie überfordern, beruhigt.

Doch Devon wird bei einem Amoklauf an seiner High School erschossen, und nun ist Caitlin plötzlich mit ihrem Vater alleine. Unterstützt von der liebevollen Schulpsychologin Mrs. Brook muss Caitlin nicht nur lernen, mit den Menschen um sich herum klarzukommen, sondern auch, den Verlust ihres Bruders zu begreifen. Während Caitlins Vater sich in seinem Schmerz vollkommen vergräbt, versucht das Mädchen, seinen eigenen Weg zu finden, die Trauer um Devon zu einem Abschluss zu bringen. 

Meine Meinung:
Mit „Schwarzweiß hat viele Farben“ nimmt sich die Autorin Kathryn Erskine eines schwierigen Themas an. Das Hauptaugenmerk richtet sich hier natürlich auf den Autismus der Protagonistin, doch auch Inklusion, Amokläufe an Schulen sowie das Verarbeiten solcher Tragödien bei den Angehörigen der Opfer spielen hier eine Rolle.

Der Schreibstil ist, für ein Jugendbuch sicherlich angemessen, einfach gehalten und liest sich sehr flüssig. Ich bin recht zügig durch das Buch gekommen, was nicht nur daran lag, dass mich die Story fesselte, sondern auch dem großzügigen Layout geschuldet ist. Das Einzige, was ich als negativ empfand, war die etwas komisch anmutende Schreibweise von Begriffen, z. B. „Sie schaut-den-Menschen-ins-Gesicht.“, „Mrs. Brook hat-es-nicht-verstanden.“ bzw.die Großschreibung einiger Buchstaben in einem einzigen Wort. Dies gibt wohl Caitlins eigenwillige Schreibweise von Wörtern und Begriffen wieder, aber es störte mich etwas im Lesefluss. Vielleicht ist das im englischen Original alles besser nachvollziehbar. (Der Originaltitel „Mockingbird – Mok’ing-Bûrd“ ist ja schon ein Hinweis.), doch die deutsche Umsetzung fand ich etwas unglücklich.

Die Geschichte wird aus Caitlins Sicht erzählt, und von Seite zu Seite taucht man immer tiefer in ihre Welt ein. Dies ist nicht nur furchtbar interessant, es ist teilweise auch anstrengend, denn Caitlin hat natürlich eine ganz andere Sichtweise auf die Dinge, v. a. auf alles, was mit Empathie und allgemein mit Emotionen zu tun hat. Ihre Gedanken sind verwirrend, dann wieder so einfach, erfrischend, kindlich, hochintelligent. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es ist, wenn man eigentlich keine Gefühle einordnen und nach außen kommunizieren kann. Da Caitlin auch die Reaktionen ihrer Umwelt beschreibt, wird deutlich, wie schwierig es für sie ist, sich so zu verhalten, dass sie nicht auffällt, nicht anders ist als die Anderen.

Nicht nur Caitlin ist sehr liebevoll gezeichnet, auch die Nebencharaktere waren mir sehr sympathisch. Der leider tote, aber dennoch stets in Caitlins Erinnerungen präsente Bruder Devon, der unglaublich liebevoll und geduldig mit seiner kleinen Schwester umgegangen ist und ihr viel beibrachte. Der von Trauer überwältigte Vater, der für viele „Kloß im Hals“-Momente sorgte. Mrs. Brook, die nicht nur ihre Arbeit macht, sondern für Caitlin ein Rettungsanker in den Irrungen und Wirrungen des Schulalltags ist. Der kleine Michael, der selbst einen großen Verlust erlitten hat und Caitlins erster richtiger Freund wird.

Trotz der schweren Thematik gab es auch ein paar humorvolle Augenblicke, die natürlich in 1. Linie dadurch entstehen, dass Caitlin nicht so recht mit der Welt der Emotionen umzugehen weiß. So bringt sie den Leser mit ihren eigenen Definitionen und Ansichten zum Schmunzeln, oder wenn sie z. B. versucht, zu jemandem höflich zu sein, und dies in einer Beleidigung endet.

Dadurch, dass die Geschichte aus Caitlins Perspektive erzählt wird, bleiben einige Sachen im Unklaren. Z. B. ob ihr Vater doch noch professionelle Hilfe in Anspruch genommen hat, die er wirklich dringend benötigt. Und v. a. hätte mich interessiert, ob Mrs. Brook auch in Dialog mit den Klassenkameraden getreten ist. Diese verhalten sich gegenüber Caitlin meist sehr abweisend und verständnislos, wo ich mich öfter gefragt habe, ob es nicht angebracht wäre, sie einmal richtig über Asperger und die Gründe für Caitlins Verhalten aufzuklären, zumal wenn man bedenkt, dass in der Klasse noch ein weiterer Autist war. Caitlin selbst leugnet, dass sie Autistin ist, was mich etwas überraschte, denn sie ist ja ansonsten auch ein sehr intelligentes und rational denkendes Mädchen.

Man muss im Hinterkopf behalten, dass die Geschichte frei erfunden ist. Inwieweit die Autorin mit dem Thema Asperger vertraut ist, wird aus dem Nachwort leider nicht ersichtlich. Deshalb habe ich die Informationen darüber, die man aus Caitlins Verhalten ziehen kann, mit Vorsicht genossen. Sicherlich ist jeder Asperger-Patient anders in seinem Verhalten, jeder macht andere Fortschritte, hat andere Stärken. Caitlin entwickelt sich im Laufe der Geschichte enorm weiter, und ich kann nicht beurteilen, inwieweit dies der Realität nahe kommt. Ich habe es deshalb dabei belassen, mich über diese Entwicklung zu freuen als Ausdruck eines Neubeginns nach dem tragischen Verlust ihres Bruders und als ein Zeichen von Hoffnung, dass Integration, Verständnis und Freundschaft kleine Wunder bewirken können – gerade in Anbetracht dessen, dass das Buch bereits für junge Leser ab 10 Jahren gedacht ist. Ich denke, wer sich wirklich ernsthaft mit dem Thema Asperger und Autismus beschäftigen möchte, sollte lieber zu einer (Auto-)Biographie oder einem Fachbuch greifen. „Schwarzweiß hat viele Farben“ jedoch ist definitiv mehr fürs Herz!

Ein schönes Buch mit vielen emotionalen Momenten, das junge (und natürlich auch erwachsene) Menschen einfühlsam für das Thema Autismus und Inklusion sensibilisiert und vielleicht auch als Lektüre für die Schule geeignet ist.

4,5 von 5 Schreiberpaletten

Kommentare:

  1. Eigentlich würde ich dem Buch ja gerne eine Chance geben .. aber zur Zeit herrscht eine solche Flut an Titeln zu Autismus speziell und Inklusion allgemein, dass man gar keine Lust hat, noch mehr in diese Welt abzutauchen. Zumindest mir geht es so. Auf dem Buchmarkt scheint sich damit auf jeden Fall ein neuer Trend zu entwickeln, der von Fach- und Sachbüchern jetzt zu Kinder- und Jugendbüchern und somit zur potentiellen Klassenlektüre (wie du schon angedeutet hast) rüberschwingt.. Ich glaube dir, dass es etwas ganz besonderes ist. Aber leider bedient auch diese Autorin momentan lediglich einen Markt, der danach schreit. Und das nimmt der Geschichte schon wieder das Besondere.. naja, vielleicht versuche ich es ja doch noch^^

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    1. Interessant, mir ist noch gar nicht aufgefallen, dass Autimus gerade in so vielen Jugendbüchern verwurschtelt wird! Da hast du als (angehende?) Buchhändlerin natürlich den besseren Überblick. Mein letztes Buch zu diesem Thema war "Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können", eine Autobiographie aus der Sicht einer Mutter eines Autisten.
      Gibt es denn gute Bücher zu dem Thema, die du noch empfehlen könntest? :-)

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Von der Wiege bis zur Bahre - Kommentare, Kommentare! Und ich freue mich über jeden Einzelnen davon. :-)