Montag, 7. April 2014

Aktion "Würzburg liest ein Buch": Leonhard Franks "Die Jünger Jesu"

Wie ihr ja vielleicht wisst, wohne ich in dem schönen unterfränkischen Städtchen Würzburg. In dieser Woche findet, initiiert u. a. von verschiedenen Buchhändlern, Büchereien und der Leonhard-Frank-Gesellschaft, eine große Aktion zu dem Buch "Die Jünger Jesu" statt. Es gibt Lesungen, Vorträge, Kunstprojekte, Zeitzeugenberichte und sogar einen Literaturexpress (Eine kleine Straßenbahn, in der aus dem Buch vorgelesen wird.).

Wider Erwarten ist mein Dienstplan diese Woche so, dass ich sogar zu zwei Vorträgen gehen kann, die mich wirklich sehr interessieren. Es handelt sich dabei um Zeitzeugenberichte über die (Nach-)Kriegszeit, und ich bin sehr gespannt, was die Betroffenen berichten werden!

Mit dem Buch habe ich gestern angefangen, und obwohl es rein von der Inhaltsangabe kein Buch wäre, zu dem ich normalerweise gegriffen hätte, gefällt es mir bislang gut. Auch wenn die Thematik schwierig und traurig ist. Es fällt mir schwer, mir Würzburg in seinem völlig zerstörten Zustand vorzustellen, da ich nur das wiederaufgebaute, wunderschöne Würzburg mit all seinen sehenswerten Kirchen und Denkmälern wie die Residenz oder die Festung Marienberg kenne. Deshalb finde ich gleich den Beginn der Geschichte sehr beklemmend:

>>> Würzburg am Main, die Stadt des Weines und der Fische, der Kirchen, gotisch und barock, wo jedes zweite Haus ein unersetzliches Kunstdenkmal war, wurde nach dreizehnhundertjährigem Bestehen in fünfundzwanzig Minuten durch Brandbomben zerstört. Den folgenden Morgen floß der Main, in dem sich die schönste Stadt des Landes gespiegelt hatte, langsam und gelassen durch Schutt und Asche, hinaus in die Zeit. <<<

Das rund um den Dom zerstörte Würzburg (April 1945).
Der Würzburger Dom heute.


Nun noch ein paar Worte zu dem Autor und seinem Werk:

Leonhard Frank wurde 1882 in ärmlichen Verhältnissen in Würzburg geboren, lebte später in München, Berlin und Zürich. Nach der Machtergreifung der Nazis flieht Leonhard Frank 1933 aus Deutschland, u. a. nach Zürich und Paris, wird zweimal in Frankreich interniert und schafft es letztendlich 1940 in die USA, wo er sich durch den Verkauf seiner Bücher, aber auch durch die Unterstützung von Hilfskomitees über Wasser hält.

1950 kehrt er nach Deutschland zurück, wo er sich in München niederlässt. Er wird Mitglied in der Bayerischen Akademie der Künste und erhält zahlreiche Auszeichnungen (u. a. die Silberne Plakette der Stadt Würzburg und das Bundesverdienstkreuz).

Leonhard Frank stirbt am 18.8.1961 in München.


"Die Jünger Jesu" schrieb Frank kurz nach Ende des 2. Weltkrieges aus seinem Exil in New York, es wurde 1949 zum 1. Mal verlegt. Das Buch spielt 1946 in Würzburg, das bei einem Bombenangriff am 16. März 1945 zum größten Teil zerstört wurde. Lebensmittel, Kleidung und alles andere Notwendige zum Leben sind Mangelware. Eine Gruppe von Kindern, die sich "Die Jünger Jesu" nennt, nimmt von den Reichen und verteilt das Diebesgut an die Armen weiter. In einer Nebenhandlung geht es außerdem noch um die jungen Frauen Ruth und Johanna. Ruth musste mit ansehen, wie ihre Eltern von Nazis erschlagen wurden, sie selbst wurde in ein Nazi-Bordell verschleppt. Nach zwei Jahren kehrt sie als wandelnde Leiche nach Würzburg zurück. Die gleichaltrige Johanna, Ruths Freundin, haust auf sich alleine gestellt in einem verfallenen Ziegenstall und verliebt sich in einen amerikanischen Soldaten.

In diesem Werk schildert Leonhard Frank die Ungerechtigkeit der Justiz im Umgang mit Alt-Nazis und das Fortleben von Nazigedankengut, was ihm die Würzburger nach Erscheinen des Romans ziemlich übel nahmen. Obwohl er 1914 mit seinem Werk "Die Räuberbande" literarischen Ruhm über die Stadt gebracht hatte, fiel Frank mit seinen Jüngern Jesu in seiner Heimatstadt in Ungnade, und erst Anfang der 80er Jahre erfolgte eine Aussöhnung durch die Gründung der Leonhard-Frank-Gesellschaft.


Ich persönlich finde es toll, dass es so eine Aktion gibt! Obwohl es ein großes Programm gibt, habe ich jedoch den Eindruck, dass sie an den meisten Würzburgern wieder mal unbeachtet vorbeigehen wird. Auch finde ich persönlich es ungünstig, dass so viele interessante Veranstaltungen an Werktagen tagsüber stattfinden - für das arbeitende Volk nicht ganz so praktisch. Ich werde auf jeden Fall kurz von den Zeitzeugenberichten erzählen, wenn es euch interessiert. 

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