Mittwoch, 18. Juni 2014

Rezension: "Kein Gott wie jeder andere" von Chris Lind

Man beachte bitte die formschönen Gipsabdrücke von Zeus und Hermes!
Daten zum Buch:
erschienen am: 1. April 2014
Verlag: Sieben-Verlag
ISBN: 9783864433498
200 Seiten
Preis: 14,90 €

Zum Inhalt:
Dr. Cassandra Leda, genannt Cassie, ist nicht nur frisch geschieden, auch beruflich läuft es nicht so optimal. Ihre neu gegründete Ein-Mann-PR-Firma in Kassel wirft nichts ab, Kunden sind bislang nur Wunschdenken. Da kommt es ihr gerade recht, als eines Tages vier neue, zahlungskräftige Herren unangekündigt ihr Büro stürmen. Doch der Geldsegen muss hart erarbeitet werden, denn bei den neuen Kunden handelt es sich um die olympischen Götter höchstpersönlich! Nachdem diese irgendwie die letzten zweitausend Jahre verpennt haben, müssen sie sich auf der Erde nun neu zurecht finden. Und nachdem Griechenland bankrott ist,  bietet es sich einfach an, in ein anderes Land zu ziehen, in dem es sich die Bewohner noch leisten können, Denkmäler für die Götter zu bauen – wenn sie denn noch an sie glauben würden...

Cassie sieht sich nicht nur vor das Problem gestellt, sich mit 12 teils sehr launischen Göttern und Göttinnen herumzuärgern, die sie unauffällig in die Bundesrepublik und ihren Talenten entsprechend in die Arbeitswelt integrieren und deren Fehltritte sie ausbügeln muss. Noch dazu verdreht ihr Apollon, Gott des Lichts und vielem mehr, den Kopf. Doch sollte man sich wirklich auf einen Gott einlassen, wenn man Gefahr läuft, in einen Buchsbaum oder Mops verwandelt zu werden? Und zu allem Überfluss nervt Cassie der attraktive, aber aufdringliche Journalist Lennert, der sich in den Kopf gesetzt hat, unbedingt einen Artikel über sie und ihre interessanten Klienten zu schreiben...

Meine Meinung:
Die Autorin Christiane Lind ist schon seit ihrer Kindheit fasziniert von den alten Mythen und Sagen, wobei sie hier ein besonderes Faible für die griechischen Olympioi entwickelte – so zu entnehmen aus dem Nachwort. Auch ich habe mich als Altertumswissenschaftlerin intensiv mit den griechischen Mythen beschäftigt und war sehr erfreut, dass die Autorin sich hier nicht kopflos irgendwelcher mythischen Figuren bedient hat, sondern sich auch tatsächlich sehr gut mit den doch teilweise sehr komplexen griechischen Sagen auskennt. Gleich auf der ersten Seite dachte ich mir bei der Erwähnung des Satyrs Marsyas: „Hm, ob jeder etwas mit diesem Namen anfangen kann bzw. weiß, welche Geschichte dahinter steckt?“ Doch auch hier hat Frau Lind vorgesorgt und einen ausführlichen Anhang beigefügt, in dem man alles über die agierenden Götter, alle erwähnten mythischen Wesen sowie die Liebschaften von Zeus und Apollon nachlesen kann. Ich betone dies gleich zu Beginn, denn ich bin auf diesen Anhang nur durch Zufall gestoßen (Man schlägt ja normalerweise das Buch nicht von hinten auf.), lege ihn aber jedem ans Herz, der nicht 100%ig sicher in der altgriechischen Mythenwelt unterwegs ist oder das ein oder andere Detail schon wieder vergessen hat.

Der Schreibstil hat mir auf Anhieb gefallen, sehr witzig, aber nie albern oder zu gewollt. Das Buch liest sich sehr flüssig, und ich bin richtig durchgedüst. Die Geschichte ist aus Cassies Sicht geschrieben, und ihre Gedanken sind meist sehr amüsant zu lesen. Sie neigt zu (Selbst-)Ironie, mitunter Sarkasmus, und weiß nach dem ersten Schock mit den launischen Göttern kompetent und konsequent umzugehen. Alleine ihre (körperliche) Reaktion auf Hades, Gott der Unterwelt, ist jedes Mal ein Lacher.

Generell mochte ich Cassie, aber im Laufe der Geschichte entwickelte sie ein paar Eigenschaften, die mich leicht annervten. So wird sie dank des Geldsegens eine kleine Markensau, und am meisten gestört hat mich, wie sehr sie auf Sex fixiert war. Letzteres könnte man damit entschuldigen, dass sie immerhin von einem echten Gott verführt wurde. So wie ich die göttliche Einwirkung bei allem vorschiebe, was mir etwas zu schnell, zu problemlos und zu unlogisch ablief.

Die Götter fand ich sehr passend und mit einem liebevollen Augenzwinkern charakterisiert. Christiane Lind hat die Eigenschaften, die den Göttern in den Mythen zugesprochen werden, sehr gut herausgearbeitet und in die moderne Welt übertragen. Während z. B. Zeus als ewig notgeiler Göttervater seine Berufung als Jurymitglied einer Model-Castingshow findet, versucht der dauerbesoffene Dionysos, sich den Ballermann untertan zu machen. Auf solche Ideen muss man erstmal kommen - herrlich! Die Götter sind alle grundverschieden, unterschiedlich (un)sympathisch und (un)kooperativ, so dass sich hier ein kunterbunter Haufen findet, den Cassie wie einen Sack Flöhe hüten muss. Sowohl die Protagonistin als auch manche der Götter machen im Laufe der Geschichte eine Entwicklung durch, was ich recht spannend fand.

Das Ende bezüglich Cassies Liebesleben war keine Überraschung, aber für mich stand das auch nie so sehr im Vordergrund, sondern die Geschichten rund um die Götter. Leider mochte ich Lennart irgendwie nicht, obwohl er hier sicherlich die Rolle des „good guy“ innehat. Aber ich fand ihn ziemlich uninteressant, und er ist Cassie bereits nach dem 1. Treffen wie ein liebestolles Hündchen hinterhergewackelt – ganz ohne Einwirkung der Götter. Irgendwie hatte ich keinen Respekt vor ihm. Für mich persönlich hätte die Geschichte auch ohne ihn funktioniert.

„Kein Gott wie jeder andere“ ist ein in sich abgeschlossener Roman, doch sowohl die letzte Seite als auch das Nachwort der Autorin lassen auf ein weiteres Abenteuer hoffen. Vielleicht sind ja nun die nordischen Götter dran? Sollte es zu einer Fortsetzung kommen, bin ich auf jeden Fall gerne wieder dabei bei diesem im wahrsten Sinne des Wortes göttlichen Spaß!
 
5 von 5 Schreiberpaletten

1 Kommentar:

  1. Tolle Rezi - mir hat es auch super gefallen. Und ich will mehr davon!
    Liebe Grüße Hanne

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Von der Wiege bis zur Bahre - Kommentare, Kommentare! Und ich freue mich über jeden Einzelnen davon. :-)