Freitag, 27. Juni 2014

Rezension: "A wie Asozial - So demontiert Hartz IV den Sozialstaat" von Franziska Reif und Tobias Prüwer

Daten zum Buch:
erschienen am: 24. April 2014
Verlag: Tectum Sachbuch
ISBN: 9783828832824
256 Seiten
Preis: 17,95 €

Zum Inhalt: 
„Wer Hartz IV bezieht, ist zu faul zum Arbeiten und will sich bloß in der sozialen Hängematte ausruhen!“ Solchen und ähnlichen Vorurteilen sehen sich Sozialleistungsempfänger in Deutschland tagtäglich ausgesetzt. Doch wie sieht es wirklich aus in den heiligen Hallen der Arbeitsagenturen? Wie erfolgreich ist die damals so stark angepriesene Hartz IV-Reform bislang gewesen, wie viele Menschen hat sie wieder in Lohn und Brot gebracht?

Franziska Reif und Tobias Prüwer haben das Schreckgespenst „Hartz IV“ in ihrem Buch bis auf die Knochen durchleuchtet. Sie führen uns durch „schmucklose Schalterhallen und ein bürokratisches Absurdistan“ und zeigen uns Regelungen auf, die uns am gesunden Menschenverstand unserer Politiker ein weiteres Mal stark zweifeln lassen. Am Ende kann man nur zu dem Schluss kommen: „Nicht die Langzeitarbeitslosen, sondern die Hartz-IV-Maßnahmen verdienen die Bezeichnung asozial.“ 

Meine Meinung: 
Ich entschuldige mich bereits vorab für die Länge dieser Rezension. Doch da in „A wie Asozial“ ein sehr komplexes Thema behandelt wird, wollte ich unbedingt meine ausführliche Meinung dazu darlegen.

Zuerst einmal: Dieses Buch polarisiert sehr stark, denn darin wird nicht erst diskutiert, ob Hartz IV sinnvoll ist, werden nicht die Vor- und Nachteile beleuchtet. Die Autoren sind ganz eindeutig contra Hartz IV und machen dies auch sehr deutlich. Dieses Buch will aufräumen mit den vielen Vorurteilen: Hartz IV-Bezieher sind faul, ruhen sich in der sozialen Hängematte aus, werden nur tätig, wenn sie dazu gezwungen werden, und verschwenden ihr Geld für Luxusgüter. Wir lernen, wie leicht es für Bezieher ist, selbst bei gutem Willen und absolutem Gehorsam Leistungen (unrechtmäßig) gekürzt zu bekommen, wie demütigend das Herumkommandieren seitens der Argen sein kann oder mit welch unsinnigen Maßnahmen sie in die Berufswelt wieder eingegliedert werden sollen.

Auch wenn ich schon einiges über Hartz IV wusste, so habe ich hier wahnsinnig viel gelernt. Fakt ist, dass man nach einem Jahr Hartz IV eigentlich keine Chance mehr hat, von der Arge vermittelt zu werden, und es nur aus eigenem Antrieb schaffen wird, wieder in Lohn und Brot zu kommen. Denn nach einem Jahr wird man sowieso von den Behörden auf die Seite geparkt, nur die „frischen“ Fälle sind erfolgsverheißend, und es zählt nur die Statistik! Da werden Leute immer wieder gerne in nutzlose Maßnahmen (Strickkurse – hallo?!) oder unbezahlte bzw. vom Staat größtenteils subventionierte Praktika oder Saisonarbeiten gesteckt, nur um aus der Statistik zu fliegen. Denn Menschen sind keine Menschen, sie sind Fälle, und es gibt klare Zielvorgaben, wie viele dieser Fälle offiziell vermittelt werden müssen, um gut dazustehen. So passiert es, dass jemand immer mal wieder für ein paar Monate in einen doofen Job gesteckt wird, dann wieder ein paar Monate arbeitslos ist usw. Wenn die Arge das z. B. dreimal mit jemandem macht, dann kann sie tatsächlich behaupten, sie hätte drei Fälle vermittelt, denn ein Leistungsbezieher zählt nicht als ein Mensch, sondern als ein Fall. Übrigens: Selbst der Bundestag leiht sich gerne mal Hartz IV-Bezieher als billige Arbeitskräfte aus – wo soll das hinführen, wenn selbst die Obersten Deutschlands mit schlechtem Beispiel vorangehen?

Hier mal ein paar Beispiele, die mich besonders wütend gemacht haben:

- Ein Busfahrer, der monatelang ein unbezahltes Praktikum machen musste, und als dieses von der Firma vorzeitig gekündigt wurde, wurden IHM die Leistungen gekürzt.
- Die Tochter eines Leistungsempfängers, deren Fallmanager sie zwingen wollte, die Schule abzubrechen, und statt das Abitur zu machen, doch lieber mal eine Ausbildung anzufangen und Geld zu verdienen.
- Ein Akademiker, der sich bei der Erwerbsloseninitiative(!) anschreien lassen musste, er soll sich nicht so anstellen, andere Akademiker sind sich auch nicht zu schade für jeden Drecksjob. Er wollte sich nämlich dagegen wehren, als Saisonkraft bei Dauerausbeuter Amazon (zusammen mit Hunderten von  anderen Leistungsempfängern) verheizt zu werden.

Natürlich, schwarze Schafe gibt es überall. Und gerade diese fallen am meisten auf, weil die Medien viel lieber den faulen „Hartzer“ zeigen, der Leistungen in Deutschland bezieht und ein Luxusleben auf Mallorca führt, als den, der im Jahr 200 Bewerbungen schreibt, sich bis auf einige Tage im Jahr nicht von seinem Wohnort entfernen darf, um rund um die Uhr für potentielle, plötzlich aus dem Boden schießende Jobs zur Verfügung zu stehen und von seinem Sachbearbeiter zu einem psychologischen Test gezwungen wird und plötzlich als geistig behindert eingestuft wird, um auch die blödesten Jobs oder Tätigkeiten in Behindertenwerkstätten annehmen zu müssen (Was laut diesem Buch öfter passiert!).

Aber auch die andere Seite des Schreibtisches wird beleuchtet, was ich persönlich sehr wichtig finde. Auch Vorurteile gegenüber den Mitarbeitern der Argen werden abgebaut. Zwar gibt es durchaus Sachbearbeiter, die ihre Machtposition ausnutzen, gerne ihre „Kunden“ triezen, Bezüge ohne Sinn und Verstand kürzen und einen rauen Umgangston pflegen. Doch zahlreiche Berichte von Angestellten zeigen, dass auch sie machtlos sind, angekotzt von absurden Reglements, die ihnen immer wieder die Hände binden und sie oft dazu zwingen, Sanktionen durchzuführen, wo sie es selbst als unangebracht sehen. Etliche dieser Mitarbeiter geraten selbst oft durch befristete Verträge in die Hartz IV-Mühle, dürfen quasi beide Seiten des Schreibtisches austesten. Oft sind die Ämter so schlecht besetzt, dass ein Mitarbeiter für mehrere 100 Kunden verantwortlich ist, was es ihm unmöglich macht, auf die Situation des Einzelnen näher einzugehen.

Wir haben es hier übrigens nicht mit einer Sammlung von Anekdoten zu tun. Auch wenn hier öfter mal Leistungsbezieher und Angestellte zitiert werden, so ist dieses Buch ganz klar ein Sachbuch und kein Erlebnisbericht. Manche Absätze oder Seiten fand ich ziemlich anstrengend, da viele Fakten aufgetischt wurden. Die Autoren haben ihre Arbeit wirklich sehr ordentlich gemacht und alle Quellen angegeben. Was zwar manchmal dazu führte, dass der Text unübersichtlich wurde, aber seit Guttenberg wissen wir ja, dass man mit solchen Angaben nicht geizen sollte. Wer sich also noch intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, hat hier zahlreiche Quellen zum Nachlesen, die durch ein noch ausführlicheres Literaturverzeichnis ergänzt werden.

Zwei Kritikpunkte hätte ich aber noch: Erstens ist das Buch schon recht einseitig geschrieben. Hartz IV wird hier sehr verdammt, und die Bezieher allesamt als arme Opfer dargestellt. Nicht falsch verstehen – dass dieses System krankt, ist nicht erst nach Lektüre dieses Buches offensichtlich. Und die tatsächlichen Ausbeuter und Schmarotzer des Systems sind weit in der Unterzahl. Aber es ist mir doch manchmal zu sehr schwarz-weiß gezeichnet.

Zweitens: Die Autoren, die beide aus den Geisteswissenschaften kommen, schreiben sehr eloquent und anspruchsvoll, was zu einem Sachbuch mit wissenschaftlichem Anspruch auch durchaus passt. Aber dadurch empfand ich die Lektüre an vielen Stellen auch etwas trocken und mit Fakten überfrachtet, obwohl ich selbst Geisteswissenschaftlerin bin. Zudem hatte ich das Gefühl, dass sich einiges – in andere Worte gehüllt – wiederholte, eventuell hätte man den einen oder anderen Absatz etwas abspecken können.

Ich empfehle dieses Buch nicht vorrangig Betroffenen, denn die wissen ja selbst leider zur Genüge über die Tücken von Hartz IV Bescheid. Ich empfehle es Menschen, die sich für die Thematik und Problematik von Hartz IV interessieren, und vor allem möchte ich es denjenigen ans Herz legen, die gegenüber Sozialleistungsbeziehern Vorurteile haben, weil sie sich mit deren Situation noch nie auseinandergesetzt 
haben. 

4 von 5 Schreiberpaletten

1 Kommentar:

  1. Eine wirklich sehr schöne Buchbesprechung und du bringst die wichtigsten Punkte zum Ausdruck. Seitens ALG II-Empfängern, Seitens der Amtsmitarbeiter und das auf beiden Seiten nicht alle Seiten gleich sind. :)

    Liebe Grüße
    Sarah

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