Montag, 18. August 2014

Rezension: "Können Sie strippen? Aus dem Alltag einer Jobvermittlerin" von Ina Freiwald

Daten zum Buch:
erschienen am: 12. September 2011
Verlag: Riemann
ISBN: 9783570501351
315 Seiten
Preis: 9,99 €

Zum Inhalt:
Eigentlich schreibt die studierte Theaterwissenschaftlerin Ina Freiwald über die Glitzerwelt der Schönen und Reichen. Doch die Wirtschaftskrise erwischt auch sie eiskalt, und so muss sie sich unter Anderem als Dozentin über Wasser. Eines Tages landet sie als freie Mitarbeiterin bei einem der zahlreichen Bildungsinstitute, die von der Arbeitsagentur engagiert werden, um Arbeitssuchende wieder in Lohn und Brot zu bringen.

In ihrem ersten Kurs soll sie den Teilnehmern unter Anderem deren Bewerbungsunterlagen aufpolieren und ihnen helfen, einen Praktikumsplatz zu finden. Bislang völlig unbedarft im Umgang mit Arbeitslosen, sieht sich Ina Freiwald schnell mit unmotivierten, aufmüpfigen Langzeitarbeitslosen, verzweifelten Kollegen und den irrwitzigen Regelungen der ARGEN konfrontiert.

Meine Meinung:
Zuerst einmal finde ich den Titel "Können Sie strippen?" total übertrieben und reißerisch, die halbnackten Männer auf dem Cover sind absolut unangemessen. Außerdem hatte ich vom Klappentext her eher jemanden erwartet, der schon länger im Bereich Arbeitsvermittlung tätig ist und hier aus einem reichhaltigen Fundus schöpfen kann. Stattdessen trifft die Autorin zum 1. Mal auf die Spezies einer ihr unbekannten Art, den Arbeitslosen.

Was ich von Frau Freiwald halten soll, weiß ich immer noch nicht so genau. Generell war sie mir schon recht sympathisch, aber manchmal fand ich sie naiv und voller Vorurteile.So fing es schon auf den ersten Seiten damit an, dass sie sich überlegt, was sie für ihren 1. Seminartag anziehen soll. Denn Arbeitslose sind ja sicherlich sehr nachlässig mit ihrem Erscheinungsbild, und so wäre es wohl unangebracht, sich fein zu kleiden...

Frau Freiwald hat keinerlei Plan von Hartz IV und sonstigen Regelungen, die Arbeitssuchende betreffen. Zwar jammert sie, dass sie auch öfter Zeiten hatte, in denen sie von ihrer journalistischen Tätigkeit nicht leben konnte, und die Dozententätigkeit nimmt sie auch nur aus finanziellen Gründen an. Aber so weit, dass sie selbst vom Amt abhängig war, kam es bei ihr zum Glück noch nicht, und dank eines gut verdienenden Mannes kann man sich doch das ein oder andere leisten. Dementsprechend wenig kennt sich Frau Freiwald in der Thematik aus, hält es aber auch nicht für nötig, sich vorab zu informieren, sondern pflegt lieber weiter ihre Vorurteile. So ist sie auch etwas verblüfft, dass einige Teilnehmer keine Lust mehr auf den hundertsten Kurs gleichen Inhaltes haben, denn Frau Freiwald ist absolut überzeugt, dass die von den ARGEN aufgebrummten Seminare immer nützlich sind.

Wie Kapitalismus, Ausbeutung und Hartz IV eigentlich wirklich funktionieren, erfährt sie dann auch vor allem von ihrer neunmalklugen Tochter, die kurz vor dem Abi steht und die Mutter mit flammenden Reden und Buchempfehlungen darüber aufklärt, wie schlecht die Welt doch eigentlich ist. Ich weiß nicht, ob diese Gespräche wirklich so stattgefunden haben und gehe davon aus, dass diese etwas seltsamen Dialoge eher als Stilmittel dienen, um dem Leser zu erklären, wie der Hase läuft.

Die Kursteilnehmer sind dann auch allesamt Stereotypen, welche Frau Freiwald sicherlich auch genau so kennengelernt hat, aber trotzdem hat es mich etwas genervt, dass man hier mit den typischen Klischee-Arbeitslosen konfrontiert wurde. Die Ausländer, die kein Wort Deutsch verstehen und den Kurs stoisch lächelnd über sich ergehen lassen. Der herablassende Ex-Filialleiter, der sich für alles zu schade ist. Der junge Mann, der in dritter Generation Hartz IV bezieht und lieber Sanktionen hinnimmt, als auch nur einmal den Seminarraum zu betreten. Der übergewichtige Choleriker; der verzweifelte Ü50-Langzeitarbeitslose; die ehemalige Drogendealerin aus zerrütteten Familienverhältnissen. Ein paar Teilnehmer gaben sich tatsächlich auch etwas Mühe, aber dennoch hat mir jemand gefehlt, der z. B. einen akademischen Hintergrund hat und/oder wirklich alles tut, um wieder eine Arbeit zu finden.

Alles in Allem fand ich das Buch etwas langweilig. Der aufreißerische Titel ließ mich etwas ganz Anderes erwarten. Der Schreibstil ist in Ordnung, Frau Freiwald hat auch einen feinen Sinn für Humor und ist durchaus belehrbar und selbstkritisch und versucht sogar, eine Beziehung zu ihren Schäfchen aufzubauen. Aber leider hat "Können Sie strippen" mich nicht sonderlich angesprochen.

2,5 von 5 Schreiberpaletten

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