Dienstag, 16. September 2014

Rezension: "Hättest halt kein Kind gekriegt! Auf der Suche nach mütterlicher Identität in der Leistungsgesellschaft" von Karin Steger

Daten zum Buch:
erschienen im: August 2014
Verlag: Kremayr & Scheriau
ISBN: 9783701505654
176 Seiten
Preis: 22,00 €

Zum Inhalt: 
Bevor Karin Steger ihr erstes Kind bekommt, ist sie erfolgreich in ihrem Traumberuf  als Journalistin, Moderatorin und Sängerin. Doch als alleinerziehende Künstlerin muss sie nicht nur beruflich umdenken. Die Aufträge bleiben aus, für Traumengagements ist sie zu unflexibel, das Konto rutscht zeitweise in die roten Zahlen. Sie fühlt sich ausgebrannt, kann nicht mehr. Auch später mit einem neuen Mann an ihrer Seite und Kind Nr. 2 fällt es ihr schwer, alle wichtigen Aspekte in ihrem Leben zufriedenstellend unter einen Hut zu bringen. Als ihr Partner den Satz fallen lässt: „Hättest halt kein Kind gekriegt!“, zieht es der zweifachen Mutter den Boden unter den Füßen weg. Über einen Zeitraum von sieben Jahren erzählt sie von ihrem Kampf um Anerkennung in der Gesellschaft.

Meine Meinung:
Eins vorweg: Ich habe keine Kinder, fand die Thematik dennoch sehr interessant. Ich hatte erwartet, hier einen ehrlichen Einblick in das Leben einer Mutter zu erhalten, die versucht, allen gerecht zu werden, sich kritisch mit der Gesellschaft auseinandersetzt und vielleicht sogar Lösungsansätze anbietet – wie es Mütter schaffen, mehr Akzeptanz zu finden, oder zumindest, wie sie selbst es geschafft hat, aus ihrer unbefriedigenden Lebenssituation herauszufinden.

Meine Erwartungen wurden leider nur zu einem geringen Teil erfüllt. Am Anfang fand ich Karin Stegers Schilderungen durchaus interessant. Sie ist ehrlich zu sich und den Lesern und gewährt tiefe Einblicke in ihre damalige Verzweiflung als Mutter, zuerst alleinerziehend, dann mit einem neuen Partner. Doch nach ca. 60 Seiten war ich schon etwas leicht genervt von der ständigen Jammerei, so dass doch tatsächlich böserweise einmal kurz bei mir der Satz aufleuchtete: „Hätte sie halt kein Kind gekriegt...“ Dass dieser Satz aus dem Mund ihres Mannes kam, wunderte mich überhaupt nicht, denn Karin Steger jammert in einer Tour, egal ob sie alleinerziehend oder in einer Beziehung ist.

Nicht falsch verstehen: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es furchtbar anstrengend ist, eine berufstätige Mutter zu sein! Und dass es für eine erfolgsverwöhnte Frau eine enorme Umstellung ist, von einem super bezahlten Traumjob, bei dem man die ganze Welt erkundet und Abenteuer erlebt, zu weniger spannenden Tätigkeiten vor Ort verdammt zu werden. Jedoch denke ich, dass Karin Steger sich glücklich schätzen kann, immerhin hat sie 10 Jahre lang eine Traumkarriere gehabt, was nicht jedem vergönnt ist, und konnte auch noch als Mutter weiterhin als Künstlerin arbeiten, wenn auch mit Einschränkungen.

Das Buch fängt damit an, dass die Autorin – noch alleinerziehend –  kurz vor dem Burn Out steht. Dafür hat sie mein vollstes Verständnis. Wenn man jedoch bedenkt, dass sich das Buch über einen Zeitraum von ca. sieben Jahren zieht, wurde mir das Gejammer doch irgendwann ein bisschen zu viel. Irgendwann muss es doch mal besser werden, dachte ich mir. Ich bekam in der ersten Hälfte des Buches den Eindruck, dass Kinder einem eigentlich nur das Leben versauen. Zum Glück wurden die Erzählungen über ihre Kinder irgendwann tatsächlich liebevoller, aber doch gerade anfangs vermittelte mir die Autorin ein äußerst negatives Bild über das Mutterdasein. Vielleicht ist dies ein von ihrer eigenen Mutter verursachtes Trauma, die kurz hintereinander ungewollt zwei Kinder bekam und Tochter Nr. 2 (= die Autorin) als „Todesurteil“ für ihr eigenes, auf eine Karriere ausgelegte Leben betrachtete...

Der Untertitel lautet „Auf der Suche nach mütterlicher Identität in der Leistungsgesellschaft“, aber Erlebnisse mit der Gesellschaft werden eigentlich keine genannt, es gibt lediglich allgemeine Aussagen über die Probleme von Eltern. Das alles hat mir das Gefühl gegeben, dass Karin Stegers Probleme eher hausgemacht sind und vor allem in ihrer eigenen Person liegen. Sollte dies nicht der Fall sein, tut mir diese Unterstellung zwar leid, aber so kam das leider rüber in diesem Buch.

Auf der einen Seite schildert sie auf fast zwei Seiten, wie toll der Kopf ihres Sohnes riecht. Auf der anderen Seite kommen die eigentlich von mir erwarteten Themen (z. B. Mütter in der Gesellschaft sowie Lösungsansätze) viel zu kurz. Ihr Allheilmittel wären ein bedingungsloses Grundeinkommen für Eltern und eine 30-Stunden-Woche für alle, sie geht darauf aber auch nicht näher ein – sicherlich unter Anderem, da solche Dinge höchstwahrscheinlich kaum umsetzbar wären. Die ganze Zeit jammert sie über verpasste Karrierechancen und wie wenig Freizeit sie hat, weil sie sich um ihre Kinder kümmern muss, schlägt aber gleichzeitig ernsthaft vor, dass Kinderlose bei einer 30-Stunden-Woche dann ja in der neu gewonnenen Freizeit auf die Kinder anderer Leute aufpassen könnten, um mehr Lebensfreude zu empfinden. Nach ihrer eigenen Jammerei finde ich es unangebracht, Kinderlosen zu unterstellen, sie hätten ohne Kinder weniger Freude im Leben.

Der Schreibstil ist lebendig, aber leider auch etwas chaotisch. Nicht nur, dass sie zeitlich hin- und herspringt (Mal ist die Tochter schon größer, dann wieder ein Baby, das zweite Kind da, dann wieder nicht.), es fehlt auch einfach ein roter Faden, eine Struktur.

Das klingt alles ganz furchtbar negativ, ich gebe es zu. Dabei ist das Buch schon recht unterhaltsam, und ich schätze Karin Stegers Ehrlichkeit, denn Muttersein ist nunmal nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, und es ist gut, wenn jemand das so offen aufzeigt. Aber „Hättest halt kein Kind gekriegt!“ ist meiner Meinung nach ein autobiographischer Roman einer Mutter, die ihren verpassten Karrierechancen hinterhertrauert. Ich hatte jedoch aufgrund des Untertitels und des Klappentextes ein Buch erwartet, das sich kritisch mit den Problemen auseinandersetzt, auf die Eltern in der Gesellschaft treffen, was jedoch kaum thematisiert wird. Sehr schade.

Alles in allem würde ich dem Buch 2,5 Schreiberpaletten geben, runde aber auf 3 auf, da ich mir vorstellen könnte, dass Eltern zu diesem Buch vielleicht einen besseren Zugang finden als ich.
 
3 von 5 Schreiberpaletten

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