Sonntag, 28. September 2014

Rezension: "Paul ist tot. Witwengeschichten" von Regine Schneider

Daten zum Buch:
erschienen am: 26. August 2014
Verlag: Osburg
ISBN: 9783955100575
238 Seiten
Preis: 19,99 €

Zum Inhalt: 
In Deutschland leben über fünf Millionen Witwen, doch kaum einer nimmt sie in der Gesellschaft wahr, denn Tod und Trauer sind in unserem Land Tabuthemen. Den geliebten Menschen zu verlieren, der einen vielleicht schon ein ganzes Leben begleitet hat, ist ein großer Schock, mit dem nicht jeder umgehen, den nicht jeder verarbeiten kann. Und doch – das Leben geht weiter und wir müssen uns entscheiden, ob wir in unserer Trauer versinken oder ebenfalls weitermachen.

Regine Schneider lässt in ihrer Kurzgeschichtensammlung „Paul ist tot“ über 20 Frauen verschiedenen Alters zu Wort kommen, die alle grundverschieden sind, doch eines gemeinsam haben: Sie haben ihren Mann verloren.

Offen und ehrlich erzählen hier Witwen von dem Sterben ihrer Männer, ihrer eigenen Trauer und Wut und ihren Versuchen, mit dem Leben als plötzliche Witwen und Alleinerziehende umzugehen.

Meine Meinung:
Die 25 Kurzgeschichten sind jeweils unter 10 Seiten lang und lassen sich sehr schnell durchlesen, so dass man sich ständig denkt „Och, eine geht noch.“ - und schwupps, ist man durch mit dem Buch. An jedem Kapitel ist noch ein sachlicher Abschnitt angefügt, der thematisch zu dem geschilderten Erlebnis passt, z. B. Bestattungsvarianten, Sterben im Hospiz, Organentnahme oder Alzheimer.

Ich mag den Schreibstil, denn er ist nicht emotionen-erheischend, so dass es dem Leser selbst überlassen bleibt, ob und wie stark er mitfühlt. Regine Schneider lässt die Frauen völlig unkommentiert erzählen und die Geschichten jede für sich so stehen. Sie übernimmt nur das Vorwort und die sachlichen Erläuterungen, die völlig neutral geschrieben sind.

Anhand des Buchtitels hatte ich eine bunte Mischung erwartet, die ich auch bekommen habe. Es gibt hier die volle Bandbreite von Emotionen: Wut, Trauer, Verzweiflung, Suizidgedanken, Hoffnung, Freude, Erleichterung.

Auch wenn das rosa Cover mit der schwarzen Sonnenbrille und der lapidaren Aussage "Paul ist tot" es vielleicht vermuten lässt: Zum Lachen allerdings gibt es hier nichts, im Gegenteil. Obwohl der Schreibstil recht nüchtern daher kommt, sind manche der Geschichten für sich selbst schon so tragisch und traurig, dass man sehr betroffen ist von den Schicksalen. Egal, ob die Verstorbenen bzw. Witwen jung oder alt sind, egal ob Unfall, Suizid oder Krankheit. Die meisten der Geschichten konnten mich trotz des nüchternen Schreibstils wirklich berühren und machten mich nachdenklich.

Wie bereits im Untertitel „Witwengeschichten“ ersichtlich, kommen hier wirklich nur Frauen zu Wort. (Ein bisschen schade fand ich das schon, denn mich würde auch mal die Sicht von Witwern interessieren.) Die Frauen, die erzählen, sind ganz unterschiedliche Charaktere. Wir haben Frauen, die über den Tod des Manns nicht hinweg kommen und beschließen, nie wieder eine andere Beziehung einzugehen; Frauen, die in einer neuen Partnerschaft ihr neues Glück finden; Frauen, die über den Tod ihres Mannes erleichtert sind; Frauen, die beides empfinden; junge Mütter, die plötzlich nicht nur Witwen, sondern auch Alleinerziehende sind.

Neben der intensiven Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Trauer erhält man auch gute Tipps, wie man als Witwe wieder ins Leben zurückfindet. So werden z. B. Kreuzfahrten für verwitwete Menschen vorgestellt, bei denen man sowohl Spaß haben kann als auch unter Gleichgesinnten seinen Gefühlen freien Lauf lassen darf, oder die Möglichkeit, als Au Pair-Granny fremde Kulturen kennenzulernen und das Gefühl zu bekommen, gebraucht zu werden. Außerdem habe ich noch vieles lernen können, z. B. dass es erstaunlich viele und ungewöhnliche Bestattungsarten gibt – wusstet ihr, dass man aus der Asche eines Verstorbenen z. B. ein Feuerwerk machen oder sie als Baumaterial für ein Korallenriff nehmen kann?

Ergänzt werden die Kurzgeschichten und Erläuterungen noch durch eine kleine Liste empfehlenswerter Bücher. Der Tod ist in unserer Gesellschaft ein Tabu-Thema, und sicherlich muss es auch nicht sein, dieses Thema totzureden (Wortwitz unbeabsichtigt.), aber vielleicht sollten wir uns doch ein bisschen mehr damit auseinandersetzen, denn der Tod gehört nunmal leider auch zum Leben dazu.

4,5 von 5 Schreiberpaletten

Kommentare:

  1. Hört sich ein bisschen nach einem Witwenratgeber an und sieht ausschließlich so aus, soll zumindest wahrscheinlich das rosa Cover vermitteln... ;-)
    Auch wenn du schreibst, dass es alles andere als lustig geschrieben ist, ich finde, wenn man sich das Buch so ansieht, schaut es nach was Humoristischem aus.
    Und schade, dass nur Witwengeschichten enthalten sind, ich glaube, mich würde da auch eine Geschichte aus der Sicht eines Mannes reizen.

    Alles Liebe ♥
    Janine

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    1. Da hast du absolut Recht - ich hatte auch erst gedacht, dass die ein oder andere Geschichte lustig wird, denn Titel und Cover lassen das vermuten (Vielleicht sollte ich das doch noch in der Rezi irgendwo anmerken.). Ab und zu gibt es ein kleines bisschen Galgenhumor, aber eigentlich nicht in dem Umfang, dass man es wirklich als lustig betrachten könnte.

      LG

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