Sonntag, 19. Oktober 2014

Spielebewertung: "Fliegende Zeilen - Ein poetisches Spiel um Sinn und Unsinn"

Heute gibt es von mir mal keine "normale" Rezension eines Buches, sondern ich möchte euch ein neues Spiel für Fans von Literatur und Sprache vorstellen.


"Fliegende Zeilen" ist im moses-Verlag für 24,95 € (UVP) erhältlich. Laut Herstellerangaben ist es geeignet für 3-6 Spieler ab 12 Jahren.

Optisch ist das Spiel auf jeden Fall schonmal sehr ansprechend. Es ist nicht kunterbunt, sondern schlicht und elegant gehalten. Ich finde, man sieht ihm schon an, dass es sich hier nicht um ein Standardgesellschaftsspiel handelt, das man mal eben nebenbei wegspielt. Das hat auch den Nachteil, dass man Leute, die nicht so gerne lesen und sich mit Literatur beschäftigen, so gut wie gar nicht dazu bringen kann, dieses Spiel mit einem zu spielen. So erging es zumindest mir mit meinem Freund, der sich schlichtweg weigerte, das Spiel mit mir auszuprobieren. Ich schätze, die Aufmachung, der Titel und auch die Inhaltsangabe wirken etwas abschreckend auf Wenigleser. Also habe ich mir eine Freundin geholt, die gerne und viel liest. Um dann festzustellen, dass das Spiel ja erst ab 3 Spielern angeblich funktioniert! Also musste mein Freund doch noch mitspielen.

Inhalt
1 Vers-Verzeichnis mit 216 Zeilen bekannter und aufstrebender Dichter
30 Bewertungskarten von 1-5
6 Notizblöcke
5 Aufgabenkarten mit je 5 Aufgaben
1 Würfel
1 Sanduhr (90 Sekunden)


Vorbereitung
Jeder Spieler erhält einen Notizblock (+ Stift) sowie Bewertungskarten, und zwar eine weniger, als Spieler teilnehmen. Also wenn 4 Leute spielen, erhält man Bewertungskarten von 1-3. Die 5 Aufgabenkarten werden verdeckt in die Mitte gelegt.

Man kann so lange spielen, wie man möchte. Eine Runde wird mit ca. 4 Minuten veranschlagt. Für den Einstieg werden vom Hersteller 5 Runden empfohlen, also eine Spielzeit von 20 Minuten.

Und wie funktioniert das Ganze?
Es gibt bei jeder Runde einen Vorleser, der reihum im Uhrzeigersinn wechselt. Eine Runde besteht aus 3 Phasen.

1. Auswahlphase
Der Vorleser zieht die oberste Aufgabenkarte und legt sie sichtbar in die Mitte. Dann liest er die Aufgabe vor, die er erwürfelt hat (1-5). Bei einer 6 kann man sich eine Ausgabe frei auswählen.

Beispiel für eine Aufgabenkarte

Für die jeweilige Aufgabe muss eine Zeile aus dem Versverzeichnis verwendet werden. Alle Spieler müssen die gleiche Aufgabe mit der gleichen Vorlage erfüllen. Die zu bearbeitende Zeile ermittelt man, indem der Vorleser dreimal würfelt. Jede Zeile hat eine Kombination von 3 Ziffern.


2. Kreativphase
Der Vorleser dreht die Sanduhr um. In den 90 Sekunden versucht nun jeder, einen passenden Text auf seinem Notizblock zu entwerfen. In der Anweisung heißt es: "Aus der vorgegebenen Zeile muss ein neuer Text entstehen. Dabei ist es nicht immer möglich, die Zeile wortwörtlich zu übernehmen. Seien Sie kreativ! Gehen Sie erfinderisch mit der Aufgabe um! Letztlich ist erlaubt, was Ihre Mitspieler überzeugt." Es bleibt einem selbst überlassen, ob man z. B. reimt oder einen bestimmten Sprachduktus benutzt - außer, die Form ist bereits vorgegeben.

Nach den 90 Sekunden liest jeder Spieler sein Ergebnis vor. Natürlich dürfen die Mitspieler die Ergebnisse auch kommentieren. Dann kommt es zur

3. Bewertungsphase
Jeder muss nun seine Mitspieler bewerten. Derjenige, dessen Text einem am besten gefallen hat, erhält die höchste Punktzahl, der Zweitbeste einen Punkt weniger usw. Wenn jemand keinen Text geschafft hat, erhält er natürlich gar keinen Punkt. Die Bewertungskarten legt man verdeckt vor den jeweiligen Spieler. Wenn alle dann ihre Bewertungskarten verteilt haben, decken alle gleichzeitig auf und notieren ihre Punkte auf ihrem Notizblock.

Spielende
Das Spiel endet nach der Anzahl der vorher abgesprochenen Runden. Gewinner ist derjenige, der am Ende die meisten Punkte hat. Er darf sich dann "Meister der fliegenden Zeilen" nennen.

Eigenes Fazit
Generell ist die Grundidee dieses Spieles wirklich gut. Vor allem Literaturfans und Bücherwürmer werden hier angesprochen, aber eigentlich muss man nicht wirklich belesen sein, um hier auch seinen Spaß haben zu können. Eine gewisse Kreativität und der sichere Umgang mit Sprache sind hier aber unabdingbar, sonst hat man einfach keine Freude mit diesem Spiel. Denn 90 Sekunden sind wirklich nicht lange, um sich einen überzeugenden Text einfallen lassen zu können.

Bei der Umsetzung waren wir uns jedoch ziemlich schnell einig: Da fehlt noch einiges, um das Spiel auf Dauer auf einem hohen Level zu halten. 5 Aufgabenkarten bzw. 25 Aufgaben sind viel zu wenig. (Für den Anfang wird sogar noch empfohlen, eine spezielle Karte wegzulassen, da diese schon schwierigere Aufgaben enthält.) Schnell wiederholt sich da einiges, auch wenn durch die Kombination mit vielen verschiedenen Zeilen natürlich immer eine andere Kombi entsteht. Trotzdem machen die 5 Karten nicht viel her. Vielleicht hätte man lieber 25 Karten machen sollen, dann hätte man den einen Schritt mit dem Würfel gelassen und nur eine Karte gezogen und dann die Zeile ausgewürfelt. Wenn man merkt, dass man zufällig öfter die gleiche Aufgabe erwürfelt hat, kann man natürlich auch einfach eine andere nehmen. Aber damit wäre ja eben der Schritt mit dem Aufgaben-Erwürfeln eh hinfällig.

Die Aufmachung ist sehr simpel und zurückhaltend. Man benötigt im Endeffekt auch nicht viel für dieses Spiel, eigentlich könnte man es sich rein theoretisch selbst mit einfachen Mitteln zusammenbasteln. Zum Beispiel sind die Notizblöcke überflüssig, ein Stück Papier reicht, und die Bewertungskarten kann man sich auch selbst basteln. Diesen Kritikpunkt erwähne ich nur im Hinblick auf den Preis von knapp 25 €, der für aufwändig gestaltete Brettspiele sicherlich völlig normal und gerechtfertigt ist, aber uns einstimmig zu hoch vorkam, auch wenn die Verpackung sicherlich sehr hochwertig wirkt.

Alles in Allem kann man mit diesem Spiel sicherlich einen sehr lustigen Spieleabend haben. Voraussetzung ist jedoch, dass man dazu auch die nötige Grundstimmung hat und die richtigen Mitspieler auswählt. Wenn jemand keine Lust hat, sein Gehirn anzustrengen, wird das nichts. Wenn jemand keinen Spaß am Umgang mit Sprache hat und nicht gerne kreativ ist, dann ist es ebenfalls ein Schuss in den Ofen. Für alle Anderen aber kann es sicherlich ein kreatives Spiel mit vielen Lachern sein.


Vielen Dank an "Blogg dein Buch" und den Moses-Verlag für dieses Textexemplar!

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