Freitag, 28. November 2014

Rezension: "Drei ist keiner zu viel" von Miina Supinen

Daten zum Buch:
erschienen am: 20. Oktober 2014
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 9783518465516
299 Seiten
Preis: 14,99 €

Zum Inhalt:
Eigentlich ist Victor Allcock ja tot, doch bevor er endlich ins Jenseits hinübergleiten kann, erzählt er dem Leser noch seine Geschichte.

Der Professor für Klassische Archäologie lebt in Thessaloniki und kennt in seinem Leben nur zwei Lieben: Die Antike und die Frauen. Doch die Jobsituation in Griechenland ist aufgrund der Wirtschaftskrise bescheiden, und so nimmt er widerstrebend das Angebot seiner alten Studienfreundin Voula an, in Helsinki eine für ihn eher uninteressante Grabung zu leiten. Allerdings besteht Vic darauf, seine ehemalige Studentin Stella als Grabungsassistentin einzustellen. Zwar besitzt diese keinerlei Talent für die Archäologie, doch die hübsche Finnin hat andere Qualitäten und es Vic seit ihrer Affäre in Griechenland besonders angetan.

Obwohl Stella mit dem emotionsarmen Computerfreak Antti zusammen ist, lässt sie sich sofort wieder auf Vic ein. Gemeinsam ziehen sie in die von der mysteriösen Voula geleitete Akademie, deren Bewohner, die „Oktoniten“, den finnischen Naturgöttern huldigen. Während Vic damit kämpft, dass seine Gefühle für Stella langsam ernste Formen annehmen, erliegt diese immer mehr Voulas Charme und dem Lebensstil der Sektenmitglieder.

Meine Meinung:
Bei diesem Roman fällt es mir wirklich schwer, eine Rezension zu schreiben, denn er passt für mich in kein bestimmtes Genre. Anhand des Klappentextes erwartete ich einen Liebesroman rund um eine Dreiecksbeziehung zwischen Vic, Stella und einer dritten Person. Nun, die Dreiecksbeziehung gibt es, aber nur am Rande. Was das Buch mir ansonsten sagen möchte, habe ich leider nicht verstanden. Vielleicht habe ich mich einfach nicht genug auf „Drei ist keiner zu viel“ eingelassen.

Es fängt damit an, dass ich in diesem Buch auch nach intensiver Suche keine Figur entdecken konnte, die ich richtig sympathisch fand. Victor Allcock ist eine kaputte Persönlichkeit, eine tragische Figur, bindungsunfähig und – hier ist der Name Programm – schwanzgesteuert. Einzig die Liebe zu seinem Beruf als Archäologe und besonders zur griechischen Antike verdiente bei mir Sympathiepunkte. Er tat mir meist leid, und von allen Protagonisten mochte ich ihn noch am meisten. Sein Ende hat er wirklich nicht verdient.

Stella ist ein junges, naives Ding, das trotz fester Beziehung zu Antti recht unkritisch mit jedem Mann ins Bett springt und – aufgewachsen in einem streng wissenschaftlich denkenden Elternhaus – stets auf der Suche nach Antworten auf ihre Fragen ist. Sie nutzt ihr Aussehen aus, wickelt jeden um den Finger, aber ansonsten fällt mir nichts ein, was sie eigentlich kann. Ihre ursprüngliche Berufung als Archäologin hat ihr Vic – zu Recht – wieder ausgeredet. Allein die Szene, wo sie bei einer Grabung das einzige ungebrochene Fundstück aus Nachlässigkeit zerstört und noch nichtmal Reue dafür empfindet, war für mich einer von mehreren Gründen, sie richtig scheiße zu finden (Ich muss dazu sagen, ich bin selbst Archäologin!).

Voula ist eine dominante Frau mit einer geheimnisumwitterten Aura, die die ominöse Sekte anführt. Und Antti ist ein semi-autistischer Sonderling, dem Stellas Bettgeschichten herzlich egal sind, da er sie sowieso die meiste Zeit emotional von sich stößt. Die weiteren Figuren sind ebenfalls seltsam, keinesfalls sympathisch und mir persönlich auch irgendwie egal.

Nun ist es natürlich nicht so, dass ein Buch nur gut sein kann, wenn man alle Figuren darin lieb gewinnt. Aber in Kombination mit der seltsamen Geschichte fehlte mir doch irgendeine Person, für die ich Sympathien aufbringen kann.

Übrigens bezeichnen sowohl Stella als auch Antti Vic als fetten, alten Sack. Wieso dieser dann so einen Schlag bei Frauen hat, bleibt rätselhaft. Denn auch Stella ist ihm verfallen und geht längst nicht mehr nur aus Karrieregründen mit ihm ins Bett. Ich dachte erst, Vic sei ungefähr 50 Jahre alt, doch es stellte sich heraus, dass er gerade mal Ende 30 war. Soviel also zu „alt“… na ja, man muss bedenken, dass Stella und Antti gerade mal Anfang 20 sind. Ich muss sagen, dass ich alle Protagonisten beim Lesen als älter empfand.

Die Archäologie, die mich so sehr an diesem Buch gereizt hat, geriet leider komplett in den Hintergrund. Die Grabung in Finnland ist keine Grabung, es geht hier vielmehr um ein altes Objekt, das für die Sekte von großer Wichtigkeit ist. Auch der finnischen Mythologie wird keine große Bedeutung eingeräumt. Diesbezüglich war ich von dem Buch doch ziemlich enttäuscht.

Wie bereits erwähnt tritt auch die Dreiecksgeschichte ziemlich in den Hintergrund, die Geschichte wird dominiert von den Geschehnissen rund um Voulas seltsame „Waldmenschen-Sekte“ und von Stellas Suche nach… ja, was eigentlich? Dem Sinn des Lebens, der Antwort auf die Frage, ob es im Leben doch noch etwas Anderes gibt als die nackte Logik und die vernunftsbasierte Wissenschaft? Ich fand beides unspannend und nervig.

Die Geschichte wird abwechselnd aus Vics (Ich-Erzähler) und Stellas (3. Person Singular) Sicht erzählt, zwischendurch gibt es mal Auszüge aus finnischen Sagen, Zeitungsartikel oder Chat-/SMS-Protokolle. An und für sich fand ich das gut gemacht, da es das Buch aufgelockert hat. Gerade aber die recht düsteren Sagen konnte ich irgendwie nicht in die restliche Geschichte einbauen. Der Schreibstil für sich alleine genommen verdient ein Lob. Das Buch liest sich trotz der (für mich) schweren, zähen Handlung recht flott und angenehm, die Sprache gefällt mir wirklich gut.

Aber es gab für mich keinen wirklichen Höhepunkt, die Geschichte dümpelte stellenweise vor sich hin, entwickelte sich kaum, und das Ende war dann irgendwie ernüchternd. Dass es kein Happy End gibt, zumindest kein typisches, ist nicht zu viel verraten, da Vic ja bereits auf der 1. Seite verrät, dass er tot ist. Immerhin hielt es ein bisschen die Spannung aufrecht zu erfahren, wie Vic eigentlich gestorben ist. Auch diese Auflösung war eher enttäuschend, andererseits immerhin auch realistisch.

Bis zum Schluss habe ich weder einen roten Faden, noch eine Richtung feststellen können. Es ist nicht so, dass mich das Buch gar nicht unterhalten hat, ich habe es halt einfach runtergelesen, hatte stellenweise das Gefühl, ich komme gar nicht so recht vorwärts. Ich fand es auch nicht schlecht, aber halt irgendwie… seltsam. Als ich fertig war, war ich erleichtert. Es hat mich null berührt, und auch Wochen später kann ich nicht sagen, ob ich „Drei ist keiner zu viel“ nun mag oder nicht.

Ich denke, die Autorin hat es zumindest geschafft, ein Buch zu schreiben, das sich in kein bestimmtes Genre drängen lässt. Dafür verdient sie ein Lob, ebenfalls für den Schreibstil. Ich denke, ich war einfach die falsche Leserin für dieses Buch. Z. B. habe ich von vielen Lesern gehört, dass sie das Buch lustig fanden – ich hingegen fand es durch und durch tragisch und ernsthaft. Es war wohl einfach nicht mein Fall. Wer sich aber darauf einlässt und nicht die (falschen) Erwartungen hat, die ich hatte, der kann diesem außergewöhnlichen Roman sicherlich viel mehr abgewinnen.

2,5 von 5 Schreiberpaletten

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