Dienstag, 9. Dezember 2014

Rezension: "Mein langer Weg nach Hause. Wie ich als Fünfjähriger verloren ging und 25 Jahre später meine Familie wiederfand" von Saroo Brierley

Daten zum Buch:
erschienen am: 10. Oktober 2014
Verlag: Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548375632
256 Seiten
Preis: 11,99 €

Zum Inhalt:
Der kleine Saroo wächst mit seinen drei Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen in Indien auf. Während die alleinerziehende Mutter Schwerstarbeit auf dem Bau leistet, müssen sich die Kinder gegenseitig versorgen, täglich wird ums Überleben gekämpft. Dann geschieht das Unfassbare: Als Saroo seinen ältesten Bruder bei einer Betteltour begleitet, schläft er im Abteil eines Zuges ein und wacht erst wieder im weit entfernten Kalkutta auf!

Unfähig sich auszudrücken und ohne zu wissen, wie sein Heimatort heißt, irrt der Fünfjährige umher, lebt von Abfall und schlägt sich – wie viele andere Kinder – mehrere Wochen durch die gefährliche Millionenmetropole, in der er niemandem trauen kann. Als er in ein Waisenhaus kommt, wird er vom Fleck weg von dem australischen Ehepaar Brierley adoptiert, bei dem er wohlbehütet aufwächst.

Doch seine Vergangenheit und seine indischen Wurzeln kann und will er nicht vergessen. Und so setzt Saroo als Erwachsener alles daran, seinen Heimatort zu finden und seine leibliche Familie wiederzusehen.

Meine Meinung:
Das Buch habe ich in einem Rutsch gelesen. Die Sprache ist sehr angenehm, die Geschichte liest sich flüssig. Der Autor erzählt von seinem Leben als Kind, wie er in Indien aufgewachsen ist, wie er verloren geht, was er in Kalkutta erlebt, von seiner Adoption und seinem neuen Leben in Australien. Der Leser erfährt von seiner langwierigen, Jahre andauernden Suche nach seinem Heimatort, an dessen Namen und grobe Lage er sich auch später nie richtig erinnern konnte.

Er erzählt auch von seinen Familien, und man spürt sehr stark, wie dankbar er seinen Adoptiveltern ist. Saroo Brierley zeigt uns, dass man auch zu zwei eigentlich völlig unterschiedlichen Familien gehören kann, ohne zerrissen zu sein.

Ich habe schon viele Autobiographien aus fremden Kulturen gelesen, die mich schockiert haben. Trotzdem musste ich bei Saroos Schilderungen oft den Kopf schütteln, da es für uns in Deutschland einfach unvorstellbar ist, was er durchmachen musste. Allein, dass ein fünfjähriges Kind einfach verloren geht, ist eigentlich unfassbar. Doch im riesigen, überbevölkerten Indien die Familie eines Jungen ausfindig zu machen, der nicht weiß, wo er herkommt und nicht richtig sprechen kann, ist die wortwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Auch hatte Saroos bitterarme Familie keinerlei Zugang zu Medien, um ihren Jungen weiträumig zu suchen oder die damals – allerdings nicht im ganzen Land – geschaltete Anzeige zu entdecken.

Der zweite Schock war für mich, was Saroo als Fünfjähriger alles erleben musste in Kalkutta! Bereits in seiner Heimatstadt ist er es von klein auf gewöhnt, jeden Tag betteln zu gehen, essbaren Müll zu sammeln und sich um seine jüngere Schwester zu kümmern. Selbst Kleinkinder werden von den Eltern stundenlang unbeaufsichtigt gelassen, weil sie arbeiten müssen. Solche Zustände sind bei uns gar nicht vorstellbar, in Indien sind sie leider normaler Alltag.

Jedenfalls schlägt sich Saroo wochenlang durch das dreckige und gefährliche Kalkutta, wo er mehr als einmal in Lebensgefahr gerät. In Indien ist es nicht weiter schlimm, wenn eines der vielen Straßenkinder getötet wird, denn niemand will sie, niemand beschützt sie. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass ein Kind von fünf(!!!) Jahren bereits fähig ist, in solch einem Moloch zu überleben, zu wissen, wo man Essen findet und zu spüren, wann man besser die Beine in die Hand nehmen sollte, selbst wenn die Aussicht auf ein warmes Bett und Essen extrem verlockend ist. Dies zeigt, in welch schlimmen Verhältnissen Saroo aufwachsen und wie schnell er erwachsen werden musste.

Der Autor wird nie weinerlich oder versinkt im Selbstmitleid, dennoch überträgt dieses Buch starke Emotionen. Die Verzweiflung des kleinen Saroo, als er seine Familie und seine Heimat verliert; die Liebe der Brierleys zu ihrem Adoptivsohn und dessen Dankbarkeit für seine neuen Eltern; die Zerrissenheit des erwachsenen Saroo, die Verbissenheit, mit der er nach seiner indischen Familie sucht; und das emotionale Wiedersehen nach so vielen Jahren mit seiner leiblichen Mutter.

Aufgewertet wird das Buch noch mit mehreren Farbaufnahmen von Saroo und seinen beiden Familien, was mir bei Biograhien immer sehr gut gefällt, da man so auch Gesichter zu den Namen hat.

Bei dieser Biographie fährt man zusammen mit dem Autor eine lange und aufregende Achterbahn der Gefühle. Saroo Brierleys Geschichte ist so unglaublich, dass nur das Leben selbst sie schreiben konnte. Ich bin mir sicher, dass „Mein langer Weg nach Hause“ jedem Leser noch lange in Erinnerung bleiben wird.

5 von 5 Schreiberpaletten

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