Dienstag, 26. August 2014

Rezension: "Fuck the Möhrchen. Ein Baby packt aus" von Barbara Ruscher

Daten zum Buch:
erschienen am: 5. September 2013
Verlag: Aufbau Taschenbuch
ISBN: 9783746629834
240 Seiten
Preis: 8,99 €

Zum Inhalt:
„Ich bin dann mal da“, verkündet Mia, nachdem sie sich endlich durch den Geburtskanal gequetscht hat. Spontan entbrennt sie in Liebe zu ihren Eltern Heike und Chris und in glühendem Hass zu ihrer Hebamme Gudrun-Rudolf-Steiner Wiebkötter. Neugierig saugt die Kleine alle neuen Eindrücke in sich auf, muss jedoch schnell frustriert feststellen, dass die doofen Erwachsenen kein Wort von ihr verstehen! Dabei könnte Mia dank frühkindlicher Förderung im Mutterbauch pausenlos über Kunst und Kultur parlieren. Doch nur Mamas oller Teddybär, der ihr ungefragt in die Wiege gelegt wurde, sowie andere Babies können als Gesprächspartner dienen. Noch dazu kann Mia nichtmal sitzen oder laufen und muss alles Schritt für Schritt erlernen. Wie anstrengend! Da ist es nicht gerade hilfreich, dass jetzt auch noch zwischen Mama und Papa ein handfester Ehekrach ausbricht! Aber wenigstens gibt es da noch den feschen Sören-Wotan, gleichaltriger Spielgefährte – und Mias Zukünftiger, da ist sie sich ganz sicher.

Meine Meinung:
In „Fuck the Möhrchen“, dem Debütroman der Kabarettistin Barbara Rauscher, erleben wir das erste Jahr der neugeborenen Mia. Das Buch ist aus ihrer Sicht geschrieben, aber wir haben es nicht mit einem kleinen, putzigen, unschuldigen Neugeborenen zu tun, das unwissend und unschuldig die neue Welt erkundet, sondern mit einer selbstbewussten Dame, denn Mia ist in allen Dingen sehr bewandert, man möchte fast sagen, sie ist ein kleiner Klugscheißer. Sie schwadroniert über moderne Kunst, kennt sich in der Promiwelt aus und liebt den Gebrauch von Fremdwörtern. Da passt der besserwisserische Teddy, der nicht nur bereits im Dienste von Mias Mutter und Großmutter stand, sondern auch offen zu seiner Homosexualität steht und stets auf der Suche nach Sexualpartnern ist, wie die Faust aufs Auge. Nur ihr Körper gehorcht Mia leider nicht, und so muss auch sie wie alle anderen Babies auch die einfachsten Dinge erst von der Pike auf lernen, was natürlich für so ein kleines Genie sehr frustrierend ist, während ihre Eltern meist viel zu begriffsstutzig sind, um zu verstehen, was sie möchte.  

Die Erwachsenenwelt wird von Mia scharf beobachtet, und hier treiben sich skurrile Objekte herum. Herrlich ist die bärbeißige, ständig brüllende Hebamme Gudrun-Rudolf-Steiner Wiebkötter, vor der Mia und ihre Eltern mehr als Respekt haben. Außerdem macht es Spaß, den Schlagabtäuschen zwischen Mias Eltern und dem befreundeten Paar Bettina und Marlon zu folgen, denn Letztere sind leidenschaftliche Vertreter der „Unser Kind ist hochbegabt, unser Kind kann schon dies und das“-Eltern-Fraktion. Natürlich dürfen die ganzen ökologisch und pädagogisch korrekten Ernährungs- und Erziehungskonzepte nicht unerwähnt bleiben, die hier mit einem Augenzwinkern aufs Korn genommen werden.

Der Humor ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Hier wird nicht nur mit Übertreibungen gearbeitet, hier werden auch die Übertreibungen übertrieben. Diesen Humor muss man mögen, ganz klar. Ansonsten bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Ich habe über viele Szenen doch sehr geschmunzelt, und es ist wirklich schwierig, mich beim Lesen zum Lachen zu brachen. Dieses Buch hat es geschafft, das ist ja schonmal gut.

Aber auf Dauer fand ich es streckenweise doch auch anstrengend. Manche Sachen sind einfach extrem schräg, teilweise auch eklig (Z. B. wenn Mias Mama, eine Künstlerin, Mias Körperausscheidungen zu Ausstellungszwecken sammelt.) oder sexistisch (Z. B. wenn Mia und Teddy über Papas Pornohefte philosophieren.). Und manche Diskussionen zwischen Mia und Teddy oder ihren Freunden sind einfach nur noch so schräg, so dass ich mir beim Lesen nur dachte: „Hä?!“ und mich gefragt habe, ob die Autorin ab und zu vor dem Schreiben ein bisschen geschöppelt hat, um die Laune zu heben. Diese Stellen empfand ich als sehr anstrengend und nicht wirklich lustig.

Hier mal ein Beispiel für den Humor der Autorin. Diese Szene spielt sich im Pekip-Kurs ab:

>>> Levke-Fee will scheinbar meine Freundin werden und puschert auf das Laminat und die ausgelegten Kirschkernkissen.
Hier lernt man wirklich >Loslassen<.
Mama und Wiebke gucken zerknirscht, und wir erwarten Bestrafung, irgend so was wie Nach-Liegen oder eine Strafarbeit an der Motorik-Schleife, aber Aloe-Vera bringt ihre Gliedmaßen in Feng-Shui-Stellung und lächelt gütiger als Maria Schell nach zwanzig Eierlikör. Fröhlich nimmt sie einen bei Vollmond gebatikten Baumwolllappen, auf dem gestickte Yin und Yangs auf Friedenstauben durch Tschechien flattern und wischt Levke-Fees Ursuppe auf, als wäre es der letzte Fußschweiß von Maria Montessori oder die Salbengrundlage eines neuen Weleda-Produkts.
Sören-Wotan grinst und flüstert: >>Babypipi freut den Hippie.<< (S. 81) <<<

Dieser Humorlevel wird konstant gehalten oder sogar noch gesteigert. Man könnte sagen, das ganze Buch ist eine einzige Explosion von Metaphern, die teilweise gelungen, aber teilweise auch völlig übertrieben und ermüdend sind.

Es gibt aber auch süße Moment, wenn Mia ihre Eltern anhimmelt und einfach nur dafür liebt, dass sie ihre Eltern sind, schräg aber liebevoll. Oder wenn Mia und Sören-Wotan miteinander flirten, denn Mia ist fest davon überzeugt, dass Sören der Mann fürs Leben ist.

Ich persönlich habe kein Kind und weiß nicht, ob Eltern das Buch anders aufnehmen als Nicht-Eltern. Ich fand es sehr lustig, dass dieses ganze ökologisch und pädagogisch wertvolle und meist übertriebene Getue mancher Eltern hier ein bisschen veräppelt und indirekt kritisiert wird, vielleicht fühlen sich manche Eltern ja aber dadurch auf den Schlips getreten.

Alles in Allem ist „Fuck the Möhrchen“ nette Unterhaltung für jedermann, aber ich empfehle doch sehr den Blick in eine Leseprobe, um festzustellen, ob man mit Barbara Rauschers Humor klarkommt.

3 von 5 Schreiberpaletten

Sonntag, 24. August 2014

Neuzugänge

Boah, mein Freund!!!... Der hatte neulich eine ganz miese Idee. Geradezu satanisch-sadistisch! "Weißt du was? Für jeden Neuzugang musst du eins deiner alten Bücher wegbringen. Was hältst du davon?" Nachdem ich meine Schnappatmung wieder im Griff hatte, hielt ich eine flammende Rede, die in ungefähr so ging: "Sag mal, geht's noch?! Wie unmenschlich kann man eigentlich sein?! Und wenn eine Frau 10 Kinder hat, da gehst du dann auch hin und sagst: 'Ooooh, wir haben keinen Platz für 10 Kinder, such dir doch die 5 aus, die du am wenigsten mag, und schick die in den Wald!' oder was?" Nein, das würde er nicht tun, und überhaupt wäre der Vergleich doch etwas unangemessen, ereiferte er sich, aber ich kreischte hysterisch weiter, bis er völlig entnervt aufgab.

Hier also meine Neuzugänge, denen keines meiner anderen Bücher weichen musste - ich bin nämlich eine gute Bücher-Mutti, jawohl!

Rezensionsexemplare


- Vera Kissel, "Was die Welle nahm": Dieses Jugendbuch habe ich in einer von der Autorin begleiteten Leserunde auf LovelyBooks gelesen. Meine Rezi findet ihr hier.

- Kerstin Gier, "Silber. Das zweite Buch der Träume": Als ich gesehen habe, dass ich bei der Leserunde auf "Was liest du?" ausgelost wurde, dachte ich echt, mein Schwein pfeift! Immerhin haben sich da gefühlt 3 Millionen Leute drauf beworben, aber das Glück ist manchmal mit den Dummen. ;-) Durch blöde Umstände hat das Buch allerdings einen Monat zu mir gebraucht, so dass ich die Leserunde dann letztendlich doch versäumt habe. (Und die ist auch nach dem vorgegebenen Zeitrahmen tatsächlich tot gewesen, da brauch ich gar nicht mehr zu posten, schade.) Aber ich bin einfach nur froh, dass das Buch doch noch zu mir gefunden hat, und ich habe es auch schon gelesen und werde es demnächst rezensieren.

- Dennis Gastmann, "Geschlossene Gesellschaft. Ein Reichtumsbericht": Lese ich für eine aktuelle Leserunde auf LB. Der Autor hat sich in die Welt der Reichen und Schönen begeben, und ich glaube, die Leserunde mit ihm wird ganz lustig.


Gekauft


- Hans Kufner (Hrsg.), "Uns rufet die Stunde. Unterfrankens Katholiken im Widerstand": Also, wirklich religiös bin ich nicht, aber ich finde den 2. Weltkrieg wirkich interessant, und dann auch noch Tatsachenberichte aus der Umgebung, da musste ich bei Hugendubel für 1,99 € zugreifen.

- Francoise Labrique & Uwe Westfehling, "Mit Napoleon in Ägypten. Die Zeichnungen des Jean-Baptiste Lepère": You can get the girls out of Egyptology, but you can't get Egyptology out of the girls. Bei 4 Öcken für diesen Bildband kann man wahrlich nichts sagen.


Ertauscht


- Brigitte Kanitz, "Onkel Humbert guckt so komisch": Allein schon den Titel und das Cover fand ich ganz lustig, hab ich mir bei Tauschticket für 2 Tickets geholt.

- Katja Kessler, "Silicon Wahnsinn. Wie ich mal mit Schatzi nach Kalifornien auswanderte": Auf die Leserunde musste ich mich natürlich nach meinem Kalifornien-Urlaub spontan bewerben, wurde aber leider nicht ausgelost. Deshalb hab ich es mir für 3 Tickets geholt. 

- Enzo Fileno Carabba, "Wie zwei alte Schachteln einmal versehentlich die Welt retteten": Auch hier fand ich Titel und Cover schon sehr ansprechend, und der Klappentext konnte mich dann auch überzeugen, dass das Buch bestimmt sehr unterhaltsam ist. Für 1 Ticket ein Schnäppchen.

Sodele, das war's auch schon wieder. 8 Bücher in 3 Wochen, das geht ja noch, wie ich finde. Ab 1. September fängt ja dann meine Ausbildung an, und dann werde ich nicht mehr an so vielen Leserunden teilnehmen können wie in meinem zugegebenermaßen sehr ausgedehnten Urlaub, dann wird das auch mit den Neuzugängen etwas gemäßigter zugehen. Außerdem werde ich wohl oder übel mal Razzia hier machen und schon gelesene sowie Fachbücher in Umzugskartons wegpacken, damit man hier wieder den Boden sieht. Denn momentan sieht es nicht danach aus, als ob wir demnächst in eine größere Wohnung umziehen - die Mietpreise schießen hier gerade in astronomische Höhen, und unsere jetzige Wohnung ist einfach unschlagbar günstig (dafür halt auch zu klein...) und in perfekter Lage. Also muss ich wohl noch ein paar Jährchen warten, bis ich endlich meinen eigenen Büchersaal kriege.Und die Ausbildungsunterlagen brauchen ja jetzt auch neuen Platz.

Freitag, 22. August 2014

Rezension: "Was die Welle nahm" von Vera Kissel

Daten zum Buch:
erschienen am: 21. Juli 2014
Verlag: Dressler
ISBN: 9783791511108
256 Seiten
Preis: 14,99 €

Zum Inhalt:
Der vierzehnjährige Lukas hat vor 10 Jahren bei dem großen Tsunami in Thailand seinen Vater verloren. Seitdem lebt er alleine mit seiner Mutter in Berlin und leidet unter Albträumen, der Vater wird von Mutter und Großeltern konsequent totgeschwiegen. Als Lukas ein paar Wochen sturmfrei hat, beginnt er nachzuforschen - und stößt auf ein Geheimnis, das seinen Vater in einem völlig neuen Licht dastehen lässt...

Meine Meinung:
Die Geschichte ist aus Lukas' Sicht geschrieben. Er ist ein stiller, zurückgezogener Junge, der nur einen Freund hat und seine Ferien größtenteils alleine mit Schwimmen und Lesen verbringt. Zu seiner Mutter, die er beim Vornamen nennt, hat er ein freundschaftliches, mitunter auch angespanntes Verhältnis.

Schon nach wenigen Kapiteln stößt Lukas auf das Geheimnis um den Tod seines Vaters. In der Geschichte geht es also eher darum, wie Lukas dieses Geheimnis auf- und verarbeitet und letztendlich seine Familie damit konfrontiert, warum sie all die Jahre geschwiegen haben. So erleben wir hautnah mit, wie Lukas mit Verlust, Wut und Trauer umgeht und letztendlich daran reift.

Der Tsunami an sich tritt hier übrigens in den Hintergrund. Im Endeffekt hätte Lukas' Vater auch bei einem Autounfall ums Leben kommen können. Der Tsunami bietet sich aber natürlich auch für kraftvolle Bilder an, allein schon beim Titel "Was die Welle nahm", und dann auch bei den Albträumen, in denen Lukas meist von einer riesigen Welle verfolgt wird, oder dass er jeden Tag wie ein Wahnsinniger im Schwimmbad trainiert.

Lukas blieb mir leider bis zum Schluss fremd. Ich konnte keine Beziehung zu ihm aufbauen, er war mir jetzt nicht unsympathisch, aber ich konnte nicht so viel mit ihm anfangen, und gerade am Anfang fand ich ihn sehr langweilig. Interessant fand ich Lukas' besten Freund Birol, den ich von Anfang an nicht mochte, da er eine große Klappe und ein kriminelles Naturell hat (Hier gab es für meinen Geschmack vielleicht doch zu viel Klischee mit dem kleinkriminellen Türken.). Allerdings hat Birol dann doch noch meinen Respekt gewonnen, da er sich als wirklich guter Freund entpuppte. Die (Nicht-)Liebesgeschichte zwischen Lukas und Annika jedoch war meiner Meinung nach überflüssig. Vielleicht sollte sie auch einfach Lukas' Charakter deutlicher machen, der doch recht schüchtern und wenig selbstbewusst ist.

Leider hatte ich einige Probleme mit dem Schreibstil. Ein Beispiel:

>>> Ich werd es nicht aus dem Bett schaffen.
Nicht.
Aus dem.
Bett.
[...]
Ich will nicht.
Will nicht mehr, nicht mehr.
Weinen.
[...]
Mein Vater ist da.
Du.
Bist da.
Hältst meinen Kopf.
Hältst mich fest. <<<

Das Buch ist aus Lukas' Sicht geschrieben, wir erfahren seine Gedanken und Emotionen. Der sehr abgehakte Stil, in dem Sätze teilweise nur aus einem Wort bestehen, soll quasi den Prozess zeigen, wie Lukas nach und nach seine Gedanken formuliert, Erkenntnisse gewinnt, Eindrücke verarbeitet. Als Gegenstück dafür gibt es "hastige" Sätze ohne Punkt und Komma. An und für sich finde ich das ein sehr interessantes und mutiges Stilmittel, für das die Autorin ein Lob verdient. Aber trotzdem muss ich sagen, ich kam damit nicht ganz klar, es hat mich enorm im Lesefluss gestört. Ich bin jemand, der solche wohldurchdachten Stilmittel nicht so wirklich würdigen kann, wenn darunter der Lesefluss leidet, so leid es mir tut. Ich konnte mich aber einigermaßen daran gewöhnen, und generell kam ich sehr flott durch das Buch.

Mit "Was die Welle nahm" legt Vera Kissel ihr gelungenes Debüt im Bereich Jugendroman vor. Ein unaufgeregtes Buch, das respektvoll mit den Gefühlen seines Protagonisten umgeht und zeigt, was es in jungen Menschen anrichten kann, wenn Erwachsene aus falscher Vorsicht essentielle Dinge verheimlichen. Lukas' Geschichte hat mich gut unterhalten, aber letztendlich blieben mir die Charaktere trotz all der Emotionen bis zum Schluss fremd, und deshalb berührte mich das Buch nicht so sehr, wie es vielleicht sollte.

3,5 von 5 Schreiberpaletten

Montag, 18. August 2014

Rezension: "Können Sie strippen? Aus dem Alltag einer Jobvermittlerin" von Ina Freiwald

Daten zum Buch:
erschienen am: 12. September 2011
Verlag: Riemann
ISBN: 9783570501351
315 Seiten
Preis: 9,99 €

Zum Inhalt:
Eigentlich schreibt die studierte Theaterwissenschaftlerin Ina Freiwald über die Glitzerwelt der Schönen und Reichen. Doch die Wirtschaftskrise erwischt auch sie eiskalt, und so muss sie sich unter Anderem als Dozentin über Wasser. Eines Tages landet sie als freie Mitarbeiterin bei einem der zahlreichen Bildungsinstitute, die von der Arbeitsagentur engagiert werden, um Arbeitssuchende wieder in Lohn und Brot zu bringen.

In ihrem ersten Kurs soll sie den Teilnehmern unter Anderem deren Bewerbungsunterlagen aufpolieren und ihnen helfen, einen Praktikumsplatz zu finden. Bislang völlig unbedarft im Umgang mit Arbeitslosen, sieht sich Ina Freiwald schnell mit unmotivierten, aufmüpfigen Langzeitarbeitslosen, verzweifelten Kollegen und den irrwitzigen Regelungen der ARGEN konfrontiert.

Meine Meinung:
Zuerst einmal finde ich den Titel "Können Sie strippen?" total übertrieben und reißerisch, die halbnackten Männer auf dem Cover sind absolut unangemessen. Außerdem hatte ich vom Klappentext her eher jemanden erwartet, der schon länger im Bereich Arbeitsvermittlung tätig ist und hier aus einem reichhaltigen Fundus schöpfen kann. Stattdessen trifft die Autorin zum 1. Mal auf die Spezies einer ihr unbekannten Art, den Arbeitslosen.

Was ich von Frau Freiwald halten soll, weiß ich immer noch nicht so genau. Generell war sie mir schon recht sympathisch, aber manchmal fand ich sie naiv und voller Vorurteile.So fing es schon auf den ersten Seiten damit an, dass sie sich überlegt, was sie für ihren 1. Seminartag anziehen soll. Denn Arbeitslose sind ja sicherlich sehr nachlässig mit ihrem Erscheinungsbild, und so wäre es wohl unangebracht, sich fein zu kleiden...

Frau Freiwald hat keinerlei Plan von Hartz IV und sonstigen Regelungen, die Arbeitssuchende betreffen. Zwar jammert sie, dass sie auch öfter Zeiten hatte, in denen sie von ihrer journalistischen Tätigkeit nicht leben konnte, und die Dozententätigkeit nimmt sie auch nur aus finanziellen Gründen an. Aber so weit, dass sie selbst vom Amt abhängig war, kam es bei ihr zum Glück noch nicht, und dank eines gut verdienenden Mannes kann man sich doch das ein oder andere leisten. Dementsprechend wenig kennt sich Frau Freiwald in der Thematik aus, hält es aber auch nicht für nötig, sich vorab zu informieren, sondern pflegt lieber weiter ihre Vorurteile. So ist sie auch etwas verblüfft, dass einige Teilnehmer keine Lust mehr auf den hundertsten Kurs gleichen Inhaltes haben, denn Frau Freiwald ist absolut überzeugt, dass die von den ARGEN aufgebrummten Seminare immer nützlich sind.

Wie Kapitalismus, Ausbeutung und Hartz IV eigentlich wirklich funktionieren, erfährt sie dann auch vor allem von ihrer neunmalklugen Tochter, die kurz vor dem Abi steht und die Mutter mit flammenden Reden und Buchempfehlungen darüber aufklärt, wie schlecht die Welt doch eigentlich ist. Ich weiß nicht, ob diese Gespräche wirklich so stattgefunden haben und gehe davon aus, dass diese etwas seltsamen Dialoge eher als Stilmittel dienen, um dem Leser zu erklären, wie der Hase läuft.

Die Kursteilnehmer sind dann auch allesamt Stereotypen, welche Frau Freiwald sicherlich auch genau so kennengelernt hat, aber trotzdem hat es mich etwas genervt, dass man hier mit den typischen Klischee-Arbeitslosen konfrontiert wurde. Die Ausländer, die kein Wort Deutsch verstehen und den Kurs stoisch lächelnd über sich ergehen lassen. Der herablassende Ex-Filialleiter, der sich für alles zu schade ist. Der junge Mann, der in dritter Generation Hartz IV bezieht und lieber Sanktionen hinnimmt, als auch nur einmal den Seminarraum zu betreten. Der übergewichtige Choleriker; der verzweifelte Ü50-Langzeitarbeitslose; die ehemalige Drogendealerin aus zerrütteten Familienverhältnissen. Ein paar Teilnehmer gaben sich tatsächlich auch etwas Mühe, aber dennoch hat mir jemand gefehlt, der z. B. einen akademischen Hintergrund hat und/oder wirklich alles tut, um wieder eine Arbeit zu finden.

Alles in Allem fand ich das Buch etwas langweilig. Der aufreißerische Titel ließ mich etwas ganz Anderes erwarten. Der Schreibstil ist in Ordnung, Frau Freiwald hat auch einen feinen Sinn für Humor und ist durchaus belehrbar und selbstkritisch und versucht sogar, eine Beziehung zu ihren Schäfchen aufzubauen. Aber leider hat "Können Sie strippen" mich nicht sonderlich angesprochen.

2,5 von 5 Schreiberpaletten

Montag, 11. August 2014

Rezension: "Herzblut - Wenn die Nacht stirbt" von Melissa Darnell


Achtung! Da es sich um den dritten Teil der Herzblut-Reihe handelt, finden sich hier Spoiler aus den ersten beiden Bänden! 

Daten zum Buch:
erschienen am: 12. Mai 2014
Verlag: MIRA Taschenbuch/Darkiss
ISBN: 9783956490279
400 Seiten
Preis: 12,99 €

Zum Inhalt:
Savannah musste Tristan in einen Vampir verwandeln, um sein Leben zu retten. Da er als neugeborener Vampir seine Erinnerungen vorerst verloren und seinen Blutdurst noch nicht unter Kontrolle hat, flieht das Paar zusammen mit Savs Vater in die Wildnis. Dort wird Tristan von beiden ausgebildet, und als Tristan sich nach und nach wieder erinnert und seine Triebe in den Griff bekommt, kehren sie nach Jacksonville zurück.

Dort müssen sich Tristan und Sav nicht nur dem Hass der Clann-Mitglieder stellen, die von Tristans Wandlung wissen. Sie merken auch schnell, dass ein Großteil von ihnen nun nach Mr. Williams‘ Pfeife tanzt. Savannah, Tristan und alle, die ihnen etwas bedeuten, geraten in große Lebensgefahr, und der Krieg zwischen Vampiren und dem Clann scheint nun unausweichlich. 

Meine Meinung:
Auch der 3. Band knüpft zeitlich wieder direkt an seinen Vorgänger an. Wie gehabt wird die Story abwechselnd aus Tristans und Savannahs Sicht erzählt. Nach Tristans Verwandlung können er und Sav gegenseitig ihre Gedanken lesen, was gleichzeitig praktisch als auch anstrengend für beide ist. Manchmal waren mir die „Ach, wir haben uns so lieb“-Gedankenwechsel ein bisschen zu viel des Guten, wir wissen das ja schon seit Band 1, und irgendwann trägt dieses Gesäusel auch nicht mehr zur Entwicklung der Geschichte bei. Immerhin kracht es auch mal zwischendurch.

Was ich nicht nachvollziehen konnte: Wieso gehen Sav und Tristan wieder wie ganz normale Teenager in die Schule, wo doch zahlreiche Mitschüler, die Clann-Mitglieder sind, von ihrer Vampirexistenz wissen und ihnen unverhohlenen Hass entgegenschleudern? Ich meine, klar, auch die Twilight-Vampirteens mussten jahrhundertelang die Schulbank drücken, da kann man von Neu-Vampiren verlangen, dass sie wenigstens einen Schulabschluss in der Tasche haben. Aber irgendwie war es fehl am Platz. Und tatsächlich macht Sav wieder bei den „Charmers“ mit – ich hatte ja echt gehofft, nie wieder mit ihr zusammen tagsein, tagaus den Tanzkram durch die Schule schleppen zu müssen. Als ob man nichts Besseres zu tun hat, wenn einen ständig jemand töten will... Für den Rest meines Lebens werde ich nun einen innerlichen Schreikrampf kriegen, wenn ich das Wort „Charmers“ höre, ich schwöre es!

Lange Zeit hatte ich das Gefühl, dass sich Sav überhaupt nicht weiterentwickelt, aber wenigstens zum Ende des Buches tut sie es doch noch. Gut gefallen hat mir, dass diesmal die Beziehung zwischen Sav und ihren Eltern und auch die zwischen den Elternteilen untereinander intensiv behandelt wurde, da gerade die Mutter im letzten Band so gut wie keine Rolle spielte. Auch Tristans Schwester Emily tritt in diesem Band stark in den Vordergrund.

Wie bereits im 2. Band gibt es hier wieder jede Menge Action, wobei es nun noch gewalttätiger wird. Etliche Figuren sterben, und selbst Savs Freundinnen Michelle und Carrie, die nichts vom Clann und den Vampiren wissen, werden in die Kampfhandlungen mit reingezogen. Manchmal war es mir zu viel Action auf einmal, die Protagonisten und die Leser kommen kaum zu einer Verschnaufpause, an jeder Ecke lauern die Bösewichte. Andererseits gibt es dann wieder ein paar unnötige Längen, z. B. wenn Sav und Co. mit dem Wohnwagen scheinbar endlos durch die Pampa gondeln und sich anzicken.

Das Ende gefällt mir, wenngleich es ein bisschen zu zuckersüß ist. Und wenn man bedenkt, wie lange das Hin und Her zwischen Vampiren und (bösen) Clann-Mitgliedern gegangen ist, läuft die Auflösung dann doch irgendwie husch-husch und im Vergleich zu den vorangegangen Kampfhandlungen ziemlich lasch ab. Und das mit dem Vampirballett war für meinen Geschmack dann echt ein bisschen überzogen.

Dennoch fühlte ich mich alles in allem wieder gut unterhalten, konnte das Buch kaum weglegen, und die meisten Fragen wurden im letzten Band endlich geklärt. Ich habe die Trilogie wirklich sehr gerne gelesen.

Mit „Herzblut – Wenn die Nacht stirbt“ ist die Geschichte von Sav und Tristan abgeschlossen. Wer sich noch nicht vom Clann trennen möchte, kann ja im Anschluss die bislang nur auf Englisch erschienen Ableger „Capture“ und „Dance with Darkness“ lesen, in denen aber Sav und Tristan laut Inhaltsangabe scheinbar keine Rolle mehr spielen werden. Ich gebe mich aber mit der Trilogie zufrieden und werde die „Clann Series“ nicht weiter verfolgen, da ich ehrlich gesagt etwas genervt bin, dass alle Jugendbücher mindestens mal in Trilogien, oft sogar längere Buchreihen ausgeschlachtet werden.  

4 von 5 Schreiberpaletten

Samstag, 9. August 2014

Rezension: "Im dunklen Licht der Tage" von Lydia Syson

Daten zum Buch:
erschienen am: 21. Juli 2014
Verlag: Oetinger
ISBN: 9783789147517
320 Seiten
Preis: 15,99 €

Zum Inhalt:
London, 1936: Die 17jährige, angehende Krankenschwester Felicity, genannt Felix, trifft auf einer Demo den jungen Kommunisten Nat. Sofort fühlen sich die beiden stark zueinander hingezogen, doch Nat bricht bald auf nach Spanien, wo er im spanischen Bürgerkrieg als Freiwilliger in der Internationalen Brigade gegen Franco und den Faschismus kämpfen will. Indes fährt Felix mit ihrem Bruder und dessen bestem Freund George nach Paris, wo Felix schnell befürchten muss, dass George, den sie als Freund schätzt, aber nicht liebt, ihr einen Antrag machen will.

Hals über Kopf bricht Felix ebenfalls nach Spanien auf, um dort als Krankenschwester zu helfen. Immer in der Hoffnung, Nat wohlbehalten wiederzusehen, wird sie mit unbeschreiblichem Leid konfrontiert. Und auch Nat werden die tragischen Konsequenzen seines Entschlusses, an der Seite der Rebellen zu kämpfen, bald schmerzlich bewusst. Derweil macht sich auch George auf den Weg nach Spanien, um Felix zu suchen.

Meine Meinung:
Mit "Im dunklen Licht der Tage" hat sich die Autorin Lydia Syson einem Thema gewidmet, das mir persönlich kaum im Bewusstsein war: Der spanische Bürgerkrieg, der von 1936 bis 1939 wütete und -zig Tausende von Opfern forderte. Auf Grund des 2. Weltkrieges wird dieses Kapitel der spanischen Geschichte an deutschen Schulen kaum behandelt, zumindest kann ich mich an kein einziges Detail erinnern, und so ist dieses Buch auch eine Art Geschichtsstunde für mich gewesen.

Die Geschichte spielt von Oktober 1936 bis April 1939 und wird abwechselnd aus Felix', Nats und Georges Sicht geschildert, die sich meist in unterschiedlichen Teilen Spaniens aufhalten, deren Wege sich aber ab und zu kreuzen. Dazwischen gibt es kurze Einschübe, die auf ein tragisches Erlebnis zwischen Felix und Nat hindeuten, das später aufgelöst wird.

Zur jungen Felix konnte ich leider keine richtige Beziehung aufbauen. Ich kann nicht sagen, dass sie mir unsympathisch war, aber ich konnte ihr Verhalten öfter nicht nachvollziehen, z. B. ihre spontane Flucht nach Spanien, die mir irgendwie eher als Trotzreaktion auf den befürchteten Antrag vorkam denn als politisch motivierte Handlung. Auch wenn Felix sich vor Ort als Krankenschwester bis über ihre Grenzen hinaus verausgabt, so gibt es doch Momente, in denen ich denke, sie betrachtet den Krieg trotz all der von ihr erlebten Gräuel als Abenteuer.

Nat ist mir da schon um einiges sympathischer, seine politische Gesinnung kann man nachvollziehen. Jedoch konnte ich bis zum Schluss die ach so großen Gefühle zwischen Felix und Nat nicht nachempfinden, und dieses Liebesgesäusel kam mir immer etwas überzogen vor.

Meine Lieblingsfigur war George, der sich wegen Felix, die ihn eigentlich nicht liebt, in Lebensgefahr bringt und sich vom eher oberflächlichen Sportjournalisten zum engagierten Kriegshelfer entwickelt. Ich habe ihm am meisten ein Happy End gewünscht.

Wenngleich mir das Ende dann nicht wirklich gefallen hat, war es doch zumindest realistisch, und der Epilog in London angemessen unaufgeregt. Ein richtiges Happy End für alle Beteiligten hätte auch einfach nicht gepasst.

Der Schreibstil ist trotz all der aufwühlenden Ereignisse eher ruhig, teilweise sogar nüchtern. Dieser Stil passt auch bei der schweren Thematik, denn selbst ohne blutige Details, die in einem gewissen Rahmen dennoch nicht ausbleiben können, kann der Leser sich die Gräuel selbst vor Augen führen. Ich musste mich erstmal ein bisschen hineinlesen, aber dann zog mich das Schicksal von Felix, Nat und George doch in seinen Bann, und ich konnte das Buch kaum noch zur Seite legen, wobei ich mir doch ab und an eine Pause gönnen musste, da die Thematik doch sehr ernst und schwer verdaulich ist.

Regelmäßig findet sich eine Spanien-Karte, auf der gezeigt wird, welche Teile des Landes bereits von den Faschisten eingenommen wurden. Teilweise hatte ich Probleme damit, da manchmal die Unterschiede zwischen den einzelnen Karten sehr gering waren. Weniger Karten in einem größeren zeitlichen Abstand hätten es wohl auch getan.

Im historischen Nachwort, das durch einen chronologischen Überblick über den Bürgerkrieg ergänzt wird, erfährt man dann noch die geschichtlichen Hintergründe zum Buch. Man kann sich diese natürlich auch vorher schon durchlesen, es beeinträchtigt meiner Meinung nach die Handlung nicht, wenn man bereits weiß, wie welche Schlacht ausgegangen ist. Die Autorin hat auf jeden Fall gute Recherchearbeit geleistet.

Alles in Allem schafft es Lydia Syson, die Gräuel des Krieges ohne allzu blutige Details realisistisch wiederzugeben und im Leser eine gewisse Beklemmung auszulösen. Hier konnte mich die Autorin durchaus abholen, und auch die Motivation der jungen Menschen, die sich freiwillig in einen Krieg stürzten, der fernab ihrer eigenen Heimat stattfand, konnte ich nachvollziehen. Aber bei den Emotionen zwischen den Protagonisten fehlte mir dann doch etwas. Vielleicht lag es daran, dass der Bürgerkrieg doch irgendwie mehr im Vordergrund stand als die Liebesgeschichte selbst.

Auch waren mir hier und da ein paar zu viele Zufälle im Spiel. Natürlich ist es für die Handlung unabdingbar, dass sich die Hauptfiguren ab und zu über den Weg laufen, aber manchmal war das doch alles zu gewollt. Wieso die Kapitel 36-44 plötzlich im Präsens geschrieben wurden, das restliche Buch aber davor und danach in der Vergangenheitsform, erschließt sich mir leider auch nicht.

"Im dunklen Licht der Tage" ist eine tragische, realistische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund eines grausamen und leider genau so stattgefundenen Krieges. Auch nachdem man das Buch beendet hat, bleibt es noch lange im Gedächtnis und lässt nachdenklich und erschüttert zurück.

4 von 5 Schreiberpaletten

Donnerstag, 7. August 2014

Rezension: "Der König von Helsinki. Oder wie ich der berühmteste Deutsche Finnlands wurde" von Roman Schatz

Daten zum Buch:
erschienen am: 29. Mai 2010
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 9783404606351
255 Seiten
Preis: 8,99 €

Zum Inhalt:
Roman Schatz wächst in einem gottverlassenen Kaff in Bayern auf und flüchtet in den 80ern zum Studieren nach Berlin. Dort trifft er auf die finnische Austauschstudentin Sirpa, deren Charme er sofort erliegt. Hals über Kopf folgt er ihr in ihre Heimat, ohne Job und mit der bitteren Erkenntnis, dass die gemeinsame Leidenschaft für Matratzensport keine Garantie für eine glückliche Ehe ist. Außerdem sind die Finnen ein ganz eigenes Völkchen. Anfangs als Putzkraft in einem deutschen Altenheim tätig, lernt er schnell ihre kuriose Sprache, hangelt sich auf der Karriereleiter nach oben und schafft es sogar ins finnische Fernsehen.

Meine Meinung:
Zuerst einmal vorweg: Es handelt sich hier zwar um eine Autobiographie, jedoch mit Vermerk des Autors, dass sie bestimmt nur ein fiktives Werk ist und er sich alles eingebildet hat. Und dass man als Autor ja so herrlich gut lügen kann. Ich hoffe ja sehr für alle im Buch Erwähnten, dass hier der Großteil erlogen ist, da so ziemlich niemand gut wegkommt und einige Begebenheiten doch stark übertrieben sind.

Sei es drum: Ob fiktiv oder real, ich finde den Protagonisten von der 1. Zeile an wirklich furchtbar unsympathisch, und auch bis zum Ende des Buches konnte ich dieses Urteil nicht revidieren. Er äußert sich über jeden, auch z. B. über seine früh verstorbene Mutter, sehr abfällig. Er lebt zumindest in jungen Jahren ein gleichgültiges Leben, in dem er Andere ausnutzt, z. B. indem er nach Finnland flüchtet und monatelang nicht mehr seine Rechnung wie Miete, Strom und Gas bezahlt hat.

Auch Sirpa ist absolut keine Sympathieträgerin. Wie man zwischen den beiden so schnell von Liebe sprechen kann, ist mir schleierhaft. In Berlin, wo Sirpa zu Besuch ist, sind die beiden nur im Bett oder am Saufen (Und mit den letzten Kröten gönnt man sich eine Sexshow, obwohl man nichts zum Essen hat...). Schnell beschließt Roman dann, nach Finnland zu gehen, wo die beiden ebenfalls nichts Anderes tun als Matratzensport und Saufen. Man ist ja sowieso chronisch pleite und möchte die letzten Mäuse nicht für unnötige Dinge wie Essen verschwenden. Ansonsten können die beiden nicht wirklich viel miteinander anfangen, und Gespräche beschränken sich auf: "Hungry? - "Yes." - "Thirsty? - "Yes." - "Horny?"- Yes." (S. 56) Später, als die Sprachbarrieren überwunden sind, beschränkt sich die Kommunikation dann nur noch auf Vorwürfe und Hasstiraden.

Der Autor warnt dann auch, dass die "Liebe" zwischen ihm und Sirpa schnell starke Risse bekam, als er Finnisch lernte. Deshalb auch sein wertvoller Tipp, dass man niemals die Sprache des Partners lernen sollte. Überhaupt äußert sich der Autor dank seiner eigenen Erfahrung sehr abwertend über Partnerschaft und das Konzept der Familie, die er auf eine Stufe mit einem Gefängnis stellt. Was für ein Sonnenschein!

Da der Autor selbst ein negativer Charakter ist, scheint er sich auch nur mit solchen zu umgeben. So schafft er es, jede Person so darzustellen, dass man sie spontan auch nicht mag.

Auch die Finnen und ihr Land sind stark überzeichnet. Dumm, akoholsüchtig, skurril. Nach circa 70 Seiten wird es aber dann erträglicher, und endlich erfahren wir auch etwas mehr über Finnland, ab und an liest man sogar etwas Positives über die Finnen, der Autor integriert sich richtig gut, aber meist hat doch alles einen negativen Touch.

Schon die ersten Zeilen zeigen, in welche Richtung der Schreibstil geht: "Alles Fotzen außer Mama". Ich habe nicht generell ein Problem mit deftiger Ausdrucksweise, aber auf Dauer ging mir die vulgäre und respektlose Sprache doch sehr auf den Zeiger. Da Schatz sehr auf Sex fixiert ist und den Leser ausschweifend an seinem Sexleben teilhaben lässt, werden Worte wie "ficken" oder "Schwanz" geradezu inflationär verwendet. Ich meine, der Autor hat wirklich viel erlebt, das muss man ihm schon eingestehen. Trotzdem hätte ich ich doch gerne auf seine ausführlichen Sexerlebnisse verzichtet, um dafür mehr über Finnland zu erfahren.

Ich habe mich durch die ersten 70 Seiten ganz schön durchgequält und war kurz davor, das Buch abzubrechen. Danach wurde es etwas besser, aber es ist definitiv kein Buch, das ich ans Herz legen kann. Wer etwas über Deutsche in Finnland lesen möchte, findet auch Alternativen, in denen man sich nicht noch durch eine vulgäre Schreibweise und die sexuellen Ausschweifungen des Autors durchquälen muss.

Übrigens Das Buch gibt es auch mit einem Cover, auf dem der Autor nackt abgebildet ist. Sehr passend...

2 von 5 Schreiberpaletten

Dienstag, 5. August 2014

Neuzugänge

Meine Güte, ich hab ja schon seit über einem Monat keine Neuzugänge mehr gepostet!

Rezensionsexemplare


- Lydia Syson, "Im dunklen Licht der Tage": Gewonnen für eine Leserunde auf LovelyBooks. Ein Young Adult-Roman über den spanischen Bürgerkrieg, über den ich persönlich ja bislang noch nichts wusste. Meine aktuelle Lektüre.

- Christiane Lind, "Endlich Schnurrlaub. Katzen auf Reisen": Ebenfalls für eine autorenbegleitete Leserunde auf LB, die sehr amüsant war. Meine Rezi findet ihr hier.

- Barbara Ruscher, "Fuck the Möhrchen. Ein Baby packt aus": Hier hat der Verlag mich von sich aus angeschrieben und gefragt, ob ich das Buch gerne lesen möchte. Ich hab mich echt gefreut über diese Anfrage! :-) Hatte das Buch schon öfter gesehen und fand es ganz interessant.

- Mathias Taddigs, "Ein Mann, ein Ring": Von "Blogg dein Buch" bekommen, Rezi gibt es hier.


Gewonnen


- John Doyle, "Die Welt ist eine Bandscheibe": Gewonnen beim Fragefreitag auf LovelyBooks. Mit der Bandscheibe haben's mittlerweile ja immer mehr Leute, da kann man sich ja schonmal vorab informieren. ;-)

- Kerstin Gier, "Rubinrot. Liebe geht durch alle Zeiten": Gewonnen auf der Facebookseite vom Club Bertelsmann. Ich liebe ja die Edelstein-Trilogie, aber habe die Bücher leider nicht. Band 1 ist ja schonmal ein Anfang. :-)

- Sólveig Jónsdottir, "Ganze Tage im Café": Gewonnen auf Miha's Channel. Eigentlich dachte ich schon, dass das Buch verloren gegangen ist, da ich die Gewinnbenachrichtigung schon Mitte Mai bekommen habe, das Buch kam aber erst Ende Juli an. Na, Hauptsache da! :-)


Gekauft


- Beppo Severgnini, "Überleben in Amerika. ...ohne fromm, unbescheiden oder tiefgefroren zu werden": Auf dem Hugendubel-Wühltisch für 2 € gefunden und spontan mitgenommen. Ich mag ja solche Kultur-Bücher.

- Arto Paasilinna, "Die wunderbare Reise einer finnischen Gebetsmühle": Ebenfalls beim Hugendubel für 2 € gekauft. Von Paasilinna habe ich bislang 2 Bücher gelesen - das eine fand ich ok, das andere schlecht. Mal sehen, wie ich dieses Buch finde. Als Freundin eines Halb-Finnen muss man sich ja ab und an mit diesem kuriosen Völkchen beschäftigen. ;-)

- Ippolito Rosellini, "The Monuments of Egypt and Nubia": Diesen Bildband, der natürlich meine niederen Ägyptologen-Instinkte angesprochen hat, habe ich auf einem Flohmarkt in San Francisco für 8 $ mitgenommen. Für solch einen Bildband im neuwertigen Zustand ein absolutes Schnäppchen!

- GU, "Laktoseintoleranz": Ich bin ja eigentlich ein toleranter Mensch, aber bei Laktose versteht mein Körper leider seit ca. einem Jahr keinen Spaß mehr! Irgendwie ist es immer noch nicht so einfach rauszufinden, was ich nun essen darf und was nicht. Vielleicht hilft mir ja dieser Ratgeber, ein bisschen besser durchzublicken. Ich mag normalerweise keine Ratgeber, aber der hier hat mich für 2 € auf dem Wühltisch ja regelrecht angesprungen.

- William G. Banker, "Alcatraz # 1259": Diese Autobiographie habe ich auf Alcatraz gekauft und vom Autor signieren lassen. Meinen Bericht dazu findet ihr hier.


- Randa Abdel-Fattah, "Und meine Welt steht kopf": Ein Jugendbuch über eine Muslimin, die beschließt, ab sofort Kopftuch zu tragen. Gekauft im 1 Euro-Shop für - natürlich - 1 €.

- P. B. Kerr, "Die Kinder des Dschinn" Teil 2-5: Manchmal liebe ich den 1 Euro-Shop einfach! Die hatten dort tatsächlich diese Hardcover-Bände, eingeschweißt, für je 1 €! Eigentlich habe ich die Bände schon, aber kunterbunt durcheinander als TB und HC und alle im gebrauchten Zustand. Da konnte ich einfach nicht widerstehen! Ich hoffe, dass ich die restlichen 3 Bände auch noch irgendwie kriege.


Ertauscht


- Jessi Kirby, "Dein eines, wildes, kostbares Leben": Auf LovelyBooks mit einem anderen Mitglied vertauscht. Klang ganz nett, scheinbar bin ich grad auf dem Jugendbuchtrip...

- Undine Zimmer, "Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz-IV-Familie": Der Erfahrungsbericht einer Tochter von Hartz IV-Empfängern. Steht schon seit Erscheinen auf meiner Wunschliste, jetzt konnte ich es mir für 3 Tickets auf Tauschticket holen. Bin schon sehr gespannt!


Puh, ok, das waren ja nicht gerade wenige Neuzugänge. Vor allem wenn man bedenkt, wie wenig ich so im letzten Monat gelesen habe. :-/ Aber jetzt hab ich ja noch 3 Wochen bis zum Ausbildungsbeginn, in denen ich lesetechnisch nochmal richtig Gas geben werde. :-) Bei soviel Auswahl ist doch bestimmt auch was für euch dabei, oder?

Sonntag, 3. August 2014

Bookish California 3: Alcatraz

Einer der Höhepunkt meines Kalifornien-Urlaubs war für mich persönlich eindeutig Alcatraz. Zum Glück hatte ich die Karten dafür schon wochenlang vorher gebucht, denn als wir ankamen, gab es bis August keine Tickets mehr. Eigentlich hatte ich mich nie für Alcatraz oder generell für diese Zeitspanne interessiert, aber die Insel zog mich doch schnell in ihren Bann.


"Was hat Alcatraz denn bitteschön mit Büchern zu tun?", fragt ihr euch jetzt sicherlich. Zu Recht! Auf den ersten Blick eigentlich gar nichts. Wenn man mal davon absieht, dass man echt viel Zeit zum Lesen hat, wenn man 10, 20 Jahre eingebuchtet wird. Deshalb gab es auch auf der berühmtesten Gefängnisinsel eine eigene Bibliothek.


ABER: Als wir auf der Insel ankamen, wurde eine Durchsage gemacht: Heute sei ein ehemaliger Alcatraz-Häftling hier, um seine Autobiographie zu signieren. Sofort wurde ich hellhörig! Da wollte ich unbedingt hin! Leider traf man den Autor erst, wenn man die komplette Audiotour durch das Gefängnis mitgemacht hatte. Was nicht so schlimm war, denn der Rundgang war supermegainteressant! :-) Aber trotzdem war ich schon die ganze Zeit gespannt auf die Signierstunde!

Es handelt sich bei der Autobiographie um "Alcatraz # 1259" von William G. Baker. Baker wurde 1957 nach Alcatraz verlegt, nachdem er mehrmals aus den bisherigen Gefängnissen geflüchtet war. Dort verbrachte er fast 3 Jahre und erlernte von einem Mitinsassen die hohe Kunst der Scheckfälschung. Baker war Zeit seines Lebens ein Betrüger und saß seine letzte Haftstrafe erst 2011 ab. Mittlerweile ist er 86 Jahre alt und einer der letzten Alcatraz-Häftlinge, die noch leben. Trotz der eher unschönen Zeit auf Alcatraz kehrt Baker immer noch regelmäßig auf die Insel zurück, um sein Buch vorzustellen und zu signieren. Entgegen meines sonstigen Kaufverhaltens griff ich hier sofort zu und reihte mich in die Schlange der Wartenden ein.

In der Warteschlange - ganz schöner Andrang, oder? Wobei auch zeitweise ein niederländischer Tourist vor mir stand, der dachte, das sei die Kasse... ;-)
Sehr netter Mann. Wusste bis dato nicht, wofür er eigentlich ins Kittchen gewandert ist, hätte ja auch Mord sein können, deshalb war ich zu ihm besonders freundlich.
Ha, wer kann schon von sich behaupten, voll tight mit einem Alcatraz-Häftling zu sein? ;-)
Ich war jedenfalls danach ganz happy, denn einen ehemaligen Alcatraz-Häftling kennenzulernen und sich von ihm seine Biographie signieren zu lassen, betrachte ich persönlich als echtes Highlight! Bald wird es niemanden mehr geben, der von seiner Zeit auf der Gefängnisinel berichten könnte, und ich bin ganz stolz auf mein kleines Stückchen Geschichte, das ich mir von der Insel mitgenommen habe. Das Buch habe ich noch nicht gelesen, aber ich bin schon sehr gespannt auf die Lektüre. Im Shop hat es übrigens 20,00 $ gekostet, bei Amazon gibt es das Buch für 13,10 € (bzw. als eBook sogar nur für 7,46 €).


Wer noch ein bisschen mehr über William G. Baker wissen möchte, kann sich diese zwei interessanten Artikel anschauen:

http://www.santaclaraweekly.com/2014/Issue-2/former_inmate_recounts_prison_experience_in_alcatraz_1259.html

http://www.npr.org/2013/10/14/231536397/a-night-at-the-rock-former-alcatraz-inmate-journeys-back