Sonntag, 26. April 2015

Rezension: "Wir können doch nicht alle nehmen! Europa zwischen 'Das Boot ist voll' und 'Wir sterben aus'" von Livia Klingl

Daten zum Buch:
erschienen am: 1. März 2015
Verlag: Kremayr & Scheriau
ISBN: 9783218009683
190 Seiten
Preis: 22,00 € (HC)
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Zum Inhalt:
Tagtäglich werden Menschen über das Mittelmeer nach Europa geschleust. Tagtäglich ertrinken Flüchtlinge im Meer. Doch die tatsächlichen Zahlen werden nicht genannt, schlimmer noch – die breite Öffentlichkeit interessiert sich für die Toten im Mittelmeer schlichtweg nicht. Um das öffentliche Interesse zu wecken, bedurfte es erst einer Katastrophe größeren Ausmaßes: Im Oktober 2013 sank ein Flüchtlingsschiff vor der italienischen Insel Lampedusa, circa 400 Menschen kamen dabei ums Leben. Es war nicht das erste und blieb auch nicht das letzte Unglück dieser Art.

Dennoch bleibt Europa eine Festung, die mit allen Mitteln verhindern will, dass Flüchtlinge aus Afrika oder Asien Zutritt erhalten. Dabei ist die angebliche Flüchtlingsschwemme ein Märchen, denn Asylsuchende machen weniger als 0,1 Prozent der EU-Bevölkerung aus. 

Meine Meinung:
In ihrem Buch „Wir können doch nicht alle nehmen!“ will Livia Klingl mit den Vorurteilen über Flüchtlinge und Asylanten endgültig aufräumen. Sie tischt erschreckende Fakten über die Flüchtlingspolitik auf und berichtet schockierende Details über den Umgang mit Asylsuchenden. Im Anschluss werden dem Leser noch in 16 Einzelporträts Menschen mit Migrationshintergrund vorgestellt.

Das tragische Unglück vor Lampedusa hatte man mittlerweile fast schon wieder vergessen, doch dann wurde im April 2015 dieser traurige Rekord geschlagen: Innerhalb einer Woche starben über 1.000 Menschen im Mittelmeer, davon alleine an einem einzigen Tag circa 700. Wieder wurden Rufe laut nach einer neuen Flüchtlingspolitik. Die Thematik des Buches ist also momentan wieder hochbrisant.

Natürlich haben auch die wohlhabenden Länder Europas keine unbegrenzten Ressourcen. Doch es ist einfach nur pervers, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird. Diejenigen, die die gefährliche Überfahrt überleben, werden so schnell wie möglich wieder in ihre Heimat abgeschoben – wo sie dann wieder erneut unter Lebensgefahr die Flucht antreten. In der an Afrika angrenzenden spanischen Enklave Melilla spießen hohe Schutzzäune verzweifelte Afrikaner auf, während wohlhabende Pärchen vor dieser Kulisse Golf spielen. Spanische Schutzkräfte sind dazu übergegangen, zaunkletternde Afrikaner zu steinigen oder zu erschlagen und die Leichen in Marokko zu entsorgen.

Viele dieser Dinge waren mir bislang unbekannt. Man kennt nur die Zahlen und Fakten aus den Medien. Insofern hat mir dieses Buch durchaus viel Neues geboten. Wenn man z. B. das Kapitel „Was sie erwartet, auf der Flucht“ durchliest, so scheint es doch sehr zynisch, dass die EU den Friedensnobelpreis erhalten hat...

Die Autorin geht natürlich in erster Linie auf ihre Heimat Österreich ein, aber weitet die Zahlen und Fakten in der Regel auch auf Deutschland aus, so dass es nicht zu österreich-lastig ist. Der Schreibstil ist ok, manche Stellen fand ich etwas hochtrabend, doch alles in allem ist er gut lesbar.

Allerdings haben mich einige Dinge an diesem Buch doch ziemlich gestört:

1. Es sind leider fast keine Quellenangaben vorhanden, auch Literaturverweise fehlen gänzlich. Dafür habe ich gleich mehrere Male das Wort „Wikipedia“ gelesen, was mir sauer aufgestoßen ist. Nichts gegen Wikipedia per se, aber in einem Sachbuch sollte man es niemals als Quelle nennen, sondern sich zumindest die Mühe machen, die bei Wikipedia genannten Originalquellen nachzuprüfen. Wenn man ansonsten sowieso keine Quellen nennt, hätte man diese dann auch weglassen können, das wäre bei mir noch besser angekommen, als Wikipedia zu nennen.

2. Die Autorin differenziert nicht zwischen Flüchtlingen und Arbeitsmigranten. Sie zeigt die furchtbaren Situationen von Flüchtlingen auf, plädiert für eine offene Flüchtlingspolitik, doch wenn sie positive Beispiele für Integration wie z. B. den wirtschaftlichen Nutzen für die Aufnahmeländer aufzeigt, dann handelt es sich hier fast ausnahmslos um Arbeitsmigranten oder ehemalige Gastarbeiter, die freiwillig nach Europa gekommen sind, hier arbeiten (dürfen) und nicht abhängig vom Staat sind. Teilweise werden Beispiele aus der längst vergangenen Zeit der Gastarbeiter genannt, und Zuwanderung wird stellenweise arg romantisiert. Dieser Sprung zwischen beiden Gruppen und das Vermischen zu einem Einheitsbrei, nur um die Message „Ausländer sind gut für Europa!“ durchzudrücken, ist für mich nicht nachvollziehbar und unprofessionell.

3. Gerade einmal drei der 16 Porträtierten waren Asylanten bzw. Flüchtlinge, die erst vor Kurzem nach Österreich kamen. Alle Anderen sind schon -zig Jahre in Europa oder wurden hier (als Kinder von Immigranten) geboren. Ich hätte mir hier mehr aktuelle „Fälle“ gewünscht. Dieser Teil ist eher allgemein der Immigration in den letzten circa 30 Jahren gewidmet und deshalb in meinen Augen eine Themaverfehlung.

Dieses Buch will über die Situation von Flüchtlingen aufklären und für mehr Fremdenfreundlichkeit und Offenheit sowie ein starkes Umdenken in der Asylpolitik plädieren. Auch wenn ich generell die Meinung der Autorin teile, so hätte ich mir doch mehr Reflexion gewünscht. Livia Klingl zeigt keinerlei Lösungen auf, sondern betont lediglich die Schlechtigkeit der Asylpolitik einerseits und die vielen angeblichen Vorteile für Europa durch die Aufnahme von Flüchtlingen andererseits. Auch wenn ich das Buch an und für sich interessant finde und viel dazugelernt habe, so fallen die oben genannten Kritikpunkte für mich so stark ins Gewicht, dass ich nur 3 Sterne vergeben kann.

Ich spreche dennoch eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus, denn dieses Thema geht uns alle an, ob wir wollen oder nicht!

3 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an Kremayr & Scheriau für dieses Rezensionsexemplar!

Kommentare:

  1. Auch wenn es hart klingt. Mich interessiert es auch nicht wirklich. Wenn die Flüchtlingswellen so weiter gehen, dann besteht Deutschland bald nur noch aus Flüchtlingen, die nicht arbeiten und deren Länder sind leer. Wenn ich schon höre in manchen Zeitungen und Interview:Ich lerne in der SChule fleißig Deutsch, damit ich wenn ich groß bin Hartz IV Empfänger in Deutschland werden kann, dann könnte ich kotzen.. Sorry.. Ich habe Ausländer als Freunde und nichts gegen sie, aber die Flüchtlingswellen sind einfach zu übertrieben. In die USA dürfen doch auch nicht alle, und werden auch nicht noch gerettet, wenn sie unterwegs in Gefahr geraten.

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    1. Liebe Sarah,

      zuerst einmal finde ich es gut, dass du dann überhaupt meine Rezension gelesen hast, obwohl dich das Thema nicht interessiert! Und dass du mutig genug bist, zuzugeben, dass du eben zu den Leuten gehörst, denen das Thema egal ist. Das ist auf jeden Fall ehrlich.

      Ich bin unschlüssig, ob ich hier groß mit dir diskutieren soll, da ich natürlich ganz anders denke als du. Und natürlich darf jeder seine Meinung haben. Aber ich denke, gerade Leute mit deiner Einstellung wären halt die richtige Zielgruppe für solch ein Buch, da es hilft, eben diese Vorurteile abzubauen und vielleicht auch ein Grundverständnis für die Situation von Flüchtlingen zu entwickeln. Aber da eben das Interesse auch nicht besteht, kriegt man dann auch diese Leute nicht zum Lesen des Buches, was halt irgendwie ein Teufelskreis ist.

      Ich wohne in einer Großstadt, und die Zahl der Asylanten, denen ich begegne, ist wirklich verschwindend gering. (Ausländische Studenten, Gastarbeiter und Touristen, die ganz frei hierher reisen können, schließe ich hier kategorisch aus.) De facto bilden Asylanten bzw. Flüchtlinge einen verschwindend geringen Anteil der deutschen Bevölkerung. Da sich meist nur die wohlhabenden und oft gebildeten Schichten aus diesen Ländern die Flucht leisten können, ist es auch nicht so, dass alle Asylanten arbeitsunfähig oder arbeitsunwillig sind. Allerdings ist es ihnen schlicht und ergreifend verboten, in Deutschland ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, so lange sie hier nur "geduldet" sind. Und glaub mir, es gibt genügend Flüchtlinge, die dies könnten und auch wollen, aber eben nicht dürfen! (Im Gegensatz zu so manch bequemen Einheimischen, der seinen Lebensstil mit Handyflat und Premiere-Abo auf dem Rücken des Sozialstaats genießt und nicht mit 10 Fremden ein Zimmer ohne fließend Wasser und Strom teilen muss, nachdem er aus einem Land geflohen ist, in dem er zusehen musste, wie seine halbe Familie abgeknallt wurde o.Ä.)

      Ich finde ehrlich gesagt deinen letzten Satz sehr erschreckend und hoffe, dass ich es einfach nur falsch verstanden habe, dass du es besser fändest, man würde die Leute lieber ersaufen lassen, als sie aus dem Wasser zu ziehen und zu riskieren, dass sie uns vielleicht bis zur Abschiebung oder alternativ erfolgreichen Integration auf der Tasche liegen. (In diesem Zusammenhang auch mal gerne gucken, für welch unsinnigen Scheiß die europäischen Länder Milliardenbeträge rausblasen im Vergleich dazu, was in Flüchtlingspolitik investiert wird.)

      Ich denke doch, dass du als Mutter es auch schlimm findest, dass bei den zahlreichen Schiffsunglücken nicht nur "böse" Männer qualvoll ertrunken sind, sondern auch unzählige Kinder und Babies, die ihre Eltern nicht unter solchen Gefahren nach Europa bringen wollten, weil sie sich in der sozialen Hängematte ausruhen wollten, sondern weil die Alternative in ihrem Land so schlimm ist, dass sie dieses enorme Risiko bewusst auf sich nehmen, weil sie keine andere Lösung mehr finden. Auch wenn wir oft das Gefühl haben, wir kommen in unserem Land finanziell etc. zu kurz (Mir geht es da auch nicht anders!!!), so muss man mit einem neutralen Blick sagen: Uns geht's hier nocht wirklich richtig gut, denn wir werden nicht wegen unserer Religion vom Nachbarn abgeknallt, unsere Kinder werden nicht entführt und als Sexsklaven verkauft, wir müssen nicht tagelange Fußmärsche auf uns nehmen, um irgendwo medizinisch versorgt zu werden, und es muss hier wirklich keiner auf der Straße verhungern.

      Jetzt bin ich leider doch etwas ausführlicher geworden. Aber ich hoffe, dass du auch meinen Standpunkt verstehst. Ehrlich gesagt gab es mehrere Leute in meinem Freundeskreis, die mich gebeten haben, deinen Kommentar zu löschen, aber wir haben etwas, das ich sehr schätze in diesem Land, weil wir nämlich das Privileg besitzen, dafür nicht verfolgt, eingesperrt und getötet zu werden wie die Flüchtlinge, die zu uns kommen: Meinungsfreiheit. Und die möchte ich auch hier auf meinem Blog auf keinen Fall beschneiden.

      LG, Bianca

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  2. Sarah, ich weiß es zwar nicht genau, allerdings denke ich doch, dass die USA durchaus auch Schiffbrüchige vor ihrer Küste retten, wenn sie welche antreffen. Allerdings haben sie wohl das Glück, dass in den benachbarten Ländern die Situation nicht ganz so dramatisch ist, wie derzeit in Afrika und im Nahen Osten. Sehr krass finde ich aber deine Andeutung, man solle doch die Flüchtlingswellen dadurch bekämpfen, dass man die Leute einfach ertrinken lässt. So viele sind das nun auch wieder nicht. Und mal ehrlich, von dem Geld, das wir in den letzten Jahrhunderten in Afrika und anderen armen Ländern verdient haben, könnten wir wesentlich mehr erreichen als aktuell getan wird. Und schön, dass du es OK findest, dass deine ausländischen Freunde nicht ertrunken sind. Aber mach dir mal bewusst, was das für eine Welt ist, in der wir leben! Ich bin der Meinung, Einstellungen wie deine sind genau der Grund, warum sie so ist. Genau deshalb gibt es Kriege, Elend und Armut. Versteh mich nicht falsch, das hat nichts mit Schuld zu tun. Aber mit Mitgefühl. Wenn ich einen Ertrinkenden im Wasser sehe, dann rette ich ihn. Wenn ich zu einem Unfall komme, dann helfe ich. Und wenn ich sehe, dass jemandem Unrecht angetan wird, dann schreite ich ein. Natürlich muss das Grenzen haben, aber wenn jeder nur ein bisschen hilft, verändert das eine Menge. Vermutlich hältst du das für naiv, aber ich sage dir, so lebt es sich wesentlich angenehmer als mit Angst oder gar Hass.

    Grüße,
    Simo

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