Montag, 15. Juni 2015

Rezension: "Ich warte auf dich, jeden Tag" von Clarissa Linden

Daten zum Buch:
erschienen am: 2. Februar 2015
Verlag: Knaur
ISBN: 9783426516058
480 Seiten
Preis: 9,99 € (TB)
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Zum Inhalt:
Frankfurt, 1933: Die junge Studentin und Sozialdemokratin Lily verliebt sich gegen ihren Willen in den reichen, arroganten Alexander. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und verschiedenen Ansichten entbrennt zwischen den beiden eine einzigartige Liebe. Doch die Nationalsozialisten sind an der Macht, und nicht nur Lily muss wegen ihrer politischen Ansichten um ihr Leben fürchten.

Berkeley 1999: Erin ist verzweifelt. Von ihrem geliebten Mann Jeffrey nach über 20 Jahren Ehe verlassen, der einzige Sohn weit weg in Spanien zum Studium, erfährt sie nun auch noch, dass ihr Job in der Buchhandlung ihrer Freundin Charlotte in Gefahr ist. Dass nun auch noch ihre Eltern das Haus, in dem Erin aufwuchs, verkaufen möchten, bricht ihr fast das Herz. Beim Ausmisten ihrer Sachen stößt Erin auf einen Liebesbrief an ihren deutschstämmigen Großvater von einer gewissen Lily aus Frankfurt. Ein Flugticket weist darauf hin, dass ihr unnahbarer Großvater scheinbar kurz vor seinem Tod Erins geliebte Großmutter verlassen und noch in hohem Alter zur mysteriösen Absenderin fliegen wollte.

Ermutigt von der abenteuerlustigen Charlotte, verlässt Erin ihre Komfortzone und reist nach Europa, um sich auf die Spuren von Lily und Alexander zu begeben.

Meine Meinung:
Zuerst einmal muss ich sagen, dass ich gerne mal Chick Lit lese, aber keine kitschigen Liebesromane à la Rosamunde Pilcher. Beim Klappentext war ich mir nicht sicher, was mich hier erwarten würde. Ich war etwas skeptisch, ob dieser Liebesroman etwas für mich ist, wollte ihm aber eine Chance geben, da ich die Autorin sehr mag. Doch schnell habe ich gemerkt: Chick Lit ist „Ich warte auf dich, jeden Tag“ sicherlich nicht. Ein Kitschroman aber sicherlich auch nicht! Sondern einfach eine sehr schöne Geschichte über die große, wahre, leidenschaftliche, bedingungslose Liebe.

Der Roman spielt abwechselnd im Jahr 1999 und 1933/1945. Zuerst lernen wir die Amerikanerin Erin kennen, die von ihrem Mann verlassen wurde und gerade vor den Scherben ihres Lebens steht. Beim Ausmisten ihres Elternhauses findet sie den bereits erwähnten Brief an ihren Großvater, dem sie nie nahe stand, da er stets ein sehr distanzierter Mensch war. Gerade deshalb reizt es sie irgendwie, die Geschichte um Lily und ihn herauszufinden. Parallel dazu erfährt der Leser die Geschichte von Lily und Alexander zur Zeit, als die Nationalsozialisten gerade an die Macht gekommen waren. Die beiden verbindet eine besondere Liebe, doch die politischen Umstände trennen sie auf tragische Weise.

Den Schreibstil von Clarissa Linden kenne ich bereits aus zwei Romanen, nämlich dem lustigen Liebesroman „Kein Gott wie jeder andere“ (als Chris Lind) und der Kurzgeschichtensammlung „Endlich Schnurrlaub. Katzen auf Reisen“ (als Christiane Lind). Ich mag ihren Schreibstil sehr, denn er ist lebendig, anschaulich und liest sich sehr flüssig. Auch bei dieser im Vergleich zu den anderen beiden Romanen doch sehr ernsten Geschichte trifft die Autorin stets den richtigen Ton. Obwohl sowohl Erins als auch Lilys Geschichte sehr emotional ist, driftet sie nie ins Kitschige ab. Der Ton ist sogar einigermaßen distanziert, so dass man selbst entscheiden kann, wie sehr man sich von den Emotionen mitreißen lassen möchte. Ich bin schon eher ein nüchterner Leser, der nicht gleich bei jeder rührigen Szene in Tränen ausbricht, aber im letzten Teil der Geschichte hat mich Clarissa Linden dann doch kalt erwischt, und ich musste ein paar Tränchen verdrücken.

Die beiden Protagonistinnen Erin und Lily leben in unterschiedlichen Zeiten und sind völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Es ist spannend, beide Geschichten zu verfolgen, wenngleich ich sagen muss, dass ich die Handlung um Lily interessanter fand. Beide Charaktere entwickeln sich weiter, was ich in einem Roman immer sehr begrüße. V. a. Erin ist am Ende der Geschichte eine ganz andere Frau.

Eine nette Idee ist sicherlich die „Challenge“ von Charlotte. Diese schickt Erin auf ihrer Reise durch Europa regelmäßig den ersten Satz eines Buches, das Erin herausfinden und lesen soll. Hier findet der ein oder andere ja vielleicht ein paar Lesetipps für amerikanische Literatur (Mein Geschmack waren die Bücher aber leider nicht.).

Die Ereignisse in Nazideutschland sind sehr plastisch und bedrückend dargestellt. Hier wird nochmal deutlich, dass nicht nur die jüdischen Einwohner gefährlich lebten, sondern einfach alle, die gegen den Nationalsozialismus waren. Ich war ehrlich gesagt froh, dass Lily keine Jüdin war, sondern eine Sozialdemokratin. Das war einfach ein neuer und spannender Aspekt. So weit ich das beurteilen kann, hat die Autorin ordentlich recherchiert und die Ereignisse realistisch rekonstruiert.
Obwohl Lily und Alexander kein Happy End gegönnt ist, was ich sehr traurig und enttäuschend fand, ist der Roman nicht per se traurig bzw. tragisch. Man lernt, dass es verschiedene Arten von Liebe gibt und nicht nur DIE eine große Liebe (Die viele Menschen vermutlich nie kennenlernen dürfen.), dass man auch glücklich sein kann mit den kleinen Dingen des Lebens, dass man glücklich sein soll über das, was man hat, statt über das zu trauern, was man verloren hat. Insofern hat mich das Buch doch ziemlich nachdenklich gestimmt, und ich denke, so wird es vielen Lesern gehen.

„Ich warte auf dich, jeden Tag“ ist eine emotionale (Zeit-)Reise mit sympathischen Charakteren und einer wunderschönen, wenn auch tragischen Liebesgeschichte. Ein Buch, das mich wirklich beeindruckt hat. 

5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an Christiane Lind (aka Clarissa Linden) für dieses Rezensionsexemplar und die liebevolle Betreuung bei der Leserunde auf LovelyBooks!

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