Freitag, 2. Oktober 2015

Rezension: "'Mich hat Auschwitz nie verlassen' Überlebende des Konzentrationslagers berichten" von Susanne Beyer und Martin Doerry (Hrg.)

Daten zum Buch:
erschienen am: 21. September 2015
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN: 9783421047144
284 Seiten
Preis: 29,99 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
Als im Januar 1945 sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz befreiten, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Über eine Million Menschen wurden hier ermordet, und diejenigen, die nicht noch kurz vor der Befreiung auf einen der Todesmärsche geschickt wurden, waren halb verhungert, krank und hausten in menschenunwürdigen Umständen in den Baracken.

Viele der ehemaligen KZ-Häftlinge konnten oder wollten nicht über ihre Zeit im Lager sprechen. Andere wiederum machten es sich zur Lebensaufgabe, das Geschehene nicht vergessen zu lassen.

Anlässlich der 70jährigen Befreiung des KZ Auschwitz haben sich SPIEGEL-Redakteure mit 20 Überlebenden in Europa, Amerika und Israel getroffen, die ihnen stellvertretend für all die vielen Anderen, die Auschwitz nicht überlebt haben, ihre Geschichten erzählten.

Meine Meinung:
Ziel dieses Buches war es, 70 Jahre nach Kriegsende noch einmal möglichst viele Zeitzeugen erzählen zu lassen, die den Holocaust miterlebt und überlebt haben. Alle Porträtierten sind mittlerweile in einem hohen Alter, und bald wird es keinen mehr geben, der noch berichten kann. Deshalb ist es wichtig, diese Stimmen zu hören und die Erinnerungen zu dokumentieren.

Nach einem Vorwort über das KZ Auschwitz und das SPIEGEL-Projekt folgen die Porträts der elf Frauen und neun Männer, die einst in Auschwitz die schlimmste Zeit ihres Lebens verbringen mussten. Auschwitz gilt als das schlimmste aller Konzentrationslager. Hier kam man nur "durch den Schornstein" wieder hinaus, wie es die Nazis den Insassen oft genug erklärten. Tatsächlich wurde wohl in keinem anderen KZ so systematisch und in hoher Anzahl getötet wie hier. Außerdem war hier der "Schlächter" Mengele tätig, der an den Häftlingen grauenhafte Experimente vornahm.

Die Redakteure lassen die Zeitzeugen für sich sprechen und geben nur das Erzählte wieder ohne Ergänzungen oder Erklärungen. Das finde ich gut, so steht jede Geschichte für sich da, authentisch und lebendig erzählt. Vieles wiederholt sich in fast jedem Porträt, die Erinnerungen und Erlebnisse decken sich oft: Der menschenunwürdige Transport im Viehwaggon, der bereits zahlreiche Menschenleben forderte; die Selektion an der Rampe direkt nach der Ankunft; die katastrophalen Zustände im Lager, die Zwangsarbeit, die Todesmärsche. Dieses ohnmächtige Gefühl, ständig umgeben zu sein vom Tod, diese Angst, dass man jederzeit getötet werden konnte.
"In jedem KZ haben mich Häftlinge umringt, weil sie wissen wollten: "Wie ist es in Auschwitz?" Und fast immer haben sie dann gesagt: "Du bist verrückt." Wissen Sie, ich habe in meinem Leben so viele Situationen gesehen, die man unmenschlich nennt. Aber nirgends hat man die Bestien so wenig in Schach gehalten wie in Auschwitz."
Marko Feineis
Und doch sind die Einzelschicksale individuell und jedes für sich interessant. Da ist z. B. Erna de Vries, die als junge Frau freiwillig ihrer Mutter nach Auschwitz folgte, um sie nicht alleine zu lassen. Die Liebe zur Mutter war stärker als die Angst vor dem Ungewissen. Oder Coco Schumann, der dank seiner Musik überleben konnte und später ein erfolgreicher Musiker wurde. Oder Anna und Izzy Arbeiter, die beide als junge Menschen in Auschwitz einsaßen, sich gegenseitig das Leben retteten und seit dieser Zeit unzertrennlich sind.

Wer starb und wer lebte, darüber entschied oft der Zufall. Manche waren schon auf der Todesliste, standen bereits in der Schlange für die Gaskammer. Und doch geschahen manchmal noch kleine Wunder.

Einige Überlebende sind nochmal nach Auschwitz zurückgekehrt, um sich der Vergangenheit zu stellen. Andere schwiegen jahrzehntelang und versuchten zu vergessen. Während einige die auf dem Unterarm tätowierte Häftlingsnummer entfernen ließen, tragen andere sie mit Stolz.

Ich habe schon viele Bücher über den 2. Weltkrieg und den Holocaust gelesen, ich habe schon von vielen Gräueln gehört, aber es ist immer wieder von Neuem erschütternd, wenn Zeitzeugen berichten. Diese Tötungsmaschinerie der Nazis war so grauenhaft, dass ich es mir auch nach dem x.-ten Zeitzeugenbericht immer noch nicht richtig vorstellen kann, wie Menschen zu so etwas fähig waren. Und wie Menschen so etwas überleben konnten! Ich bewundere den Überlebenswillen der Porträtierten, die manchmal nur durch Zufall überlebten, manchmal aber auch, weil sie einen eisernen Willen hatten, gewieft waren und um ihr Leben kämpften.

"Ich weiß nicht, wie ich Auschwitz überlebt habe. Ich weiß nicht, wie irgendwer das überlebt haben kann."
Marta Wise
Zu den Erzählungen gibt es schöne Porträtfotos der Interviewten. Im Anhang finden sich Kurzbiographien der Zeitzeugen und Autoren bzw. Fotografen, außerdem noch ein Literaturverzeichnis. Generell macht das Buch einen sehr hochwertigen Eindruck.

Trotz der schweren Thematik habe ich "Mich hat Auschwitz nie verlassen" in einem Rutsch verschlungen. Natürlich gibt es mittlerweile viele Bücher und Berichte von Zeitzeugen, aber können es zu viele sein? Ich denke nicht. Deshalb mein ganz klares Fazit: Unbedingt lesen!

5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an das Bloggerportal von Randomhouse für dieses Rezensionsexemplar!

Kommentare:

  1. Wow, das hört sich nach einem ergreifenden Buch an... Ich habe auch sehr viel über den zweiten Weltkrieg gelesen - und trotzdem stockt mir jedes Mal der Atem, wenn ich über die Grausamkeiten dieses Krieges lese.
    Ich folge dir ab sofort bei GFC :)
    Alles Liebe
    Anna von LianaLaurie

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Schön, dass du hierher gefunden hast. :-) Wie ich sehe, hast du auch ein paar Sachbücher rezensiert, wie toll!
      Ja, ich habe schon sehr viele schlimme Dinge gelesen, und trotzdem ist es immer wieder aufs Neue erschütternd und unfassbar.

      Liebe Grüße
      Bianca

      Löschen
  2. Hallöle! :)

    Nächste Woche geht auf meinem Blog die Rezension zu diesem Buch online und ich wollte fragen, ob ich dich damit verlinken darf?
    Es gibt quasi einen Unterpunkt in meinen Rezensionen (neu, bei alten also noch nicht zu finden), der nennt sich “..und das sagen andere” und da würde ich deinen Blog mit dieser Rezension gerne verlinken, wenn du erlaubst.

    Herzige Grüße
    Jane

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Jane,

      natürlich darfst du das, ich freue mich darüber! :) Ich bin schon auf deine Rezension sehr gespannt!

      LG, Bianca

      Löschen

Von der Wiege bis zur Bahre - Kommentare, Kommentare! Und ich freue mich über jeden Einzelnen davon. :-)