Samstag, 14. November 2015

Rezension: "Auf der Flucht. Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers" von Karim El-Gawhary und Mathilde Schwabeneder

Daten zum Buch:
erschienen am: September 2015
Verlag: Kremayr & Scheriau
ISBN: 9783218009898
192 Seiten
Preis: 22,00 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
Sie fliehen vor Krieg und Terror aus Syrien und dem Irak und vor der Armut in Afrika. Viele Millionen sind es. Allein in der libanesischen Bekaa-Ebene leben über 200.000 Menschen in notdürftig mit Planen abgedeckten Verschlägen. „Ich habe mein Baby bei Schnee und Eis zur Welt gebracht und in der Kälte ist es dann gestorben“, erzählt etwa Fatma.

Manche wagen den lebensgefährlichen Weg durch die Wüste und über das Meer. „Das Schlimmste“, sagt Dembo aus Gambia, „war die Fahrt durch die Sahara.“ Eine Flasche Wasser musste für eine Woche reichen. Hinzu kam die peinigende Angst, auf dem vollgepferchten Pick-up zu sterben. Für Schlepper sind Flüchtlinge ein gutes Geschäft. Sie bringen „mehr Geld als Drogen“, brüstet sich ein Drahtzieher der römischen „Mafia-Capitale“. Nur wenige schaffen es in sichere Staaten – wie die menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen gelingen kann, zeigt das letzte Kapitel des Buches.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Kein Thema ist wohl momentan so aktuell und von enormer Wichtigkeit wie die Flüchtlingskrise. Sie beherrscht seit Monaten die Medien, und mittlerweile wird wohl jeder in einer Stadt oder einem Dorf leben, in der/dem bereits Geflüchtete untergebracht sind. Wir sind schier ohnmächtig angesichts der Massen, die ihre Heimat verlassen und den beschwerlichen, oft tödlichen Weg nach Europa auf sich nehmen. In der Flüchtlingskrise läuft vieles schief. Und ja, auch ich habe Zweifel und Ängste, dass wir irgendwann überrannt werden und nicht mehr wissen, wie wir die vielen traumatisierten Menschen, die hier mit der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft ankommen, so versorgen können, damit man sagen kann: „Ja, jetzt führen sie ein würdevolles Leben.“ Es muss noch vieles getan werden.

Doch damit beschäftigt sich dieses Buch hier und heute nicht, das sollte man vielleicht wissen. Es werden keine Lösungen oder Vorschläge, wie man besser mit der Flüchtlingskrise umgehen kann, präsentiert. Im Mittelpunkt stehen hier die menschlichen Schicksale. 

Die beiden Autoren sind mit Leib und Seele Journalisten und selbst an die Orte gereist, an denen es brennt: Zum Beispiel in die großen Flüchtlingslager der Nachbarstaaten Syriens, wo diejenigen in Slums leben, die nicht die Mittel und die Kraft haben, es bis nach Europa zu schaffen; nach Lampedusa, wo Freiwillige tagtäglich um das Leben von verunglückten Flüchtlingen kämpfen; in das österreichische Dorf Großraming als gelungenes Beispiel für das friedliche Zusammenleben zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Sie berichten von der Arbeit der Schlepper und der römischen "Mafia Capitale", die mit dem Elend der Flüchtlinge Milliarden verdient.

Zahlen sind nunmal Zahlen, und es ist mittlerweile auch egal, wer da eigentlich gegen wen kämpft. Letztendlich geht es um Menschen, was viele vergessen (wollen). Der Flüchtlingskrise Gesichter geben, das tun El-Gawhary und Schwabeneder hier, und das trifft den Nerv der Leser. Dieses Buch macht nicht nur betroffen, es laugt einen regelrecht aus, und El-Gawhary fragt auf Seite 73 zu Recht, ob der Leser nicht irgendwann aussteigt, weil er die furchtbaren Geschichten nicht mehr aushält. Ja, die Geschichten SIND furchtbar - aber aussteigen? Nein. Wie kann man die Augen vor etwas verschließen, das gerade jetzt passiert? Wie kann man kapitulieren vor etwas, das man „nur“ liest, während Andere es durchleben mussten?

Ich habe schon viele Sachbücher mit grauenhaftem Inhalt gelesen, die meisten davon über den Holocaust. Man ist immer wieder schockiert und vergießt auch die ein oder andere Träne. Doch dann klappt man das Buch zu und sagt: „Aber das ist alles 70 Jahre her. Wir haben aus der Geschichte gelernt, so etwas wird nicht mehr passieren.“

Nur das, was im Irak, in Syrien, in Afghanistan, in Eritreia und anderen Ländern weit weit weg von uns passiert, passiert JETZT. In der Zeit, in der ich diese Rezension verfasse, wird vielleicht einem weiteren Baby der Kopf weggeschossen, muss wieder eine Mutter hilflos mitansehen, wie ihre entkräfteten Kinder eines nach dem anderen von ihr wegtreiben und im Mittelmeer ertrinken, wird eine weitere junge Frau entführt und auf dem Sklavenmarkt für 12 € verkauft, nachdem sie mitansehen musste, wie ihr Mann, ihr Vater und ihr Bruder hingerichtet wurden. 

Zu viel für jemanden, der in einem friedlichen, wohlhabenden Land aufgewachsen ist? Ja, vielleicht. Sich vorzustellen, das Gleiche durchleben zu müssen wie die hier Interviewten, ist ehrlich gesagt zu viel für meinen Verstand und vor allem mein Herz. Aber manche von uns müssen mit dem Vorschlaghammer lernen, warum seit Monaten 100.000e Menschen nach Europa strömen. Wenngleich ich zu behaupten wage, dass ja gerade die ignorantesten Menschen mit den größten Vorurteilen nicht zu diesem Buch greifen werden... 

5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den Verlag Kremayr & Scheriau für dieses Rezensionsexemplar!

1 Kommentar:

  1. Mit dem Buch liebäugle ich jetzt auch schon eine ganze Weile weil es einfach so super aktuell und verdammt wichtig ist. Und so eine positive Rezension motiviert mich natürlich noch mehr. :-)
    Danke dafür!

    AntwortenLöschen

Von der Wiege bis zur Bahre - Kommentare, Kommentare! Und ich freue mich über jeden Einzelnen davon. :-)