Sonntag, 15. November 2015

Rezension: "Die erstaunliche Wirkung von Glück" von Susann Rehlein

Daten zum Buch:
erschienen am: 15. Oktober 2015
Verlag: Dumont
ISBN: 9783832198060
318 Seiten
Preis: 18,00 € (HC)
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Zum Inhalt:
Die 24jährige Dorle lebt im Souterrain in der ehemaligen Hausmeisterwohnung einer alten Villa und setzt in Heimarbeit Kristalle für eine Kronleuchtermanufaktur zusammen. Von den Bewohnern des Hauses, allesamt Rentner, wird sie als Concierge und ohne Bezahlung zu den niedersten Botendiensten missbraucht. Aber Dorle ist genügsam und lässt sich alles gefallen.

Der einzige Mensch, der nett zu Dorle ist, ist der hyperaktive Joe, der ihr die Kristalle liefert. Joe ist in Dorle verliebt, aber für Dorles Geschmack ist er zu hektisch, plappert zu viel und bringt viel zu viel Unruhe in Dorles ruhiges Leben.

Als die glamouröse Frau Sonne aus der oberen Etage verreist, soll Dorle gegen eine üppige Bezahlung deren Wohnung hüten. Tag für Tag rattern nun per Fax Anweisungen ein, die sie befolgen soll. Yogakurse, Klangschalentherapie für die Topfpflanzen, ein Rendezvous mit zwei rüstigen Gigolos. Erst ist Dorle total überfordert, doch dann merkt sie langsam, was sie in ihrem traurigen Dasein alles bislang verpasst hat, und beginnt endlich zu leben.

Meine Meinung:
"Die erstaunliche Wirkung des Glücks" ist ein Buch, das mich ehrlich gesagt etwas ratlos zurücklässt. Aufgrund begeisterter Rezensionen von Lesern, die durch Dorles Geschichte selbst ein ungeheuerliches Glücksgefühl verspürten, habe ich mich bei der Lektüre zwangsläufig gefragt, was eigentlich mit mir nicht stimmt? 

Ich mochte Dorle nicht sonderlich, egal, wie bemitleidenswert sie eigentlich ist. Sie wirkte anfänglich auf mich wie eine Autistin, doch wird aufgrund ihrer Entwicklung schnell klar, dass sich ihre merkwürdige Persönlichkeit unter anderem aus einer traurigen Kindheit als Waise entwickelt haben dürfte. Auf dieses Trauma wird allerdings nicht weiter eingegangen, was ich schade fand, denn so fiel es mir umso schwerer, Dorles Verhalten und Einstellung zum Leben irgendwie nachvollziehen zu können. Ich finde sie die meiste Zeit naiv (gutmütig wäre bereits untertrieben) und auch nervig.

Joe ist eigentlich ein liebenswerter Charakter, aber wie auch alle anderen Figuren wird er nicht sonderlich tief gezeichnet. Er plappert viel, verehrt Dorle, erträgt ihre Zurückweisungen und Launen. Dieser Mann muss unfassbar viel Geduld und Verständnis aufbringen.

Dann sind da Frau Sonne und ihre schräge Assistentin Henriette Schräubchen, die beide einfach nur seltsam sind. Frau Sonnes Motiv, Dorle zu mehr Glück zu verhelfen, ist dann auch eher egoistischer Natur. Teilweise muten manche Dinge, die in der Wohnung geschehen, schon regelrecht übersinnlich an, aber wirklich zauberhaft wirkte das auf mich nicht, eher verstörend.

Die Senioren in der Villa sind teilweise nett, teilweise einfach nur ätzend. Dass Dorle sich so herumschubsen und sogar massivst beleidigen lässt, hat mich eigentlich am meisten aufgeregt. Dann gibt es noch weitere Nebenfiguren wie den (irgendwie total nervigen) kleinen Kasimir, die beiden Rentner-Gigolos, den Bioladenverkäufer, das Metzgerehepaar und den Café-Besitzer.

Den totalen Sympathieträger gab es für mich in dieser Geschichte nicht, was nicht unbedingt heißen muss, dass keiner das Zeug dazu hätte. Ich fand jedoch die Charaktere zu oberflächlich belassen, sie blieben mir bis zum Schluss fremd.

Das Ende ist weitestgehend absehbar. Natürlich macht Dorle im Lauf der Geschichte eine starke Entwicklung durch. Das war aber eigentlich von Vornherein klar und nicht die große Überraschung an diesem Buch. Wie sie aber Schritt für Schritt von Frau Sonne und ihren Gehilfen zu ihrem neuen Lebensgefühl gezwungen wird, hat sich stellenweise ganz schön in die Länge gezogen. Dorle ist lethargisch ohne Ende, und irgendwann hat es mich gelangweilt, wenn sie zum gefühlt 100. Mal nach irgendeinem "Abenteuer" ins Bett gestolpert ist und den halben Tag verpennt hat. Auch das Hin und Her mit Joe, den sie so sehr auf Abstand halten möchte, den sie dann aber ja doch liebt und vermisst (bis er dann vor ihr steht und sie wieder voll annervt), hat mich ziemlich angeödet.

Alles in allem ist dieses Buch ganz nett zu lesen, hat aber einige Längen und Charaktere, die sich mir nicht erschlossen. Es fehlte mir einfach dieses "Sich-Wohlfühlen" in einer Geschichte, und ich hatte einfach mehr erwartet.

Meiner Meinung nach geht es hier eher um die unorthodoxe Therapie eines psychisch geschädigten Menschen, der endlich anfangen soll zu leben. Wenn man sich vielleicht gerne philosophisch betätigt und die Mühe macht, zwischen den Zeilen zu lesen und alles zu analysieren, dann gibt einem dieses Buch vielleicht mehr, als es mir gegeben hat. Ich kann leider nur sagen, dass mich die Geschichte nicht berühren konnte. Der "Glücksfunke" ist bei mir überhaupt nicht übergesprungen.

3 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an "Blogg dein Buch" und den Dumont-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Kommentare:

  1. Mir ging es genauso und ich bin froh, dass es doch einige gibt, die mit dem Buch nicht wirklich zurechtgekommen sind...wie ich.
    Liebe Grüße
    Martina

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  2. Ich hatte mir mehr erhofft, auch etwas leichtere Lektüre in der Art von "Tage wie Salz und Zucker". Es hat sich sehr ähnlich angehört, doch die Bücher waren so verschieden.
    Lg Lara

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  3. Klingt, als seien der Autorin irgendwann die Ideen ausgegangen ...

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