Mittwoch, 30. September 2015

ARENA-Bloggerworkshop [2]: Die Autorin Beatrix Gurian

Willkommen zum zweiten Bericht über den Arena-Bloggerworkshop am 19. September. Wie ihr ja mittlerweile wisst, wurde der Workshop diesmal unter anderem von der Autorin Beatrix Gurian begleitet, die uns interessante Einblicke in das Leben einer Schriftstellerin gewährte und geduldig Fragen beantwortete. 

Kurzinfo zur Autorin


Beatrix Gurian ist studierte Theater- und Literaturwissenschaftlerin und arbeitete u. a. als Redakteurin bei verschiedenen TV-Produktionen. Sie hat bereits mehr als 30 Bücher für alle Altersgruppen veröffentlicht, einige davon unter ihrem echten Namen Beatrix Mannel. Neben Jugendbüchern schreibt sie unter anderem auch historische Romane.

Im Arena-Verlag wurden bereits mehrere Jugendbücher von ihr veröffentlicht, der vielleicht bekannteste ist „Stigmata“. In diesem Thriller sucht die junge Emma in einem mysteriösen Jugendcamp nach den Mördern ihrer Mutter.


Wie entsteht ein Roman von Beatrix Gurian?


Mittlerweile gibt es ganz tolle Computerprogramme, mit denen man seine Ideen verwalten kann. Aber Beatrix ist diesbezüglich traditionell: Ihre Ideen entstehen noch alle analog auf Papier. Sie sammelt Bilder, die zur Geschichte und den Charakteren passen könnten, und bastelt daraus eine Collage. Danach gibt es einen Entwurf mit Blasen, Handlungsstränge werden skizziert und zueinander geführt.



Oft bietet das echte Leben viele Impulse für einen Handlungsstrang. Für eine Romanfigur, die ein Doppelleben führt, bekam sie die Idee, als sie am Flughafen auf ihr Gepäck wartete und mitbekam, wie der Mann neben ihr seine Frau anrief und ihr mitteilte, dass er gut angekommen sei und sie die Kinder schön grüßen sollte. Dann legte er auf, wählte eine andere Nummer und wiederholte diesen Dialog…

Manchmal muss man aber auch mal eine scheinbar gute Idee wieder fallen lassen. Oft kommen Sachen, die man selbst total genial findet, einfach nicht gut an bei den potentiellen Lesern. Hier muss dann auch mal die Lektorin durchgreifen. So erzählte uns Beatrix, dass sie eigentlich den männlichen Protagonisten in „Stigmata“ Ganymed nennen wollte, da ihr der Name so gut gefällt. (Anmerkung: Ganymed war in der altgriechischen Mythologie der Mundschenk und Schwarm des Göttervaters Zeus.) Diese Idee wurde aber von ihrer Lektorin wieder verworfen, die den Namen für ein Jugendbuch nicht passend fand.

Zum Glück ist Beatrix ja aber einsichtig. ;-) So wie auch in dem Fall, als sie einer Gymnasialklasse ihre Ideen für den Jugendthriller „Nixenrache“ vorstellte. Sie hatte ursprünglich überlegt, dass die Heldin mit dem Freund ihrer besten Freundin rummacht. Allerdings waren die Schüler ziemlich schockiert und meinten, dass sie so was nicht lesen wollen, denn das geht ja mal gar nicht, dass die Heldin so was macht, total unsympathisch. Also änderte die Autorin die Story insoweit, dass die beste Freundin nur denkt, die Heldin hätte was mit ihrem Freund gehabt.

Oft verselbstständigen sich Figuren, drängen sich in den Vordergrund und sagen: „Hey, ich will nicht nur die stumme Zofe im Hintergrund sein, ich will meine eigene Geschichte!“ Dieses Autorendenken von wegen „Die Figuren machen, was ICH sage!“ funktioniert meist einfach nicht, gibt Beatrix zu. Sie spricht mit ihren Figuren, was auf Dritte leicht schizophren wirken kann, aber für die Autorin einfach zum Schreibprozess dazugehört und wichtig ist.

Wenn das Exposé für den Verlag dort gut ankam und sie das OK erhält, schreibt sie endlich los – jetzt natürlich ganz klassisch am Computer und nicht per Hand. ;-) Beatrix schreibt übrigens generell nicht parallel an mehreren Büchern, sondern konzentriert sich immer voll und ganz auf ein Projekt.

Am Anfang eines neuen Buches fühlt es sich an wie bei einer neuen Liebe: Alles ist neu und toll und aufregend. Dann kommt aber auch meist die „dunkle Zeit“, der schwere Mittelteil, in dem der Schreibprozess schon zäher vorangeht. Hier kommen Beatrix oft auch Ideen für eine neue Geschichte.

Wenn sie mal nicht weiterkommt oder Zweifel hat, macht sie eine Pause und unterhält sich mit ihren „Bürokollegen“. Sie schreibt nicht am heimischen Schreibtisch, sondern hat einen Extra-Büroraum, den sie sich mit Anderen (allesamt keine Autoren) teilt. Manchmal helfen gerade Gespräche mit Leuten aus anderen Bereichen weiter, die an die Sache eher unbedarft herangehen können.

Wenn dann das Buch endlich fertig ist, ist das natürlich ein tolles Gefühl. Manchmal muss man ein Werk aber erstmal verdauen. Nach der Fertigstellung von „Stigmata“ kamen Beatrix wegen der schweren Thematik, mit der sie sich so lange beschäftigt hatte, nun solche Dinge wie „Liebeskram“ so furchtbar banal vor…

Außerdem gab sie zu, dass schlechte Kritiken ihr durchaus an die Nieren gehen können. Das kann vermutlich jeder nachvollziehen, da man so viel Arbeit und Herzblut in ein Buch steckt und hofft, dass jeder es toll findet und sich gut unterhalten fühlt.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit einem Verlag?


Wie frei ein Autor arbeiten kann, hängt letztendlich immer auch vom Verlag ab. Bei Arena z. B. hat Beatrix relativ freie Hand. Meist wird lediglich das Genre vorgegeben, manchmal gibt es aber auch konkretere Vorschläge, z. B. dass das Buch in einem Internat spielen soll oder Vampire darin vorkommen müssen. Manche dieser Vorschläge sind vielversprechend und fruchtbar, aber Beatrix schreibt nur das, zu dem sie auch stehen kann. Vampire z. B. sind nichts für sie. Ihr ist wichtig, dass die Geschichte von ihr kommt und der Verlag höchstens mal ein Stichwort oder einen Anstoß gibt. Die ungewöhnlichste Vorgabe bekam sie übrigens mal, als sie an einem Kinderbuch schrieb. Der Verlag wollte, dass die Geschichte zu einem rosa Cover passt.

Bezüglich Titel und Cover hat jedoch der Verlag die absolute Hoheit, der Autor lediglich ein Mitspracherecht. Bislang war Beatrix aber mit der Aufmachung ihrer Arena-Titel sehr zufrieden. Ihr absolutes Lieblingscover ist übrigens das von „Dann fressen sie die Raben“.

Wunderschön ist auch die Ausgabe von „Stigmata“, die nicht nur durch ein geniales Cover besticht, sondern auch vor allem durch faszinierende, ganzseitige Fotografien im Innenteil, die gut zu dem Inhalt passen und von Beatrix’ Mann stammen.

Fällt eigentlich noch jemandem auf, dass der Bücherbär übelstes Photobombing betreibt?

Lieber Thriller oder historische Romane?


Beatrix schreibt ja nicht nur Thriller, sondern auch unter ihrem echten Namen Mannel historische Romane. Beide Genres haben für sie ihren eigenen Reiz. Da sie selbst gern Thriller liest, liegen diese ihr etwas mehr am Herzen als historische Romane. Aber andererseits ist das Schreiben historischer Romane sehr schön, da man hier aus den Vollen schöpfen kann. Hier darf alles etwas opulenter sein, die Sprache ist „barocker“ und deshalb für sie eine Bereichung im Vergleich zu dem knappen, temporeichen Thriller-Stil.

Zum Glück muss sie sich ja aber nicht entscheiden. :-)


Über den generellen Ablauf habe ich ja schon hier berichtet. Ich kann nur wiederholen, dass Beatrix Gurian eine sehr nette, natürliche, humorvolle Person ist, die mir auf Anhieb sympathisch war. Das soll keine Schleimerei sein, das ist einfach eine Tatsache. Ich freue mich schon auf die Lektüre von „Stigmata“, auch wenn ich die damalige Werbekampagne von Arena inkl. Buchtrailer ganz schön gruselig fand.


Vielen Dank, liebe Beatrix, dass du den Weg von München nach Würzburg auf dich genommen hast, um einem Haufen Buchverrückter Einblicke in dein Schaffen zu geben!

Sonntag, 27. September 2015

ARENA-Bloggerworkshop [1]: Das Rahmenprogramm

Wie ich ja bereits hier angekündigt hatte, möchte ich meine Erlebnisse beim 4. Bloggerworkshop des Arena-Verlages am 19. September in mehrere Einzelberichte aufteilen. Das hat den Grund, dass ich sooo vieles erzählen möchte, aber einen seitenlangen Bericht keiner lesen wird. ;-) Deshalb gibt es alles in mundgerechten Häppchen.

Um 11.30 Uhr fanden sich 17 unerschrockene Buchverrückte im altehrwürdigen Arena-Verlagshaus in Würzburg ein. Eigentlich waren wir sogar 17 1/2, denn Stefanie Hasse hatte noch ihren ebenfalls buchbegeisterten Sohn Collin dabei. Dazu kamen noch
- Daniela Kern, die Organisatorin des Workshops, die niiiiiiemals unter keinen Umständen auf Fotos auftaucht (Mysteriös!),
- Anna, die unerschrockene Auszubildende des Verlags,
- Britta Schneider, Buchhändlerin der Würzburger Buchhandlung "dreizehneinhalb",
- Uwe Hampel, Filialleiter von Hugendubel in Würzburg
und natürlich
- Beatrix Gurian (alias Beatrix Mannel), die Autorin.

Nach einer Begrüßungs- und Vorstellungsrunde erzählte uns Beatrix Gurian ausführlich, wie sie die Ideen für ihre Geschichten sammelt, ordnet, aufarbeitet, ändert und letztendlich zu Papier bringt, und wie die Zusammenarbeit zwischen Autor und Lektor bzw. Verlag so abläuft. Ihre Ausführungen werde ich in einem gesonderten Beitrag vorstellen!


Und wenn der Autor dann das fertige Manuskript abgegeben hat und es vom Verlag abgesegnet wurde, kann es endlich gedruckt werden. Wie das so funktioniert mit den ganzen Druckfahnen, der Bindung etc., erklärten uns Daniela und Anna. Auch dazu später noch mehr in einem gesonderten Bericht!


Danach gab es erstmal zur Stärkung für alle lecker Pizza. Dabei hatte man auch die Gelegenheit, sich mit den Anderen mal in Ruhe auszutauschen und mit Beatrix zu quatschen.


Nach der Pause erzählten uns die Buchhändler Britta Schneider und Uwe Hampel sowie Bloggerin Antonie, die gerade ihre Ausbildung bei Hugendubel Würzburg macht, wie die Arbeit eines Buchhändlers so aussieht. Hier waren besonders die Unterschiede zwischen einer großen Filiale einer Kette wie Hugendubel und einem kleinen, inhabergeführten Buchladen interessant für die Zuhörer. Ihr ahnt es schon - auch darüber gibt es noch einen Extrabericht! (Zusammengefasst mit der Herstellung des Buches, quasi von der Herstellung bis zum Verkauf.)

Zwischendurch schüttete es wie aus Eimern, was uns ein bisschen Sorgen machte, denn wir wollten ja im Anschluss zum Buchhändlergespräch zu Fuß in die Innenstadt, um uns beide Geschäfte mal persönlich anzuschauen. Zum Glück hatte Petrus ein Einsehen mit uns, und so konnten wir uns dann im Tross ohne Regen auf den Weg machen.

Zuerst ging es in die Buchhandlung "dreizehneinhalb", die von drei Chefinnen und einer Festangestellten (= Britta Schneider) geführt wird. Den Namen verdankt der Laden der ursprünglichen Hausnummer 13 1/2.

Copyright: Wolfgang Keller/WürzburgWiki

Hier gab es eine Lesung von Beatrix, die aus dem Jubiläumsbuch "Das Blaue im Himmel" ihre Kurzgeschichte vorstellte, welche wohl allen sehr gut gefallen hat - diesmal nichts thrillerlastiges, sondern eine emotionale Liebesgeschichte.



Danach konnten wir uns in Ruhe unsere Bücher signieren lassen und Fotos mit Beatrix machen, die alles sehr geduldig und lieb mitmachte und sich für jede von uns Zeit nahm, mit uns plauderte und scherzte. Ernsthaft, lieber Arena-Verlag, habt ihr eigentlich auch ein paar Stinkstiefel-Autoren im Programm oder sind die ALLE so sympathisch?!?

Beatrix und ich mit den Büchern "Stigmata" und "Das Blaue im Himmel", die zwei Funktionen hatten:
1. Werbung für die Bücher, 2. Verdecken des Bauches.

Ich bin auf jeden Fall seit diesem Tag Beatrix Gurian-Fan, obwohl ich nicht so der Thriller-Leser bin. Ich freue mich schon auf die Lektüre von "Stigmata" - übrigens ein Geschenk des Verlages. Normalerweise bekommt man vor dem Workshop ein Buch zum Rezensieren, über das dann - idealerweise in Anwesenheit des Autors - gesprochen wird. Dieses Jahr fand der Workshop ohne Rezensionsexemplar statt, aber da Daniela einfach an alles denkt, hat sie die Blogger zwischen einem Exemplar von "Stigmata" und "Das Blaue im  Himmel" wählen lassen, damit wir auch auf jeden Fall etwas zum Signieren vorlegen konnten. Was für ein Service!

Nach der Lesung gab es übrigens auch noch Geburtstagskuchen, denn der Arena-Verlag feiert ja 2015 sein 66jähriges Jubiläum. Erst Pizza, dann Kuchen - eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist einfach das A und O des gemeinen Buchbloggers! ;-)

Der von Daniela höchstpersönlich gebackene Geburtstagskuchen und der Jubiläumsband

Leicht vollgefressen begaben wir uns dann in die 240 m entfernte Hugendubel-Filiale, wo wir in zwei Gruppen aufgeteilt von Herrn Hampel und Antonie herumgeführt wurden. Wir durften hier auch in das Lager im Keller, wo u. a. die Remittenden lagen. Da hat's doch schon den ein oder anderen in den Fingern gejuckt. (Oder etwa nicht? Also MICH schon...*hust*) Das Gleiche galt für den Raum mit den Büchern, die wieder an den Verlag zurückgeschickt werden. Da habe ich mir ja auch gesagt: "Wozu der ganze Aufwand des Verbuchens und Hin- und Herschickens - gebt die Bücher einfach MIR mit!" Doch mein Vorschlag blieb leider ungehört... *schnüff*

Nach einer kurzen Feedbackrunde war um 18 Uhr der Workshop dann offiziell vorbei, und wir machten uns in alle Winde verstreut auf die Socken - entweder nach Hause, ins Hotel, zum Zug oder noch auf einen kurzen Abstecher zum gerade stattfindenden Stadtfest.

Es war mal wieder ein gelungener Workshop, und ich bedanke mich sehr herzlich bei allen Teilnehmern und Organisatoren, allen voran Daniela Kern! :-) So lange mich meine alten, müden Knochen noch die 230 m zum Verlag hochtragen, werde ich auch zukünftig dabei sein! (Egal, ob eingeladen oder nicht, harr harr!)

Oben links eine der begehrten Arena-Tassen, die man sich als
Workshop-Teilnehmer mitnehmen darf. Hübsch, oder?
Wie schon angekündigt folgen noch zwei, drei Berichte, falls ihr noch könnt. ;-)

Hier außerdem abschließend eine Auflistung aller teilnehmenden Blogs inkl. Blogbericht, soweit vorhanden/mir bekannt. Nicht wundern, dass es nicht 16 sind, da nicht alle Teilnehmerinnen aktuell einen Blog betreiben.

Agnes, http://lesemaus-im-schafspelz.blogspot.de/
Ann-Christin, www.itisac.blogspot.de
Anne, http://carobloggt.blogspot.de
Antonie, http://diefabelhafteweltderbuecher.blogspot.de
Damaris, http://www.damarisliest.de
Heike, www.umblaettern.com
Michaela, www.dieweltderbuchstaben.de
Nathalie, http://nanasglueck.blogspot.de
Nicole, http://favolas-lesestoff.ch
Ramona, www.eltragalibros.de >>> Zum Bericht
Simone, www.leselurch.de
Sonja, http://www.bücherjunkie-sunnyle.de
Stefanie, http://www.hisandherbooks.de >>> Zum Bericht
Stephanie, SecretsofRock.net  >>> Zum Bericht

Wir Bloggerinnen mit Quotenmann Kai Uwe Hampel.
Copyrith: Stefanie Hasse

Montag, 21. September 2015

Rezension: "Und du bist nicht zurückgekommen" von Marceline Loridan-Ivens

Daten zum Buch:
erschienen am: 7. September 2015
Verlag: Insel
ISBN: 9783458176602
110 Seiten
Preis: 15,00 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:

Marceline ist fünfzehn, als sie zusammen mit ihrem Vater ins Lager kommt. Sie nach Birkenau, er nach Auschwitz. Sie überlebt, er nicht. Siebzig Jahre später schreibt sie ihm einen Brief, den er niemals lesen wird.

Einen Brief, in dem sie das Unaussprechliche zu sagen versucht: Nur drei Kilometer sind sie voneinander entfernt, zwischen ihnen die Gaskammern, der Geruch von brennendem Fleisch, der Hass, die Unausweichlichkeit der eigenen Verrohung, die ständige Ungewissheit, was geschieht mit dem anderen? Einmal gelingt es dem Vater, ihr eine kleine Botschaft auf einem Zettel zu übermitteln. Aber sie vergisst die Worte sofort – und wird ein Leben lang versuchen, die zerbrochene Erinnerung wieder zusammenzufügen.
(Klappentext)

Meine Meinung:
In diesem Brief wird die Liebe der Autorin zu ihrem Vater mit jedem Wort deutlich. Da die beiden als Einzige aus der Familie ins KZ kamen, fühlt sich Marceline besonders mit ihrem Vater verbunden, mit dem sie die beschwerliche Haft und den Transport ins KZ übersteht, wo sie dann letztendlich getrennt werden.

Marceline ist jung und gesund und wird von Dr. Mengele (Genau dem berühmten Dr. Mengele, der später für seine grausamen Experimente an Häftlingen in die Annalen eingehen wird.) als arbeitsfähig befunden, während viele andere Menschen von ihm direkt in den Tod geschickt werden. Tagtäglich muss sie mitansehen, wie Menschen jeden Alters vor Krankheit und Entkräftung sterben oder ins Gas gehen, und führt im Lager verschiedene Arbeiten aus. Sie arbeitet im Steinbruch, durchwühlt die Kleider der Toten nach Habseligkeiten oder hebt Gruben für die Massengräber aus. Dabei stumpft sie immer mehr ab und wird selbst zu einer lebenden Toten. Als sie dann befreit wird und nach Hause zurückkehrt zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern, kann sie sich nicht mehr richtig einfügen. Die, die nicht im KZ waren, wollen nicht mit den Traumatisierten darüber reden und zeigen nur wenig Verständnis.

Auch als Erwachsene findet sich Marceline schwierig in eine Rolle ein, weiß nicht genau, wo sie hingehört. Nach einer gescheiterten Ehe wird sie mit ihrem zweiten Mann, dem Dokumentarfilmer Joris Ivens, politisch aktiv und bleibt es bis ins hohe Alter. Sie reift zu einer starken, faszinierenden Persönlichkeit, doch die Erlebnisse im KZ und der tragische Verlust des Vaters bleiben auch Jahrzehnte später ein großer Schmerz, von dem sie sich niemals erholt.

Das Buch ist gut in einem Rutsch lesbar, da es mit knapp 110 Seiten recht dünn ist. Auch einen Brief würde man wohl an einem Stück lesen, wenngleich 110 Seiten für einen Brief wiederum sehr lang sind. Der Schreibstil ist relativ gehoben und wenig umgangssprachlich, d.h. es werden Zeitformen verwendet, die man in wörtlicher Rede wohl nicht benutzen würde und die dadurch etwas holprig zu lesen sind (z. B. "...dass man dich dann in Dachau gesehen habe, dass du dort habest bleiben sollen, aber dass du dich wieder in Marsch gesetzt habest,..."). Auch wirkte der Brief manchmal auf mich etwas verwirrt, was aber sicherlich daran liegt, dass die Autorin einerseits in Gedanken öfter hin- und herspringt und außerdem an einen Empfänger schreibt, der mehr Hintergrundwissen hat als der Leser.

Durch ihre schlimmen Erlebnisse wirkt die Autorin abgestumpft. Der Schreibstil ist dementsprechend auch etwas nüchtern. Sie schreibt, dass die falsche Person zur Familie zurückgekehrt ist, diese lieber den Vater als die Schwester zurückbekommen hätte. Sie ist nicht vorwurfsvoll und sagt dies ohne Wertung, ja ist sogar der Meinung, dass dies wirklich besser gewesen wäre für alle.

Dennoch spricht das Grauen, das Marceline erlebt, auch ohne übertriebene Emotionalität und große Worte für sich. Besonders eindringlich bleibt mir Marcelines Beschreibung eines kleinen Mädchens in Erinnerung, das - sich an seiner Puppe festhaltend - auf dem Weg in die Gaskammern ist. Oder das junge Mädchen, das mit ihr eine Kiste tragen soll, entkräftet zusammenbricht und von einem Aufseher getötet wird, während Marceline, um sich selbst zu retten, einfach weitergeht. Später wird sie schreiben: "Ich habe sie getötet." Es sind die kleinen Gräuel, die hier Gänsehaut verursachen.

Einerseits finde ich es gut, dass Marcelines Brief an den Vater hier alleine für sich steht. Andererseits ist es aber schade, dass manche Hintergründe und Zusammenhänge nicht wirklich erklärt werden. So habe ich nicht verstanden, wieso lediglich Marceline und ihr Vater ins KZ kamen, während ihre Mutter und ihre vier Geschwister verschont blieben. Es wird nur kurz erwähnt, dass sich Mutter und Schwester versteckten, als die Familie abgeholt wurde, und zumindest zwei Geschwister sich woanders aufhielten. Aber es hat doch sicherlich nicht gereicht, in Sicherheit zu bleiben, indem man sich hinter einem Busch versteckte? Wo war der kleine Bruder zu diesem Zeitpunkt? Außerdem lebte die Mutter nach Marcelines Rückkehr schon wieder im vom Vater gekauften Schloss. Wie kam sie wieder an ihr Haus, das der Familie doch sicherlich enteignet worden war?

"Und du bist nicht zurückgekommen" ist ein sehr persönliches und wichtiges Zeugnis über die Grauen des Holocausts, das ich jedem ans Herz legen kann.

 5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an Vorablesen.de für dieses Rezensionsexemplar!

Sonntag, 20. September 2015

ARENA-Bloggerworkshop: Kurzer Rückblick

Gestern war ja der 4. Bloggerworkshop des Arena-Verlages, bei dem ich wieder teilnehmen durfte. Ich möchte euch gerne etwas ausführlicher davon erzählen, deshalb habe ich mir überlegt, dass ich mehrere Blogeinträge darüber verfasse, denn ich habe wirklich viel mitgeschrieben und möchte euch so vieles erzählen.

Wir haben viel gelernt - darüber, wie die Autorin Beatrix Gurian ihre Ideen für ein neues Buch "brainstormt" und niederschreibt, darüber, wie das fertige Buch dann gedruckt wird, und darüber, wie es in den Vertrieb und letztendlich in den Buchladen um die Ecke gelangt.

Nach dem Gespräch mit Beatrix Gurian und zwei Buchhändlern aus Würzburg liefen wir dann im Tross Richtung Innenstadt, wo Beatrix in der kleinen inhabergeführten Buchhandlung "Dreizehneinhalb" eine Lesung gegeben hat. Danach gab es noch Geburtstagskuchen, denn Arena feiert in diesem Jahr sein 66-jähriges Jubiläum. Nach einer kleinen Führung durch den hiesigen Hugendubel haben wir uns dann um 18 Uhr voneinander verabschiedet.

Wie gesagt: Berichte und natürlich auch Bilder folgen!!! Morgen geht's wieder auf Arbeit - wie immer von Montag bis Freitag ;-), und diese Woche sogar noch Samstag, weil die Stadt auf einer regionalen Messe vertreten ist und ich den Infostand betreuen darf. Deshalb weiß ich leider noch nicht, wann ich dazu kommen werde. Aber ich versuche es auf jeden Fall so zeitnah wie möglich.

Vor dem altehrwürdigen Hardcover-Bücherregal im Besprechungszimmer.

Donnerstag, 17. September 2015

Nur noch 2x schlafen...

...dann ist es wieder so weit: Bereits zum vierten Mal findet der ARENA-Bloggerworkshop in Würzburg statt, und ich bin zum dritten Mal dabei! :-)

Wie ja einige wissen, hab ich's nicht sonderlich weit. Einmal aus der Haustür raus, 3 Minuten geradeaus laufen, und schon bin ich da. ;-)

Dieses Jahr feiert der Arena-Verlag seinen 66. Geburtstag. "Gaststar" ist dieses Jahr die Autorin Beatrix Gurian. Das diesjährige Programm weicht ein bisschen von den letzten Jahren ab, denn wir haben diesmal kein Rezensionsexemplar der Autorin erhalten, um dieses dann mit ihr zu besprechen, werden dafür aber das altehrwürdige Verlagshaus diesmal verlassen, um uns zwei Würzburger Buchhandlungen anzuschauen und auch mal aus erster Hand mehr über den Buchhandel zu erfahren.

Hier ist das vorläufige Programm:


11.30 Uhr | Beginn mit Vorstellungsrunde

11.45 Uhr | Beatrix Gurian und Arena: Der Schreib- und Herstellungsprozess
Welche Schritte geht eine Idee, bis sie ein fertiger Roman ist?

13.00 Uhr | Mittagspause

13.45 Uhr | Buchhändler über Buchvertrieb
Kommt das Buch aus der Druckerei, beginnt die Logistik. Welche Wege geht ein Buch, bis es im Laden liegt? Wer wählt ein Sortiment aus und nach welchen Kriterien?

15.00 Uhr | Fußmarsch in die Stadt

15.30 Uhr | Lesung Beatrix Gurian, Buchhandlung 13 ½

16.00 Uhr | Kaffee, Tee und Geburtstagskuchen (Buchhandlung 13 ½)

16.30 Uhr | Besichtigung der Buchhandlungen Hugendubel und 13 ½

ca. 17.30 Uhr | Abschlussrunde


Das klingt doch gut, oder? Selbstverständlich bin ich schon durch beide Buchhandlungen viele Male ein- und ausgegangen. Es ist wirklich spannend, eine große Filiale mit einem kleinen, inhabergeführten Buchladen zu vergleichen.

Ich bin auch schon sehr gespannt darauf, wer eigentlich noch so alles dabei sein wird! Diesmal haben wir keine Teilnehmerliste vorab erhalten. Falls hier jemand mitliest, der dabei sein wird: Sagt doch mal "Piep"! :-)

Für einen kleinen Vorgeschmack findet ihr hier meine Berichte über die letzten beiden Bloggerworkshops mit Katrin Lange und Salla Simukka.

Arena-Bloggerworkshop 2014 mit Salla Simukka
Arena Bloggerworkshop 2013 mit Katrin Lange 

P.S.: An diesem Tag ist übrigens auch Stadtfest mit Musik- und Unterhaltungsprogramm in der Innenstadt, also alle Auswärtigen sollten den Tag unbedingt nutzen und sich das schöne Würzburg nach dem Workshop noch ein bisschen genauer ansehen.

P.P.S.: Bald sehen wir uns wieder, kleiner unschuldiger Bücherbär! Harr harr!

Dienstag, 8. September 2015

Rezension: "Cottage mit Kater" von Hermien Stellmacher

Daten zum Buch:
erschienen am: 6. Juli 2015
Verlag: insel taschenbuch
ISBN: 9783458360889
253 Seiten
Preis: 8,99 € (TB)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
Krimiautorin Nora macht gerade eine schwierige Phase durch: Ihre geliebte Mutter ist gestorben, ihr Lebensgefährte lässt sie in ihrer Trauer alleine. Das Angebot eines Freundes, sein Cottage im beschaulichen Cornwall während seiner Abwesenheit zu bewohnen, kommt daher zum richtigen Zeitpunkt. Hier will Nora die Ruhe finden, um ihren längst überfälligen Krimi zu vollenden.

Als sie jedoch einen kleinen Kater an den Klippen vor dem sicheren Tod rettet, weicht ihr die kleine Samtpfote nicht mehr von der Seite. Dabei wollte Nora sich um nichts und niemanden mehr kümmern! Sie versucht, den kleinen Smuggler wieder loszuwerden, doch der Kleine bleibt hartnäckig und erobert mit seinem Charme nach und nach das Herz der Autorin. Und dann ist da auch noch der tierliebe Nachbar Phil...

Meine Meinung:
Von Hermien Stellmacher habe ich bereits "George Clooney, Tante Renate & ich", "Garantiert wechselhaft" sowie "Überwiegend fabelhaft" gelesen, drei humorvolle Romane, die sie unter ihrem Pseudonym Fanny Wagner veröffentlicht hat. Da mir ihre Bücher bislang sehr gut gefielen, war "Cottage für Kater" ein Muss für mich!

Im Gegensatz zu den Fanny Wagner-Büchern ist Noras Geschichte etwas ernster, wenngleich der typische Humor und die kleinen Augenzwinker auch hier nicht fehlen. Nora ist eine nachdenkliche Person, die nach all den Ereignissen in ihrem Leben auf Abstand zu Anderen gehen möchte. Sie will sich an niemanden mehr binden, weder an Mensch noch Tier. Deshalb möchte sie Smuggler sofort wieder loswerden. Wie sie anfänglich diesem charismatischen Kater widerstehen und mit ihm böse sein kann, ist mir rätselhaft, aber zum Glück fällt Noras Schutzpanzer dann ja doch noch. Dennoch blieb sie mir leider die meiste Zeit eher fremd, wenngleich sie mir nicht unsympathisch war.

In "Cottage mit Kater" stehen meiner Meinung nach drei Dinge im Fokus: Das Leben mit einer Katze, die Landschaft Südenglands und die Arbeit als Autorin. Man erhält viele interessante Einblicke in den Alltag einer Schriftstellerin und die Entstehung eines Buches. Hier kann Hermien Stellmacher dank viel Erfahrung natürlich aus den Vollen schöpfen.

Neben den Landschaftsbeschreibungen, die Lust auf einen spontanen Abstecher nach Cornwall machen, fand ich aber vor allem die Beschreibungen von Smuggler sehr schön. Man merkt der Autorin an, dass sie selbst begeisterte Katzenmutter ist. Der kleine Kater, sein Verhalten und die wachsende Zuneigung zwischen ihm und Nora werden liebevoll beschrieben.
"Smuggler konnte meine Fragen zwar nicht beantworten, doch glaubte ich, ihn von Tag zu Tag besser verstehen zu können. Mau war nicht Mau, so viel hatte ich bereits gelernt. Und er wurde immer gesprächiger.
Wenn er frühmorgens durch das Haus fegte, stieß er begeisterte Schreie aus, die wie 'Rah-wau!' klangen. So, als wolle er mir mitteilen, dass ein neuer Tag geliefert worden war und wir das auf der Stelle feiern sollten. Es gab Momente, in denen er leise vor sich hinmurmelnd durchs Haus tigerte, als würde er das Für und Wider einer Sache mit sich selber diskutieren. Und es gab das Begrüßungsmiauen, das oft so fragend klang, dass ich ihm automatisch erzählte, wo ich gewesen war." (S. 87)
Neben Smuggler darf natürlich auch ein neuer Mann in Noras Umfeld nicht fehlen, der uns in Form des gut aussehenden, charmanten, tierlieben und in der Küche begabten Phil serviert wird. Ehrlich gesagt war mir Phil zu glatt und die Entwicklung zwischen Nora und ihm etwas zu klischeehaft bzw. voraussehbar. Auch das Ende ist für alle Beteiligten sehr wohlwollend ausgefallen. Hier hätte ich ein paar Überraschungen oder Reibereien begrüßt. Auch der egozentrische Ex-Freund, der noch spontan auftaucht, konnte da nicht mehr viel drehen.

Alles in Allem ist "Cottage mit Kater" eine schöne, abgerundete Geschichte mit Happy End, bei der man sich wohlfühlt.

Tipp: Wer das Glück hat, mit einer Samtpfote zusammenleben zu dürfen, sollte sich diese während der Lektüre schnappen. Bei Bedarf kraulen, so dass das Fell unter den Händen und das wohlige Schnurren für einen netten 3D-Effekt sorgen. ;-)

4 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den Insel-Verlag für das Rezensionsexemplar und an Hermien Stellmacher für die gewohnt intensive Betreuung der Leserunde!

Sonntag, 6. September 2015

Rezension: "Wir waren keine Menschen mehr. Erinnerungen eines Wehrmachtssoldaten an die Ostfront" von Luis Raffeiner

Daten zum Buch:
erschienen am: 14. Juli 2010
Verlag: Raetia Edition
ISBN: 9788872833728
232 Seiten
Preis: 19,00 € (SC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
Luis Raffeiner (*1917) wächst als Kind armer Bauern im Südtiroler Schnalstal auf. Als Gegner des Faschismus optiert er 1939 für Deutschland und erhält die deutsche Staatsangehörigkeit. Er wird in die Wehrmacht überstellt, wo er dank seines technischen Geschicks zum Panzerwart ausgebildet wird.

Zusammen mit seiner Divison begibt er sich in die Sowjetunion als Teilnehmer des Unternehmens „Barbarossa“, welches die Zerstörung des „jüdischen Bolschewismus“ zum Ziel hat. Raffeiner erlebt die Grauen des Krieges und kämpft nicht nur gegen die feindlichen Soldaten, sondern auch gegen Hunger, Kälte und emotionale Abstumpfung. Als die Deutschen endlich aufgeben, gerät er zusammen mit seinen Kameraden in russische Kriegsgefangenschaft.

Meine Meinung:
Dieses Buch aus der Reihe „Memoria – Erinnerungen an das 20. Jahrhundert“ wollte ich unbedingt lesen, da ich mich sehr für den 2. Weltkrieg und v. a. Einzelschicksale aus dieser Zeit interessiere. Bislang hatte ich allerdings fast nur Biographien von jüdischen Holocaustopfern gelesen, dies war also mein erster Bericht aus Sicht eines Soldaten.

Raffeiner gerät als Frontsoldat und später als Gefangener natürlich in sehr viele lebensbedrohliche Situationen, die er mit einer Mischung aus handwerklichem Geschick, viel Glück und Zufall meist unbeschadet übersteht. Er berichtet nur sehr wenig über die Gefechte, in die er verwickelt ist, sondern mehr über das „Drumherum“. Dem Leser bleiben dadurch sicherlich viele Grausamkeiten erspart. Raffeiner ist von Anfang jemand, der das Töten meidet, wenn es möglich ist. Er erwähnt auch nie, dass er einen feindlichen Soldaten getötet hat, was aber sicherlich in den Gefechten unvermeidbar gewesen sein muss, selbst wenn er in erster Linie für die technische Wartung der Panzer zuständig war. Als er den Befehl erhält, russische Gefangene zu töten, schafft er es, dass der „Auftrag“ an einen Kameraden geht. Auch als Raffeiner erfährt, was mit den Juden passiert, ist er betroffen, doch er hat keine Zeit, sich darüber weiter Gedanken zu machen.

Denn trotz all seiner Menschlichkeit: Es ist Krieg, und man will das eigene Überleben sichern. Anfangs ist Raffeiner noch interessiert an den Lebensumständen der Einheimischen, verbringt gerne Zeit mit ihnen, scherzt und lacht. Doch bald weicht seine Empathie dem Lebenserhaltungstrieb, er stumpft immer mehr ab.
„In den Holzhütten [der Einheimischen] gab es häufig kleine einfache Holzkamine, die je nach Jahreszeit auch nur mit Steppengras befeuert wurden. Der Ofen spendete für unsere Truppe häufig zu wenig Wärme. Deshalb schürten wir mit allem, was wir finden konnten, nach. So manches Mal kam es auch vor, dass wir damit die ganze Holzhütte in Brand setzten und aus der Behausung flüchten mussten. Wir waren nun mal keine Heiligen. Auf dem Vormarsch nicht und schon gar nicht jetzt beim Rückzug. Vor allem dann nicht, wenn wir Hunger hatten und unsere 'Fresskiste' mit Verpflegung auffüllen mussten, weil unsere eigene Verpflegung bei Weitem nicht reichte. Dann mussten wir uns etwas 'organisieren', wie wir damals sagten. Einmal überfielen wir ein kleines Dorf und schlachteten Hennen, Enten und anderes Vieh. Wir drangen in die Hütten ein, beuteten die Keller aus und suchten im Lehmboden nach Spuren von vergrabenem Essen. Was sollten die Dorfbewohner auch machen? Es waren ja nur Frauen, Kinder und Alte – die Männer waren im Einsatz. Natürlich haben sie geweint, wenn wir ihnen das Vieh weggenommen haben. Schuldgefühle hatte ich aber keine. In dieser Welt war das normal, das war kein Verbrechen, auch wenn das in der heutigen Welt nicht verstanden wird. Das war Krieg, das gehörte dazu, es ging ums Überleben.“ (S. 100)
Hitler hatte den Soldaten angeordnet, sich „aus dem Lande zu ernähren“, d.h. sie mussten für ihr Überleben die Einheimischen ausplündern, da es keinen bzw. nur unzureichenden Nachschub gab. Außerdem sollten sie bei Rückzügen verbrannte Erde hinterlassen. Raffeiner tut dies irgendwann ohne jegliche Schuldgefühle. Sie oder ich, so lautet das Motto des Krieges. Er entschuldigt sich nicht dafür, er legt schlicht die Fakten dar. Er versucht sich seine Menschlichkeit zu erhalten, doch irgendwann verbieten es die äußeren Umstände. Oder wäre es doch möglich gewesen? Ich will mir kein Urteil darüber erlauben.

Der Schreibstil ist lebendig und lässt sich sehr flüssig lesen. Die Kriegserlebnisse sind meist ohne Wertung und eher unemotional geschildert. Raffeiner war kein Nationalsozialist, er hat einfach gekämpft, wie es viele Soldaten taten, die gegen ihren Willen an die Front geschickt wurden. Er äußert keine Ressentiments gegen Juden, feindliche Soldaten oder andere „Staatsfeinde“, auch dann nicht, als er in russische Kriegsgefangenenschaft gerät und fast an den Strapazen stirbt.

Aufgewertet wird das Buch durch zahlreiche s/w-Fotos, die Raffeiner während seiner Soldatenzeit selbst geschossen hat. Allerdings sind hier nur die "idyllischen" Fotos erhalten geblieben. Raffeiner hat durchaus auch die Gräueltaten der Wehrmacht und der Russen dokumentiert, jedoch wurden diese Bilder vermutlich von einem nationalsozialistisch gesinnten Cousin, der sie aufbewahrte, entsorgt. Immerhin müssen empfindliche Leser hier nicht befürchten, auf schockierende oder eklige Bilder zu stoßen.

Wie in allen Bänden der Memoria-Reihe wird die eigentliche Erzählung von einem (kurzen) Vorwort und einem langen Nachwort (inkl. Fußnoten) durch einen Historiker abgerundet. Das über 30 Seiten lange Nachwort von Hannes Heer ergänzt, analysiert und korrigiert gegebenenfalls auch Raffeiners Erzählungen. Dem Leser werden nochmal zahlreiche Zahlen und Fakten genannt. Im Vergleich zu den Zeitzeugen-Berichten ist das Nachwort wissenschaftlich gehalten und meist ziemlich trocken. Für meinen Geschmack hätte es etwas straffer sein dürfen. Aber für diejenigen, die sich noch tiefer in die Materie einlesen wollen, sind diese Ausführungen sicherlich sehr interessant.

„Wir waren keine Menschen mehr“ ist ein weiterer wichtiger Zeitzeugenbericht über den 2. Weltkrieg. Fast wollte ich schreiben, dass wir hier diesmal die Täterseite kennenlernen. Doch wenn man richtig nachdenkt, so glaube ich, dass Raffeiner nicht nur Täter, sondern auch gleichzeitig Opfer der kranken Politik Hitlers war. Auch wenn es mittlerweile viele solcher Berichte gibt, ist jeder einzelne von ihnen wichtig, damit wir nicht die Augen verschließen vor dem, was damals geschah, und aus der Geschichte lernen.

5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den Raetia-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Donnerstag, 3. September 2015

Rezension: "Das Nötigste über das Glück" von Bernhard Aichner

Daten zum Buch:
erschienen am: 20. Mai 2015
Verlag: Haymon
ISBN: 9783709972052
113 Seiten
Preis: 16,90 € (HC)
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Zum Inhalt:

Hans hat keine Lust mehr auf das Leben. In seinem Bahnwärterhäuschen träumt er vom perfekten Abgang, wie er ihn tagtäglich auf einer Postkarte an seiner Wand anstarrt: Hans tot auf dem Küchenboden, darüber eine Frau, die sagt: „Du tot in der Küche, Hans? So kenn ich dich gar nicht!“

Tatsächlich findet Hans in seiner Putzfrau Elvina eine willige Mitspielerin für den geplanten Suizid. Doch als es dann so weit ist, erkennt Hans, dass das Leben ja vielleicht doch noch etwas zu bieten hat. Zusammen mit Elvina begibt er sich Hals über Kopf auf einen Roadtrip. Das Ziel: Spanien, Elvinas Heimat. Doch der Weg dorthin ist nicht so leicht wie gedacht.

Meine Meinung:
"Augen zu. Feige Sau, dachte er. Am Küchenboden wie tot. Er bewegte sich nicht, atmete so flach es ging. Auch wenn sein Herz laut war wie lange nicht mehr. Nichts regte sich. Sie stand in der Tür, er hörte ihre Füße hinter sich auf den Fliesen. Wie sie stehenblieb. Wie ihr Mund aufging." (S. 14)
An den Schreibstil musste ich mich erstmal gewöhnen. Nun brauche ich keine weit ausschweifenden Objekts-, Personen- oder Landschaftsbeschreibungen. Aber so ein ordentlicher Satz – Subjekt, Prädikat, Objekt – ist prinzipiell nicht zu verachten. Der Autor wählt hier allerdings einen sehr minimalistischen Schreibstil. Das Nötigste eben. Kurze, abgehakte Sätze. Teilweise gar keine richtigen Sätze. Viele viele Punkte an vielen vielen Satzenden, ab und an ein einsames Fragezeichen. Wörtliche Rede wird nicht angezeigt, was ich manchmal etwas ungünstig fand. Dafür findet man auch mal ein paar derbe Ausdrücke (Das böse F-Wort ist auch öfter dabei.). Man muss den Schreibstil nicht mögen, aber man kann sich damit arrangieren. Immerhin liest sich das Buch dadurch leicht und schnell.

Mit Hans und Elvina konnte ich ehrlich gesagt überhaupt nichts anfangen. Was die beiden zueinander hinzieht, ist mir schleierhaft. Große Emotionen werden hier eh nicht zum Ausdruck gebracht. Man kommt zusammen, man begibt sich auf einen absonderlichen Road Trip von Österreich über die Schweiz nach Frankreich und letztendlich Spanien. Abgesehen von körperlicher Anziehungskraft scheint da nicht viel zu sein. Die beiden klammern sich aneinander wie an den rettenden Strohhalm, doch man hat das Gefühl, dass sie austauschbar sind - Hauptsache, es ist jemand da.

Hans blieb für mich völlig gesichtslos, Elvina mochte ich nichtmal ansatzweise. Hans ist ein Sonderling, der sich bislang von der Welt abgeschottet hat und dank Elvina nach und nach immer extrovertierter wird. Elvina hat Geheimnisse und trägt Probleme mit sich herum, die nicht nur für Hans gefährlich werden. So hat sie öfter Aussetzer, in denen sie extrem gewalttätig ist. Elvinas Geschichte erfährt man so nach und nach, u. a. durch Rückblenden.

Die Geschichte rast im Eiltempo voran und macht Zeitsprünge. Das Paar rutscht von einer absurden Situation in die Nächste. Glücklicherweise gibt es immer ein paar andere Sonderlinge, die ihnen den Allerwertesten retten. Auch diese Figuren bleiben glanzlos und oberflächlich. Auf der einen Seite passiert sehr viel, man kommt kaum zum Verschnaufen. Auf der anderen Seite hat mich die Geschichte nicht wirklich gefesselt, da alles so oberflächlich und knapp blieb und ich keinerlei Emotionen spürte beim Lesen. Bestenfalls noch Hoffnung, dass das Buch mit knapp 113 Seiten schnell gelesen sein wird.

Die Botschaft ist mir eigentlich schon klar. Und der Titel ist hier Programm und verspricht wohl auch nicht zu viel: Hier wird wirklich nur das Nötigste erzählt. Aber was aufgrund des Klappentextes nach einem interessanten Konzept klang, hat mich nicht begeistern können. Das lag noch nichtmal an dem ungewöhnlichen Schreibstil, an den ich mich ja durchaus gewöhnen konnte. Man muss sich wohl den Tiefgang, den ich vermisste und der sicherlich dennoch da ist, selbst erarbeiten. Vielleicht fehlte mir dafür die Motivation. Es tut mir wirklich leid, das sagen zu müssen, aber das Buch hat mir einfach nichts gegeben, und ich habe es im Endeffekt lustlos heruntergelesen.

2 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an "Blogg dein Buch" und den Haymon-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Mittwoch, 2. September 2015

Rezension: "Mainleid" von Anja Mäderer

Daten zum Buch:
erschienen am: 16. Juli 2015
Verlag: emons
ISBN: 9783954516568
256 Seiten
Preis: 9,90 € (TB)
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Zum Inhalt:
Die beiden Nürnberger Kommissare Nadja Gontscharowa und Peter Steiner haben sich ins beschauliche Würzburg versetzen lassen. Kaum eingetroffen und eigentlich noch vollauf mit der Wohnungssuche beschäftigt, werden sie bereits zu ihrem ersten Fall gerufen: Im Ringpark wurde die attraktive Studentin Connie tot aufgefunden. Die Mordwaffe: Ein Bocksbeutel.

Das Opfer galt als Sonnenschein und war bei jedem beliebt. Als Tatverdächtiger kommt eigentlich nur Freund David in Betracht, doch Nadja ist der sensible Musikstudent auf Anhieb sympathisch, und so versucht sie fieberhaft, seine Unschuld zu beweisen und den wahren Täter ausfindig zu machen. Dabei stößt sie in Connies Umfeld auf viele Geheimnisse.

Meine Meinung:
Das Kommissaren-Duo Nadja und Peter versteht sich sowohl beruflich als auch privat sehr gut und ergänzt sich optimal. Der Leser lernt beide Ermittler und deren Arbeitsweise im Laufe der Geschichte immer besser kennen. Aber auch das Privatleben der beiden wird angeleuchtet. Peter ist ein liebenswerter Kerl. Erst vor Kurzem Vater geworden, lässt er eine unzufriedene Ehefrau in Nürnberg zurück, die sich mehr Entlastung in der Kinderbetreuung wünscht und deshalb wenig Verständnis dafür hat, dass ihr Mann tagelang in Würzburg ist.

Zweifellos im Mittelpunkt steht jedoch Nadja. Sie ist zumindest am Anfang recht introvertiert, was immer eine gewisse Distanz zu ihrem Charakter geschaffen hat. Lange Zeit mochte ich sie nicht sonderlich, erst so nach und nach bröckelte die Fassade und man lernte auch ihre verletzliche Seite kennen, was sie gleich viel sympathischer machte. Ich denke und hoffe, dass sie in der geplanten Fortsetzung etwas greifbarer für den Leser wird. Peter beschreibt seine Kollegin als humorvollen und fürsorglichen Menschen, doch in diesem Mordfall steht sie extrem unter Anspannung, sowohl beruflich als auch privat.

Das restliche Ermittlerteam gerät etwas in den Hintergrund, besteht aber auch aus durchwegs sympathischen Zeitgenossen. Schön fand ich, dass Peter und Nadja sofort ins Würzburger Team aufgenommen wurden und zu dem Mordfall und den privaten Problemen der Kommissare nicht auch noch Querelen mit dem Team dazukamen. Es geht eben auch harmonisch!

Es gibt viele Nebenfiguren, sowohl im Verdächtigenkreis als auch im beruflichen Umfeld der Kommissare, die teilweise recht detailliert gezeichnet werden. Manche sind liebenswert, manche total unsympathisch, und wiederum Andere kann man nicht so richtig einordnen. So treffen viele unterschiedliche Charaktere aufeinander, was den Krimi natürlich gleich viel spannender macht. So einige Menschen im Umfeld des Opfers haben ihre Geheimnisse, einige hatten gar ein handfestes Motiv, und ich bin diesmal ziemlich planlos im Dunkeln getappt. Tatsächlich wäre ich auf den wahren Täter nie gekommen.

Ein paar Kritikpunkte hätte ich aber noch:

Ich hatte mich hier vor allem auf den Lokalkolorit gefreut, weil „Mainleid“ in meiner Heimatstadt spielt. Ich liebe es, wenn man in einem Buch gedanklich die Orte mit ablaufen kann. Tatsächlich kannte ich viele der genannten Orte, was mich sehr gefreut hat, aber für meinen Geschmack kam der fränkische Dialekt etwas zu kurz. Lediglich Polizeichef Bär durfte fränkeln, aber er trat nicht sonderlich oft in Erscheinung. Mir ist klar, dass es für nicht-fränkische Leser etwas anstrengender ist, Dialekt zu lesen, aber bei einem Regionalkrimi ist es meines Erachtens durchaus erlaubt, den Leser ab und an mit Mundart zu quälen/erfreuen. Deshalb bitte beim nächsten Mal mehr davon!

Zudem gab es den einen oder anderen Handlungsstrang, der nichts zur Sache beitragen hat und deshalb auch hätte gestrichen werden können (z. B. der Hund im Main). Dass am Ende auch wieder Kommissar Zufall seine Finger im Spiel hat, kann man der Autorin wohl nicht übelnehmen, da dies in den meisten Krimis der Fall ist. Aber ich glaube, Nadja und Peter hätten es auch ohne ihn geschafft.

Alles in allem ist „Mainleid“ ein unterhaltsamer, spannender Roman mit vielen Handlungssträngen, mit dem Anja Mäderer ein ordentliches Krimidebüt abgeliefert hat.

4 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den emons-Verlag für dieses Rezensionsexemplar und an Anja Mäderer für die intensive Betreuung der Leserunde!