Samstag, 6. Februar 2016

Rezension: "Northanger Abbey" von Val McDermid

Daten zum Buch:
erschienen am: 11. Januar 2016
Verlag: Harper Collins
ISBN: 9783959670180
304 Seiten
Preis: 19,99 € (HC)
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Zum Inhalt:
Zu gern verliert die 17-jährige Pfarrerstochter Cat Morland sich in der Welt der Bücher und träumt von aufregenden Abenteuern, die sie im ländlichen Piddle Valley niemals finden wird. Doch dann darf sie ihre Nachbarn, die Allens, zu einem Kulturfestival nach Edinburgh begleiten. Wo sie nicht nur unerwartet in Bella Thorpe eine neue Freundin findet, sondern sich in den jungen, aufstrebenden Rechtsanwalt Henry Tilney verliebt.

Als Henry und seine Schwester Eleanor sie auf den schönen, aber düsteren Familiensitz Northanger Abbey einladen, geht Cats Fantasie mit ihr durch. Was, wenn hier ein Verbrechen stattgefunden hat? Und tatsächlich wird es für sie gefährlich – wenn auch auf unerwartete Weise.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Zuerst einmal muss ich gestehen, dass ich noch kein einziges Werk von Jane Austen gelesen habe. Ich kenne nur einige Verfilmungen wie "Jane Eyre", "Stolz & Vorurteil" oder "Emma", die ich allesamt mochte. Deshalb fand ich es eine gute Idee, dass im Rahmen des "Jane Austen Projects" ihre Klassiker in die Moderne übertragen werden sollen. Was bei "Northanger Abbey" jedoch herauskam, hat mich wirklich enttäuscht.

Es gab eigentlich überhaupt keine Person in diesem Buch, die mich irgendwie angesprochen hat. Cat ist so naiv und teilweise hohl, dass es mir fast körperliche Schmerzen bereitet hat. Ok, sie ist nie auf eine Schule gegangen, aber hey, ihr Bruder hat es ja auch allein durch den Einzelunterricht seiner Mutter nach Oxford und zum Anwalt geschafft, was logisch ist, denn die Mutter ist ja immerhin Grundschullehrerin und kann ihre Kinder im Alleingang auf Uniniveau unterrichten!

Wieso Cat also so dumm ist, erschließt sich mir nicht ganz. Immerhin haben es die Eltern gleich zu Beginn des Buches erkannt: "Und was für eine Zukunft steht ihr bevor?" (...) - "Eine, die keine Qualifikationen erfordert außer ein gutes Herz. (...) Schau dir doch an, wie gut sie mit den Kleinen umgehen kann. Catherine wird schon zurechtkommen." Ist doch schön, wenn die Eltern an einen glauben!

Aber dieser Dialog spiegelt schon die gesamte Haltung in diesem Buch wieder. Es ist nichts toller, als in jungen Jahren einen Kerl zu heiraten und dann aus Langeweile den ganzen Tag einkaufen oder zu gesellschaftlichen Ereignissen zu gehen. So ist auch General Tilney bezüglich seiner Tochter Ellie folgender Meinung: "Sie hat eigenes Geld. Ich gebe ihr ein Taschengeld. Sie wird sich zu gegebener Zeit mit einem geeigneten jungen Mann häuslich niederlassen. Dafür braucht man keine Ausbildung." Bis auf die selbstständige Mrs. Thorpe hat eigentlich keine der hier agierenden Frauen, ob jung oder alt, irgendeine Anstellung.

Jetzt würde ich das ja verstehen, wenn ich das Original von Jane Austen vor mir hätte. Es wurde in einer Zeit geschrieben, in der Frauen wenig Zugang zu Bildung hatten, ein bisschen naiv und weltfremd waren. In der Männer die Frauen ernährten und sie zu Hause am Herd wissen wollten.

Ich hatte das Ziel des Projektes jedoch so verstanden, dass die Klassiker in die heutige Zeit umgeschrieben werden. Aber es reicht doch nicht, wenn die Autorin quasi das Original abpinselt und hier und da eben ein paar moderne, hippe Wörter einsetzt wie "Facebook", "Twitter" oder "Beyoncé", und aus den tollen Hausbällen der Reichen halt Kulturfestivals und Privatparties mit schottischen Volkstänzen macht.

Es mutet auch befremdlich an, wenn sich junge Menschen unterhalten, als hätten sie einen Stock im Allerwertesten - selbst, wenn es Briten sind! Ob jung oder alt, es wird geschwollen dahergeschwurbelt, ab und an darf mal ein "Ohne Scheiß!" rausrutschen, aber das reißt das Ruder dann auch nicht mehr herum.

Nochmal zurück zu den Figuren. Allen voran die Protagonistin hat es mir echt schwer gemacht, sie zu mögen. Bestenfalls kann man sie als verträumtes, naives Landei bezeichnen, das quasi mit einer Augenbinde durch die Welt läuft. Sie ist so begriffsstutzig, dass es weh tut, und sie hat ein Verständnis für Ironie und Sarkasmus wie Sheldon Cooper aus "The Big Bang Theory". Dass Henry und John sich für sie interessieren, muss wohl an ihrem vielgepriesenen Aussehen liegen...

Bezeichnend auch dieser Ausschnitt: Cat ist mit den Tilneys wandern, und Henry und Ellie kabbeln sich, weil Ellie etwas missverstanden hat.
"Ach, halt die Klappe, Henry. Ich will, dass Cat meine Freundin ist, verdirb ihr nicht die Lust darauf. Noch eine von deinen Albernheiten und ich stoß dich auf dem Weg nach unten von den Salisbury Crags."
Er streckte ihr die Zunge heraus. "Und ich werde einfach durch die Luft fliegen mit meinen Vampirschwingen und unten auf dich warten."
Cats Herz blieb fast stehen. Henrys ganze Art war so scherzhaft, dass sie sich schon den ganzen Morgen bemüht hatte, herauszufinden, was er ernst meinte. Und jetzt sprach er davon, ein Vampir zu sein. Machte er nur Spaß, oder war dies ein Bravourstück des doppelten Bluffs, geplant, um den Verdacht von seiner wahren Natur abzulenken?"
Ich habe nicht nur einmal ins Kissen gebissen bei der Lektüre. Cats Vorliebe für "Twilight" und Horrorgeschichten in allen Ehren, aber solche Verdachtsmomente haben mich sprachlos gemacht. Vermutlich ist Henry auch nicht im prallen Sonnenschein mit ihr gewandert, weil er es zu heiß fand, sondern weil er sonst losgeglitzert hätte... Gerade dieser Handlungsstrang mit Cats Verdacht, die Tilneys könnten eine Vampirfamilie sein, war mehr als lächerlich.

Und die anderen Charaktere so?

  • Henry Tilney ist natürlich einfach nur perfekt. Letzten Endes hat mich die Liebesgeschichte zwischen ihm und Cat null berührt, es bleibt oberflächlich und reserviert. Er ist übrigens Anwalt.
  • Johnny ist einfach nur nervig und man wünscht ihn zum Teufel. Dass er als Angeber mit Bauch und lichtem Haar beschrieben wird, macht es natürlich viel leichter, ihn als Konkurrent nicht ernst zu nehmen. Übrigens ist er Anwalt. 
  • Bruder James ist ohne Fehl und Tadel und somit gähnend langweilig. Er ist übrigens Anwalt.
  • Freddie Tilney, der Frauenbeglücker, ist der Bad Boy und kein Anwalt, sondern Soldat. 
  • General Tilney ist der Bösewicht in der Geschichte und auch kein Anwalt, sondern Soldat. 
  • Die nervtötende und charakterschwache Isabella würde ich mir niemals zur Freundin nehmen, dann lieber gar keine. Sie jobbt bei ihrer Mutter in der Näherei, immerhin, hat sonst aber auch keinerlei Ambitionen, mal einen richtigen Beruf zu erlernen. Dabei hat sie keinen Vater mehr, der es ihr verbieten könnte, aber die Mutter findet die Idee auch nicht gut.
  • Ellie ist ein verhuschtes Ding, das sich nicht aus dem Schatten des herrschsüchtigen Generals lösen kann. Sie hat - analog zum o. g. Zitat ihres Vaters - keine Ausbildung und hockt eigentlich nur in einer der Unterkünfte der Tilneys irgendwo in Großbritannien herum, seit sie nicht mehr aufs Internat geht.

Ich bin echt ziemlich durchgeschlichen, weil es gähnend langweilig war. Da wird parliert, ohne dass man irgendwie in der Handlung vorwärts kommt. Manche Unterhaltungen sind nicht nur unerträglich gestelzt geschrieben, sondern auch relativ sinnfrei. Somit wäre wohl auch geklärt, wie ich den Schreibstil fand: Nicht so prickelnd. Ist mir auch wurscht, ob Val McDermids Schreibstil in ihren anderen Büchern supi ist, hier hat er mir auf jeden Fall gar nicht gefallen.

Lediglich auf den letzten 30 Seiten wurde es noch interessant, aber das hat mich dann auch nicht mehr mit diesem Buch versöhnt. Allerdings fand ich die Auflösung, weshalb Cat in General Tilneys Ungnade gefallen ist, dann auch etwas befremdlich. Anhand seiner vorherigen, unaufhörlichen Kommentare wurde eigentlich auf eine Auflösung gemäß des Originals hingearbeitet. Aber die Autorin musste dann wohl doch noch zumindest am Ende des Buches ihren Stempel aufdrücken... Mehr will ich aber nicht verraten.

Ich weiß nicht, ob Kenner des Originals mehr Spaß mit dieser Version haben. Vielleicht ist es auch kein 1:1-Abklatsch des Klassikers, da ich diesen ja nicht kenne und das nicht beurteilen kann. Aber es wirkt stark auf mich, als wollte sich die Autorn nicht zu viel Arbeit machen. Oder lag es doch am Konzept? Natürlich soll man auch die Vorlage nicht so stark ändern, dass man darin nicht mehr das originale "Northanger Abbey" wiedererkennt. Aber dieser Sprung von damals auf heute ist Val McDermid leider nicht geglückt. Wenn man alle modernen Wörter rausstreicht, könnte die Geschichte auch weiterhin anno dazumal spielen.

Ich behaupte nicht, dass das Buch per se grottig ist. Wie immer bei einer schlechten Bewertung möchte ich betonen, dass Meinungen nunmal subjektiv und Geschmäcker verschieden sind, und manche werden das Buch begeistert verschlingen. Für mich war "Northanger Abbey" in dieser Version jedoch kein Glücksgriff und ich denke, man ist mit dem Original besser bedient. Man kann sich aber natürlich auch einfach an den ganzen Kritikpunkten, die ich habe, auf eine diebische Art und Weise erfreuen und das Buch als Satire betrachten. Ob ich noch andere Bücher vom "Jane Austen Project" lesen würde, lasse ich vorerst offen.

2 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an Literaturtest bzw. Harper Collins für dieses Rezensionsexemplar!

Kommentare:

  1. Danke für diese tolle Rezension, ich hätte sie mir nur früher gewünscht, jetzt liegt das Buch auf meinem Nachttisch und ich bin nach 30 Seiten schon "satt". Ich kenne das Original auch nicht, aber trotz der modernen Kulisse paßt die Art eher ins 18 Jahrhundert - man kann eben nicht alles mal eben in die heutige Zeit transportieren. Vielleicht ist genau das das Problem, daß hier einfach zu nah am Original gearbeitet wurde?

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  2. Danke für diese Rezension! Lesen werde ich das Buch ganz sicher nicht mehr... ^^

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