Dienstag, 12. April 2016

Rezension: "Willkommen in Night Vale" von Joseph Fink & Jeffrey Cranor

Daten zum Buch:
erschienen am: 19. März 2016
Verlag: Klett-Cola
ISBN: 9783608961379
378 Seiten
Preis: 19,99 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
Night Vale, ein Städtchen in der Wüste. Irgendwo in der Weite des amerikanischen Südwestens. Geister, Engel, Aliens oder ein Haus, das nachdenkt, gehören hier zum Alltag. Night Vale ist völlig anders als alle anderen Städte, die Sie kennen – und doch seltsam vertraut.

Jackie Fierro betreibt schon lange das örtliche Pfandhaus in Night Vale. Eines Tages verpfändet ein Fremder einen Zettel, auf dem in Bleistift die zwei Worte »King City« geschrieben stehen. Jackie hat sofort ein merkwürdiges Gefühl. Kaum ist er in Richtung Wüste verschwunden, erinnert sich niemand an ihn – aber Jackie kann das Papier nicht mehr aus der Hand legen. Zusammen mit der alleinerziehenden Mutter eines jugendlichen Gestaltwandlers geht Jackie daran, das Rätsel von »King City« zu lösen. Ihr Weg führt die beiden in die Bibliothek von Night Vale, die allerdings noch kaum jemand wieder lebend verlassen hat ...
(Klappentext)

Meine Meinung:
Da ist dieses Buch. Es ist nicht anders als andere Bücher. Also, stellen Sie sich ein Buch vor. Andererseits ist es ganz anders als andere Bücher. Stellen Sie sich dieses Buch also noch einmal vor. Abgesehen davon, dass es zugleich anders und nicht anders als andere Bücher ist, ist es genau wie alle anderen Bücher. Hinsichtlich seiner Form ist es nicht anders als andere Bücher. Es hat eine buchähnliche Form. Würde man Leuten ein Bild von ihm zeigen, würden sie sagen, dass es sich definitiv um ein Buch handelt...

So kann man "Willkommen in Night Vale" in der ihm eigenen "Night Vale"-Manier beschreiben - oder auch nicht. Weitere Kostprobe gefällig?
"Gestern Abend erinnerte der Stadtrat auf einer Pressekonferenz daran, dass der Dog Park ein Erholungsgebiet für die ganze Gemeinde ist, es ist also wichtig, dass ihn niemand betritt, ansieht oder an ihn denkt. Sie werden neuartige Kameras installieren, um die hohen schwarzen Mauern des Dog Parks ständig im Auge behalten zu können, und sollte jemand dabei erwischt werden, wie er reinzukommen versucht, wird er gezwungen werden, den Park zu betreten, und man wird nie wieder etwas von ihm hören. Sollten Sie vermummte Gestalten im Park sehen, dann haben Sie, nein, keine gesehen. Diese Gestalten stellen absolut keine Gefahr dar, und man sollte sich ihnen auf gar keinen Fall nähern. Die Mitglieder des Stadtrats schlossen ihre Pressekonferenz, indem sie mit ihren scharfen Zähnen und Reibeisenzungen eine rohe Kartoffel verschlangen. es gab keine weiteren Fragen, allerdings ein paar weitere Schreie." (S. 31)
In dieser Art geht es auf fast 400 Seiten munter weiter. Bibliotheken sind lebensgefährliche Orte, in denen Bibliothekare ihre Besucher fressen. Engel sind Wesen, die offiziell nicht existieren dürfen und deshalb illegal untertauchen müssen. Sie sind geschlechtslos und heißen deshalb alle Erika. Die Protagonistin Jackie ist seit Jahrzehnten 19 Jahre alt und betreibt ein ominöses Pfandhaus. Die andere Protagonistin Diane hat einen Teenagersohn, der Gestaltenwandler ist und sich quasi minütlich in etwas Anderes verwandelt. Zusammen begeben sich die beiden Frauen auf die Suche nach einem komischen Mann in einem hellbraunen Jackett, der einen Hirschlederkoffer trägt und den jeder sofort wieder vergisst.

Das Buch ist einfach nur abgedreht. Im Endeffekt ergibt so ziemlich nichts Sinn, was man hier liest. Wer die Podcasts kennt und dadurch gegebenenfalls über Hintergrundwissen verfügt, hat vielleicht richtig Spaß mit dem Buch. Wer - so wie ich - völlig unbedarft an die Lektüre rangeht, könnte jedoch verstört sein. Das Ganze liest sich, als hätten die beiden Autoren während eines sehr langen Trips allerlei Fantasien zusammengepinselt, die in ihren Köpfen aufgeploppt sind. Und was das sein soll, erschließt sich mir leider nicht.

Die Personen und Kreaturen, die hier auftreten, sind einfach nur skurril und bleiben bis zum Schluss fremd. Ich vermisse Erklärungen und Auflösungen. Stattdessen ist es ein wilder Trip durch Absurdistan, der mich total überfordert hat. Habe ich zu wenig Fantasie, zu wenig Humor? Ich weiß es nicht.    

Dennoch muss ich anerkennen: Es ist schon irgendwie beeindruckend, welche Ideen die Autoren so hatten. Nur leider kam ich damit nicht so richtig klar. Mehr als ein paar Seiten am Stück habe ich nie geschafft, dann hatte ich meist keine Lust mehr. "Willkommen in Night Vale" ist wohl ein Buch, das man entweder liebt oder hasst, und welches vielleicht eher einen kleinen, exklusiven Leserkreis bedient. Ich habe mich leider von den vielen positiven Stimmen blenden lassen, die mich glauben ließen, dass "Night Vale" ein genialer Roman sein soll...

Den 1. Stern erhält das Buch für den wirklich beeindruckenden Sprachstil, der trotz aller Skurrilitäten und Absurditäten eine gewisse Raffinesse hat. Und einen halben Stern gibt es noch dafür, dass ich einfach die falsche Zielgruppe war und mich wohl besser hätte informieren müssen, bevor ich zugriff. Wer die Podcasts  bzw. total absurde Geschichten mag und sich voll und ganz auf "Night Vale" und seine schrägen Einwohner einlassen kann, hat ja aber vielleicht Freude an der Lektüre. Ich persönlich habe mich durch "Night Vale" richtig quälen müssen und dabei gelernt, dass man sich nicht von guter Werbung verleiten lassen sollte.

1,5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an "Blogg dein Buch" für dieses Rezensionsexemplar!

1 Kommentar:

  1. Hey!
    Geniale Einleitung. Hut ab ;-)
    Ich kann dich so gut verstehen. Ich habe das Buch abgebrochen. Für mich ging dieses Buch leider gar nicht. Abgedreht trifft es wirklich gut.
    LG
    Yvonne

    AntwortenLöschen

Von der Wiege bis zur Bahre - Kommentare, Kommentare! Und ich freue mich über jeden Einzelnen davon. :-)