Sonntag, 1. Mai 2016

Rezension: "Hippokrates in der Hölle. Die Verbrechen der KZ-Ärzte" von Michel Cymes

Daten zum Buch:
erschienen am: 7. März 2016
Verlag: Theiss
ISBN: 9783806232851
198 Seiten
Preis: 19,95 € (SC)
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Zum Inhalt:
Warum verloren Mediziner unter Hitler ihre Menschlichkeit? Warum machten Ärzte aus KZ-Häftlingen Versuchskaninchen, brachen ihnen die Beine oder töteten sie im Eiswasser? Alles mit gutem Gewissen.

In diesem aufrüttelnden Buch begibt sich der Bestsellerautor und Arzt Michel Cymes auf die Spurensuche nach den verlorenen Grenzen ärztlichen Handelns. Was ist davon noch heute vorhanden?
(Klappentext)

Meine Meinung:
Als ich die Anfrage erhielt, ob ich "Hippokrates aus der Hölle" gerne rezensieren möchte, musste ich erstmal überlegen, da es nach einer wirklich harten Lektüre klang. Da ich mich aber sehr für den Holocaust interessiere, siegten letztendlich Neugierde und Wissensdurst. Als das Buch dann ankam, habe ich mich ein paar Wochen vor der Lektüre gedrückt. Ich hatte Sorge, dass ich die ganzen Details darin zu eklig und unerträglich finden würde und mich durch das Buch regelrecht durchquälen musste, auch wenn ich schon so viele schlimme Sachen zu dem Thema gelesen habe.

Letztendlich war meine Sorge aber (zum größten Teil) unbegründet. Man kriegt hier natürlich abscheuliche Gräueltaten zu lesen, aber der Autor ist nicht so sensationslüstern, dass er hier genüsslich die ekligsten Details ausbreitet. Das muss er auch gar nicht, denn das, was man zu lesen bekommt, ist schon plastisch genug und reicht aus, um sich vorstellen zu können, wie furchtbar die damaligen Versuche für die Opfer sein mussten. Beziehungsweise - nein, eigentlich kann man sich das nicht vorstellen. Menschen, die in Eiswasser getaucht werden, bis sie an Erfrierungen sterben. Menschen, die innerlich verätzen. Menschen, die bei lebendigem Leibe und ohne Betäubung aufgeschnitten werden, damit man sich in Ruhe ihre Organe anschauen kann. Kann man sich sowas wirklich vorstellen?

Der Eid des Hippokrates besagt unter anderem, dass man als Mediziner alles zum Wohle des Patienten zu tun und zu unterlassen habe. Doch die Ärzte in den KZs haben diesen Eid mit Füßen getreten, auch wenn einige von ihnen glaubten, sie würden nicht dagegen verstoßen, denn ihre Versuche sollten ja letztendlich für den Erhalt und die schnellere Genesung der "Herrenrasse" dienen. Die "Versuchskaninchen" waren in ihren Augen keine Menschen, nur eine Unterrasse, die bestenfalls als Arbeitskraft diente.

Es werden verschiedene KZ-Ärzte und ihre Experimente vorgestellt, z. B. der auf Unterkühlungs- und Höhenversuche spezialisierte Sigmund Rascher, der "Schlächter von Mauthausen" Aribert Heim und natürlich der berühmte Auschwitz-"Todesengel" Josef Mengele, der an der Ankunftsrampe mit einem kurzen Blick darüber entschied, wer sofort ins Gas gehen musste. Später wollten sich die, die vor Gericht kamen, damit herausreden, sie hätten nur Befehle befolgt. Doch die Initiative der meisten Menschenversuche ging von den Ärzten selbst aus, und viele von ihnen führten nicht nur stoisch ihre Versuchsreihen durch, sondern fanden einen perfiden Gefallen daran, ihre Opfer zu quälen und Herr über Leben und Tod zu spielen.  Auftraggeber war meist der SS-Funktionär Heinrich Himmler, der bereitwillig mit der Maxime "Nur zu, experimentieren Sie! Irgendetwas wird schon dabei herauskommen." die Todesurteile Tausender Menschen unterschrieb. Ironisch mutet es an, dass der große Tierfreund Hitler Tierversuche ab 1933 gesetzlich verbot und somit Medizinern dadurch noch ein weiteres Argument für Menschenversuche lieferte...

Umso schlimmer, dass die meisten der Verbrechterärzte letztendlich unbehelligt blieben. Einige begingen Selbstmord, andere wurden hingerichtet oder mussten Haftstrafen verbüßen. Nicht wenige konnten jedoch fliehen oder wurden gar freigesprochen und konnten sich ein neues Leben - oft als niedergelassene Ärzte! - aufbauen, etwas, das ihren Opfern nicht mehr möglich war. Und oft war es so, dass die Aliierten diese Verbrecher nicht bestraften, sondern selbst einstellten und von ihrem Wissen profitierten!

Doch nicht nur die einzelnen Mediziner tragen Schuld. Die Menschenversuche im Dritten Reich waren nicht (nur) die Werke Einzelner, sondern eines ganzen Systems. Universitäten und vor allem die Pharmaindustrie unterstützten ihre Kollegen. So verlangte z. B. die IG Farben, die unter anderem das in den Gaskammern verwendete Zyklon B herstellte, Menschenversuche mit den Krebserregern Rutenol und Acridin. Diese kosteten viele Häftlinge den Tod und brachten - wie ein Großteil der in diesem Buch vorgestellten Versuchsreihen - keinerlei brauchbare Ergebnisse.

Michel Cymes ist selbst Arzt und macht keinen Hehl aus seiner Verachtung und Abscheu für diese Bestien. Es ist immer wieder unfassbar, welche Gräueltaten im Dritten Reich (und auch darüber hinaus heute noch) begangen wurden, doch dass hier die Massenmörder Ärzte waren, die sich doch dem Schutz des Menschenlebens verschrieben haben, ist umso erschreckender. Cymes hat selbst beide Großväter in Auschwitz verloren, auch sie sind vermutlich damals die berühmte Selektionsrampe unter den Augen Mengeles entlanggegangen.

So ist der Autor ungleich vorbelasteter als ein normaler Leser wie ich, die weder Medizinerin ist noch Verwandte im 2. Weltkrieg verloren hat. Dadurch ist dieses Sachbuch nicht durch und durch nüchtern geschrieben, was aber dem lebendigen Schreibstil sicherlich zu Gute kommt und mir persönlich auch sympathisch war. Zudem verzichtet Cymes dankenswerterweise auf medizinisches Fachgeplänkel, so dass ich durch die Seiten förmlich durchgeflogen bin.

Ergänzt werden Cymes Ausführungen durch 21 Fotos und eine zweiseitige Bibliographie.

"Hippokrates in der Hölle" ist ein sehr interessantes und aufschlussreiches Werk über die Menschenversuche der KZ-Ärzte im Dritten Reich. Erschütternd, grausam und sicherlich nichts für Zartbesaitete, aber dennoch ein weiteres wichtiges Dokument über den Holocaust.

5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an Literaturtest.de bzw. den Theiss-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

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Hier noch ein Video mit Michel Cymes, in dem er sein Buch vorstellt:


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