Dienstag, 20. September 2016

Rezension: "Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde" von Shahak Shapira

Daten zum Buch:
erschienen am: 21. Mai 2016
Verlag: rowohlt Polaris
ISBN: 9783499631467
240 Seiten
Preis: 14,99 € (SC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
In der Neujahrsnacht 2015 wurde ein junger Israeli in der Berliner U-Bahn angegriffen, nachdem er sich mit einer Horde angelegt hatte, die antisemitische Parolen grölte. Ein Mediengewitter war die Folge, PEGIDA solidarisierte sich, aus Israel kam die Empfehlung, in die Heimat zurückzukehren. Aber Shahak Shapira wehrte sich weiter: Rassismus sei immer schlimm, egal gegen wen, im Übrigen fühle er sich in Berlin pudelwohl. Danach war die Hölle los, Fernsehstationen und Zeitungen weltweit berichteten, es hagelte Lob und Kritik.

Nun schreibt Shahak über sein Leben: schaurig lustig über seine Jugend als Jude im tiefsten Sachsen-Anhalt, ergreifend über die Geschichte seiner Familie und nachdrücklich in seiner Botschaft: dass alle Menschen in Frieden zusammenleben können, wenn sie nur wollen. Und dass jeder selbst entscheidet, ob er ein rassistisches Arschloch ist oder nicht.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Über dieses Buch bin ich ganz zufällig gestolpert. Juden, Holocaust, Antisemitismus - ja, darüber habe ich schon einiges gelesen. Aber ein aktuelles Buch eines jungen Israelis, der in Deutschland lebt und das ganze Thema äußerst humorvoll betrachtet, das hat mich natürlich sehr gereizt. Ich mag Humor, und ich mag es, wenn man schwierige Themen mit Witz bzw. Ironie anpackt.

Nun erzählt uns der Autor also aus seinem Leben. Mit 12 Jahren zog er aus Israel zusammen mit Mutter und jüngerem Bruder zum neuen Partner der Mutter in das sächsische Kaff Laucha, in dem Zusammengehörigkeit groß geschrieben wird. Vor allem in der NPD, die hier sogar im Stadtrat vertreten ist. Besonders präsent ist hier Lutz Battke, der Bezirkskaminkehrer und Fußballtrainer. (Falls nicht bekannt, bitte googeln, denn schon rein optisch ist der Mann ein Gedicht.)

"Zum Glück" sieht Shahak Shapira gar nicht so aus, wie man sich den typischen Juden vorstellt: Statt dunklen Haaren mit Seitenlöckchen und einer großen Hakennase, ist er blond und blauäugig. Und wer nicht glaubt, dass er, der optische Arier, wirklich Jude ist, kriegt folgende Erklärung: "Ja, pass auf, die haben uns damals Wasserstoff statt Zyklon B in die Gaskammer geblasen."

Nicht jeder kann mit solchen Sprüchen umgehen. Aber genau da liegt der Reiz von Shapiras Humor. Darf man über sowas lachen, vor allem als Deutscher? Also ganz ehrlich: Ich find's witzig. Klar gibt es Grenzen des guten Geschmacks, aber hier gilt: Der Autor ist selbst Jude, der darf das! Und wir dürfen darüber lachen. So einfach ist das.

Shapira berichtet von seiner Jugend im braunen Kaff, in dem die jüdischen Zuwanderer mit Argwohn betrachtet werden. Integration fällt unter diesen Bedingungen nicht leicht, aber Familie Shapira gibt ihr Bestes und macht sich Deutschland zur zweiten Heimat. Doch auf Probleme wegen seiner Herkunft stößt der Autor auch noch als Erwachsener.

In der Silvesternacht 2014/2015 dann der traurige Höhepunkt: Er wird von judenfeindlichen Arabern verprügelt. Seitdem steht er in der Öffentlichkeit, distanziert sich jedoch ausdrücklich von jeglichem Muslim-Bashing, denn Antisemiten gibt es überall. Und wie schon im Klappentext so schön gesagt: Man entscheidet unabhängig von seiner Herkunft und Religion, ob man ein rassistisches Arschloch sein will oder nicht.

Neben eigenen Erlebnissen verarbeitet der Autor auch die Geschichte seiner beiden Großväter. Der eine kämpfte im Warschauer Ghetto als Kind ums nackte Überleben und verlor im Holocaust seine Familie. Der andere Großvater war Amitzur Shapira, ein israelischer Leichtathletik-Trainer, der bei der Geiselnahme israelischer Sportler durch palästinensische Terroristen während den Olympischen Spielen in München 1972 ums Leben kam. In diesen Geschichten hat Humor nicht immer Platz, und so sind diese Kapitel vielleicht für manchen Leser ein Stilbruch, zu ernst, zu tragisch. Ich denke aber, bei dieser Thematik muss man auch nichts schönreden und nicht an unnötigen Stellen noch mit dem Hammer Lustigkeit hineinprügeln. 

Mein einziger Kritikpunkt: Auf ein paar Erzählungen hätte ich persönlich verzichten können, z. B. das leidige Thema "Frauen", bei denen Shapira irgendwie keinen Schlag hatte. Missglückte Dates und Tinder-Erlebnisse - ja, ganz nett zu lesen, aber irgendwie nicht so ganz passend und auch recht belanglos.

Ansonsten aber erzählt der Autor mit Witz und Charme, bringt auch den einen oder anderen derben Spruch. Für spaßbefreite Menschen ist dieses Buch vermutlich nicht das Richtige. Hier werden zwar auch mal zwischendurch Fakten präsentiert (z. B. über den Nahostkonflikt), aber es geht natürlich in erster Linie um persönliche Erlebnisse und Empfindungen. Und die gibt der Autor auf humorvolle Weise unterhaltsam wieder.

4 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Von der Wiege bis zur Bahre - Kommentare, Kommentare! Und ich freue mich über jeden Einzelnen davon. :-)