Donnerstag, 22. September 2016

Rezension: "Die Attentäter" von Antonia Michaelis

Daten zum Buch:
erschienen am: 22. August 2016
Verlag: Oetinger
ISBN: 9783789104565
447 Seiten
Preis: 19,99 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
Alain, Cliff und Margarete leben in dem selben Haus in Berlin und sind seit Kindesbeinen an beste Freunde. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein: Der blonde, sensible Alain mit den liebevollen Künstlereltern, der keiner Seele etwas zu leide tun kann. Der dunkelhaarige Cliff, dessen Mutter sich von ihm distanziert und ihn beim alkoholkranken Vater zurücklässt; Cliff, der schon als kleines Kind ein gewaltiges Aggressionspotential hat. Und die vernünftige, loyale Margarete, die den beiden stets als Fels in der Brandung dient.

Dennoch sind die drei Freunde seit vielen Jahren unzertrennlich. Bis Cliff streng gläubig wird und verschwindet. Alle denken, er sei im "Heiligen Krieg" für den IS gefallen. Doch dann taucht er ein Jahr später wieder in Berlin auf. Hat er sich wirklich geändert und vom IS abgewendet? Oder müssen Alain und Margarete befürchten, dass ihr bester Freund einen Terrorakt in Deutschland plant?

Meine Meinung:
Der Klappentext klang sehr vielversprechend. Der IS und Terrorakte im Namen Allahs sind leider ein brandaktuelles Thema. Ich wollte gerne wissen, wie die mir bislang unbekannte Autorin dieses jugendgerecht aufarbeitet.

Mit den Protagonisten konnte ich leider gar nichts anfangen. Alain und Cliff verbindet eine besondere, homoerotische Beziehung, die nur schwer nachvollziehbar ist, da Alain von Cliff mehrmals psychisch und physisch verletzt wird. Dennoch verzeiht er ihm alles. Während Alain um Cliff eine dunkle, schwarze Aura wahrnimmt, die ihn gleichermaßen erschreckt und fasziniert, ist Alain für Cliff eine Art Engel mit Licht-Aura. Ein Engel, der ihn retten will, von dem sich Cliff jedoch sicher ist, dass er ihn ins Verderben stürzt, wenn er sich nicht von ihm löst.

Während Alain sich nur mit Cliff und Margarete abgibt, versucht Cliff unermüdlich, irgendwo dazuzugehören. Doch dabei sucht er sich immer gewaltbereite, kriminelle "Freunde" aus. Bis zum Schluss hält Alain zu Cliff, selbst als er sich eingestehen muss, dass dieser ein Terrorist und Mörder ist. Neben der skurrilen Beziehung zwischen den beiden Männern macht jeder der beiden mit Margarete herum - nicht als Platzhalter für den jeweils anderen, sondern als Ergänzung. Oder so ähnlich... Margarete ist der Anker für die beiden, der sie erdet. Die drei können einfach nicht ohne die anderen beiden.

Die größte Leidenschaft sowohl von Cliff als auch von Alain ist das Zeichnen. Hierin sind beide überdurchschnittlich begabt, Cliff hat sogar ein fotografisches Gedächtnis und kann Personen und Szenen detailgetreu wiedergeben. Beiden ist ebenfalls gemeinsam, dass sie zahlreiche Bilder des jeweils Anderen anfertigen. Hier zeigt sich die besondere Faszination füreinander. Das Zeichnen spielt deshalb eine große Rolle in diesem Roman. Und die Symbolik von Flügeln.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Alain, Cliff und Margarete erzählt. Dieser Perspektivenwechsel erfolgt sehr häufig und ohne Anmerkung, wer gerade der Erzähler ist. Dies wird aus dem Kontext meist klar, aber mich hat es ungemein beim Lesefluss gestört. Dazu kommen auch häufige Zeitenwechsel. Einerseits spielt die Geschichte im Hier und Jetzt, nach Cliffs Rückkehr nach Berlin, andererseits werden parallel dazu aus drei Perspektiven Geschichten erzählt aus den letzten 15 Jahren. Ich bin weder ein fauler noch dummer Leser, aber mir war das zu viel Hin und Her. Natürlich, so lernt man die drei Freunde nach und nach besser kennen und kann versuchen, Cliffs radikales Handeln und die Reaktion von Alain und Margarete darauf nachzuvollziehen. Aber bei solch einem doch recht dicken Buch ist es irgendwann auch einfach erschöpfend, permanent so viele Sprünge mitzumachen. Dann sind sie 4, dann 14, 19, 15, wieder 19, 6,... Cliff, Alain, Cliff, Margarete, Alain, Alain, Cliff, Margarete,... 1. Person Singular, 3. Person Singular. Ganz schön anstrengend!

Dazu trug auch der Schreibstil bei. Wie gesagt spielt das Zeichnen bei den beiden Jungs eine wichtige Rolle. Und auch die Autorin verwendet viele Bilder beim Schreiben. Einerseits muss man anerkennen, dass sie einen anspruchsvollen und eloquenten Schreibstil hat. Ja, Frau Michaelis kann sich wirklich ausgezeichnet ausdrücken! Andererseits fand ich das zusammen mit o. g. Kriterien irgendwann sehr anstrengend.

Mir war das Buch viel zu langatmig. Viele Begegnungen zwischen Alain und Cliff, die letztendlich die gleichen Erkenntnisse und Gedankengänge bei beiden ergeben. Dazu dann eben noch der Schreibstil. Ich habe ewig für die ersten rund 200 Seiten gebraucht. Dann habe ich es eine Woche weggelegt, danach nur noch quer gelesen und die wichtigsten Dinge herausgepickt. Erst ab circa Seite 300 war ich wieder richtig dabei. Hier erfährt man mehr über Cliffs Tätigkeit für den IS. Ab da wurde es langsam spannend. Die Handlung zielt nun auf die in Berlin geplanten Attentate ab, wie sie vorbereitet werden, wer die Beteiligten sind, was Cliff damals in seiner "Ausbildung" gelernt hat. Cliffs Erlebnisse und auch Fantasien sind sehr erschreckend, aber - leider - wohl auch realistisch. Das Finale hätte ich so auf keinen Fall erwartet, es ist sehr düster und tragisch.

Auch wenn ich die letzten circa 150 Seiten nochmal spannend fand, hatte das Buch bereits bei mir verloren zu diesem Zeitpunkt. Die Geschichte und die Figuren konnten mich zu keiner Zeit emotional erreichen und ich wollte das Buch einfach nur noch beenden. Die Thematik war so vielversprechend, aber durch die zähe, langatmige und anstrengende Liebesgeschichte zwischen Cliff und Alain (und Margarete) rückte sie in den Hintergrund, und ich fand den Roman leider furchtbar anstrengend.

2 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den Oetinger-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Von der Wiege bis zur Bahre - Kommentare, Kommentare! Und ich freue mich über jeden Einzelnen davon. :-)