Samstag, 20. Februar 2016

Rezension: "So wüst und schön sah ich noch keinen Tag" von Elizabeth LaBan

Daten zum Buch:
erschienen am: 1. Februar 2016
Verlag: Carl Hanser
ISBN: 9783446250826
288 Seiten
Preis: 16,90 € (HC)
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Zum Inhalt:
Tim ist daran gewöhnt, schief angeschaut oder gar beleidigt zu werden, denn Tim ist ein Albino. Und er wird das letzte Schuljahr an der Irving High School, einem renommierten Internat in New York, verbringen. Er verliebt sich in seine Mitschülerin Vanessa, die trotz seines Aussehens scheinbar auch Sympathien für ihn entwickelt. Wenn sie doch nur nicht mit dem beliebten Patrick zusammen wäre...

Ein Schuljahr später: Duncan bezieht Tims altes Zimmer im Internat. Dort findet er von Tim besprochene CDs, die nur für ihn bestimmt sind. Denn auch wenn Tim und Duncan kaum etwas miteinander zu tun hatten, verbindet sie ein tragisches Ereignis, das vor einem halben Jahr geschah...

Meine Meinung:
Die Geschichte springt auf zwei Erzählebenen zwischen Gegenwart (= Duncans letztes Schuljahr) und Vergangenheit (= Tims letztes Schuljahr) hin und her, wobei Tims Erzählungen hier definitiv den Mittelpunkt bilden. Genauso wie Duncan möchte man als Leser die CDs am liebsten in einem Rutsch durchhören, um endlich zu erfahren, was mit Tim und Vanessa geschah. Dadurch fühlten sich die sowieso nicht sonderlich spannenden Ereignisse in Duncans Schuljahr eher wie "Werbepausen" an, bei denen man hoffte, dass es nun endlich wieder mit Tims Geschichte weitergeht.

Es gibt ständig Hinweise auf das Ereignis, das Duncan und Tim verbindet. Ich wurde jedoch nicht schlau daraus und habe bis zum Schluss nicht geahnt, was genau passiert ist. Irgendwann haben mich die ständigen Hinweise auch ein bisschen genervt, da so oft darauf herumgeritten wurde, aber die Auflösung erst am Schluss kam. Ich hatte es mir zudem ehrlich gesagt tragischer vorgestellt, als es dann war, wenngleich es für die Beteiligten natürlich schon recht schlimm war.

In beiden Handlungssträngen schwebt über den Köpfen der Schüler die Abschlussarbeit im Fach Englisch wie ein Damoklesschwert: Jedes Jahr müssen die Senior-Schüler einen Aufsatz über das Thema "Tragödie" verfassen. Sowohl Tim als auch Duncan beschäftigen sich intensiv damit, und die Merkmale einer Tragödie wirken sich immer mehr auf ihr Handeln und Denken aus.

Neben Duncan und Tim spielt Vanessa noch eine große Rolle in der Geschichte. Ich mochte sie nicht sonderlich, aber das ist Geschmackssache. Sie ist schon nett und entwickelt tiefe Gefühle für Tim ganz unabhängig von seinem Äußeren. Andererseits bleibt sie weiterhin mit dem ätzenden Patrick zusammen, küsst ihn und hält Händchen mit ihm vor Tims Augen. Nicht gerade ein schöner Charakterzug von ihr... Im Endeffekt hatte ich das Gefühl, dass Tim sich in Vanessa verliebt, weil sie das erste Mädchen ist, das mit ihm - anfänglich gezwungenermaßen, dann freiwillig - abhängt und ihn so akzeptiert, wie er ist. Allerdings sind die neuen Mitschüler fast alle sehr nett zu Tim, etwas, das er sich bis dahin immer gewünscht hatte, das ihm dann aber völlig egal ist, weil er nur noch Augen für Vanessa hat. Das fand ich wirklich sehr schade.

Weitere Nebencharaktere, die eine größere Rolle spielen, sind Daisy, Duncans Schwarm, der Englisch-Lehrer Mr. Simon, der mit seinem Tragödienaufsatz alle Schüler stresst, aber ein wirklich guter Pädagoge ist, sowie Patrick, Vanessas Freund, bei dem man sich nie sicher sein kann, ob er wirklich ernsthaft mit Tim befreundet sein möchte oder nur mit ihm spielt.

Der Sprachstil ist jugendgerecht und flüssig zu lesen. Ich persönlich empfand manche Stellen als zäh und unnötig in die Länge gezogen, aber das liegt sicherlich auch daran, dass "So wüst und schön sah ich noch keinen Tag" ein eher ruhiges Buch ist, das ohne Action auskommt. Auch wenn Elizabeth LaBans Jugendbuchdebüt ein paar kleine Schwächen hat, ist es ihr auf jeden Fall gelungen.

4 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an Vorablesen.de für dieses Rezensionsexemplar!

Montag, 8. Februar 2016

Rezension: "Lipödem. Rechtzeitig erkennen und richtig behandeln" von Dr. med. Thomas Weiss

Daten zum Buch:
erschienen am: 28. September 2015
Verlag: südwest
ISBN: 9783517093833
192 Seiten
Preis: 19,99 € (SC)
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Zum Inhalt:
Millionen Frauen in Deutschland leiden unter einem Lipödem. Diese Fettansammlungen im Unterhautgewebe, vor allem an den Beinen, stellen für die Betroffenen nicht nur ein ästhetisches Problem dar, sondern sie gehen auch mit starken Schmerzen einher. Die Frauen sind berührungsempfindlich und neigen schon bei kleinen Stößen zu blauen Flecken. Wichtig ist das frühzeitige Erkennen des Lipödems und dass es nicht als Cellulite oder rein kosmetisches Problem abgetan wird.

Dr. Thomas Weiss hat als einer der ersten Ärzte wirkungsvolle Methoden entwickelt: Entstauung durch Vakuummassagen, spezielle Massagetechniken sowie Kompressionsbehandlungen. In Kombination damit empfiehlt er eine Ernährungsumstellung und klärt auf, wie der richtige Sport die Beschwerden lindern kann. In diesem Buch stellt er ein 14-Tage-Selbsthilfeprogramm inklusive Rezepten vor.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Zum ersten Mal kam ich mit dem Thema Lip-/Lymphödem in Berührung, als eine Freundin von mir daran erkrankte. In über zehn Jahren konnte ich selbst miterleben, wie die Krankheit trotz Behandlung fortschreitet und sie immer mehr einschränkt. Bis dato war mir nicht bewusst, dass es eigentlich wahnsinnig viele Frauen betrifft - das Buch spricht von Millionen allein in Deutschland und einem zweistelligen Prozentsatz weltweit!

Mittlerweile ist das Lipödem auch innerhalb meiner Verwandtschaft aufgetaucht. Da es immer noch von den Ärzten schlecht erkannt und mit reinem Übergewicht verwechselt wird (Standardspruch: "Sie sind halt zu dick, Sie müssen abnehmen."), kommt es oft - wie bei zwei Frauen in meiner Verwandtschaft - erst viel zu spät zur richtigen Diagnose und Behandlung. Das ist sehr fatal, denn die Symptome eines Lip- oder Lymphödems lassen sich niemals rückgängig machen, deshalb ist eine möglichst schnelle Behandlung enorm wichtig! Das Lipödem bricht in unterschiedlichen Lebenszyklen aus, z. B. in der Pubertät, während einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren (sprich: bei einer hormonellen Umstellung). Es kann also wirklich nicht verkehrt sein, sich als Frau eingehender damit zu beschäftigen.

Das Buch ist in folgende Hauptkapitel aufgeteilt:

1. "Grundlagen": Hier wird ausführlich geschildert, wie das Lymphsystem funktioniert und was genau im Körper passiert.

2. "Lipödem - schmerzhafte Schwellungen": Hier wird nun das Lipödem auf über 30 Seiten genauer vorgestellt. Die unterschiedlichen Stadien, der Krankheitsverlauf, die Ursachen.

3. "Cellulite - mehr als nur unschöne Dellen": Das Buch ist auch für Frauen geeignet, die "nur" an Cellulite leiden, da die Anwendungen für Lipödeme auch bei Cellulite hilfreich sind.

4. "Vermehrte Wassereinlagerungen": Hier wird ein weiteres Krankheitsbild, das "Flüssigkeitsretentionssyndrom", das ebenfalls Ödeme bildet, vorgestellt.

Manchmal ist es schwierig, zwischen diesen drei verschiedenen Krankheitsbildern zu unterscheiden. Auch die Adipositas wird kurz angesprochen. Letztendlich ist es wichtig, dass man einen guten Facharzt aufsucht, der die richtige Diagnose stellt.

5. "Therapieverfahren": Der größte Teil des Buches beschäftigt sich mit den bekannten und weniger bekannten Therapiemöglichkeiten bei Lipödemen. Hier werden nicht nur die gängigen Anwendungen vorgestellt, die vom Arzt verschrieben werden (müssen), wie Lymphdrainage und Kompressionsstrümpfe, sondern auch eigene Möglichkeiten, die Beschwerden zu verbessern (z. B. Ausdauertraining, Trockenbürsten, Schwimmen,...).

6. "Das 14-Tage-Selbsthilfe-Programm": Hier geht es v. a. um eine zweiwöchige Ernährungsumstellung. Es werden auch konkrete Rezeptvorschläge für jeden Tag vorgestellt.

Die Grundlagen haben mir sehr geholfen zu verstehen, was eigentlich im Körper so passiert. Ich habe mich noch nie mit dem Lymphsystem und seinen großartigen Leistungen beschäftigt und wusste echt gar nichts darüber. Ich gebe aber zu, dass ich die teils detaillierten Ausführungen nicht in ihrer Gänze verstanden habe. Ich war in punkto Medizin/Biologie/Anatomie schon immer recht begriffsstutzig. Es hätte für mich also gar nicht so ausführlich sein müssen und ich habe mich da stellenweise schon ein bisschen durchgequält.

Sehr interessant waren natürlich die vorgestellten Therapieverfahren. Ich kannte bislang nur die Lymphdrainage und das Tragen von Kompressionsstrümpfen. Dr. Weiss geht hier auch darauf ein, was in punkto Bewegung und Ernährung gut und weniger gut für Lipödem-Patientinnen ist. Manchmal denken diese, sie tun ihrem Körper etwas Gutes, schaden ihm aber nur, da z. B. viele Sportarten auf die Körper von Lip-/Lymphödem-Erkrankten eine andere Auswirkung haben als auf die Körper von gesunden Frauen (v. a. bei der Gewichtsreduzierung).

Das 14-Tage-Programm habe ich natürlich nicht ausprobiert. Dies ist für Frauen gedacht, die bereits die Diagnose eines Lipödems erhalten haben und auch von ihrem Arzt Lymphdrainage und Kompressionsstrümpfe verschrieben bekommen, da das Programm nur zusammen mit der Anwendung dieser beiden Dinge sinnvoll und effizient ist. Zudem ist das Programm so konzipiert, dass man sich mehrere Stunden am Tag freihalten muss, für Vollzeitkräfte also eher etwas, das man in die Urlaubszeit legen sollte.

Im Programmteil findet man v. a. Rezepte für eine gesunde Ernährung. Ich persönlich hätte so meine Probleme damit, denn das meiste klingt recht extravagant und nicht so, als wäre es ratzfatz gekocht, z. B. "Mit Orange aromatisierte Sellerie-Quinoasuppe" oder "Klare Ingwer-Soja-Limetten-Brühe mit Bulgur". Hier hätte ich als Alternative lieber eine Lebensmittelübersicht gehabt, die mir zeigt, was erlaubt ist und was nicht, so dass ich auch einfach selbst kombinieren könnte. Außerdem soll man das Programm ja auch mit körperlicher Aktivität verbinden. Hier fehlen mir konkretere Angaben und Vorschläge, was sich besonders eignet und wie viele Trainingseinheiten empfehlenswert sind bzw. wie lange sie sein sollen. Dies muss man sich alles aufgrund der vorherigen Ausführungen irgendwie selbst zusammenbasteln.

Die Sprache ist so gehalten, dass sie für Laien leicht verständlich ist. Der Autor gibt nicht mit Fachchinesisch an und hat - so weit bei einem medizinischen Ratgeber möglich - eine recht einfühlsame Art.

Die Aufmachung des Buches ist sehr ansprechend und abwechslungsreich gestaltet. Neben Bildern und Infokästen gibt es QR-Codes, die auf kurze Videos auf der Autorenhomepage verlinken. Diese Idee fand ich ganz nett, auch wenn ich mit meinem Handy keine QR-Codes lesen kann. (Dafür gibt es dann noch einen Link zum Eingeben.) Es ist durchaus sinnvoll, sich die Videos parallel zur Lektüre anzuschauen, da sie Informationen aus dem Buch anschaulicher machen und ergänzen sowie Fallbeispiele zeigen. Ich empfehle allgemein einen Blick auf die Homepage des Autors (www.weiss.de), da sich hier noch weitere Informationen und auch die im Buch erwähnten Formulare finden lassen.

Dieser Ratgeber ist für Leute empfehlenswert, die einen guten Überblick über die Krankheit Lipödem erhalten möchten, egal ob aus reiner Neugier oder wegen eigener Betroffenheit. Frauen, die schon seit Langem mit dieser Krankheit zu tun haben und sich damit gut auskennen, können die ersten 140 Seiten vermutlich überspringen und sich direkt dem 14-Tage-Programm widmen. Die Effizienz dieses Programms kann ich aber leider nicht bewerten.

4 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an das Bloggerportal von Randomhouse für dieses Rezensionsexemplar!

Samstag, 6. Februar 2016

Rezension: "Northanger Abbey" von Val McDermid

Daten zum Buch:
erschienen am: 11. Januar 2016
Verlag: Harper Collins
ISBN: 9783959670180
304 Seiten
Preis: 19,99 € (HC)
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Zum Inhalt:
Zu gern verliert die 17-jährige Pfarrerstochter Cat Morland sich in der Welt der Bücher und träumt von aufregenden Abenteuern, die sie im ländlichen Piddle Valley niemals finden wird. Doch dann darf sie ihre Nachbarn, die Allens, zu einem Kulturfestival nach Edinburgh begleiten. Wo sie nicht nur unerwartet in Bella Thorpe eine neue Freundin findet, sondern sich in den jungen, aufstrebenden Rechtsanwalt Henry Tilney verliebt.

Als Henry und seine Schwester Eleanor sie auf den schönen, aber düsteren Familiensitz Northanger Abbey einladen, geht Cats Fantasie mit ihr durch. Was, wenn hier ein Verbrechen stattgefunden hat? Und tatsächlich wird es für sie gefährlich – wenn auch auf unerwartete Weise.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Zuerst einmal muss ich gestehen, dass ich noch kein einziges Werk von Jane Austen gelesen habe. Ich kenne nur einige Verfilmungen wie "Jane Eyre", "Stolz & Vorurteil" oder "Emma", die ich allesamt mochte. Deshalb fand ich es eine gute Idee, dass im Rahmen des "Jane Austen Projects" ihre Klassiker in die Moderne übertragen werden sollen. Was bei "Northanger Abbey" jedoch herauskam, hat mich wirklich enttäuscht.

Es gab eigentlich überhaupt keine Person in diesem Buch, die mich irgendwie angesprochen hat. Cat ist so naiv und teilweise hohl, dass es mir fast körperliche Schmerzen bereitet hat. Ok, sie ist nie auf eine Schule gegangen, aber hey, ihr Bruder hat es ja auch allein durch den Einzelunterricht seiner Mutter nach Oxford und zum Anwalt geschafft, was logisch ist, denn die Mutter ist ja immerhin Grundschullehrerin und kann ihre Kinder im Alleingang auf Uniniveau unterrichten!

Wieso Cat also so dumm ist, erschließt sich mir nicht ganz. Immerhin haben es die Eltern gleich zu Beginn des Buches erkannt: "Und was für eine Zukunft steht ihr bevor?" (...) - "Eine, die keine Qualifikationen erfordert außer ein gutes Herz. (...) Schau dir doch an, wie gut sie mit den Kleinen umgehen kann. Catherine wird schon zurechtkommen." Ist doch schön, wenn die Eltern an einen glauben!

Aber dieser Dialog spiegelt schon die gesamte Haltung in diesem Buch wieder. Es ist nichts toller, als in jungen Jahren einen Kerl zu heiraten und dann aus Langeweile den ganzen Tag einkaufen oder zu gesellschaftlichen Ereignissen zu gehen. So ist auch General Tilney bezüglich seiner Tochter Ellie folgender Meinung: "Sie hat eigenes Geld. Ich gebe ihr ein Taschengeld. Sie wird sich zu gegebener Zeit mit einem geeigneten jungen Mann häuslich niederlassen. Dafür braucht man keine Ausbildung." Bis auf die selbstständige Mrs. Thorpe hat eigentlich keine der hier agierenden Frauen, ob jung oder alt, irgendeine Anstellung.

Jetzt würde ich das ja verstehen, wenn ich das Original von Jane Austen vor mir hätte. Es wurde in einer Zeit geschrieben, in der Frauen wenig Zugang zu Bildung hatten, ein bisschen naiv und weltfremd waren. In der Männer die Frauen ernährten und sie zu Hause am Herd wissen wollten.

Ich hatte das Ziel des Projektes jedoch so verstanden, dass die Klassiker in die heutige Zeit umgeschrieben werden. Aber es reicht doch nicht, wenn die Autorin quasi das Original abpinselt und hier und da eben ein paar moderne, hippe Wörter einsetzt wie "Facebook", "Twitter" oder "Beyoncé", und aus den tollen Hausbällen der Reichen halt Kulturfestivals und Privatparties mit schottischen Volkstänzen macht.

Es mutet auch befremdlich an, wenn sich junge Menschen unterhalten, als hätten sie einen Stock im Allerwertesten - selbst, wenn es Briten sind! Ob jung oder alt, es wird geschwollen dahergeschwurbelt, ab und an darf mal ein "Ohne Scheiß!" rausrutschen, aber das reißt das Ruder dann auch nicht mehr herum.

Nochmal zurück zu den Figuren. Allen voran die Protagonistin hat es mir echt schwer gemacht, sie zu mögen. Bestenfalls kann man sie als verträumtes, naives Landei bezeichnen, das quasi mit einer Augenbinde durch die Welt läuft. Sie ist so begriffsstutzig, dass es weh tut, und sie hat ein Verständnis für Ironie und Sarkasmus wie Sheldon Cooper aus "The Big Bang Theory". Dass Henry und John sich für sie interessieren, muss wohl an ihrem vielgepriesenen Aussehen liegen...

Bezeichnend auch dieser Ausschnitt: Cat ist mit den Tilneys wandern, und Henry und Ellie kabbeln sich, weil Ellie etwas missverstanden hat.
"Ach, halt die Klappe, Henry. Ich will, dass Cat meine Freundin ist, verdirb ihr nicht die Lust darauf. Noch eine von deinen Albernheiten und ich stoß dich auf dem Weg nach unten von den Salisbury Crags."
Er streckte ihr die Zunge heraus. "Und ich werde einfach durch die Luft fliegen mit meinen Vampirschwingen und unten auf dich warten."
Cats Herz blieb fast stehen. Henrys ganze Art war so scherzhaft, dass sie sich schon den ganzen Morgen bemüht hatte, herauszufinden, was er ernst meinte. Und jetzt sprach er davon, ein Vampir zu sein. Machte er nur Spaß, oder war dies ein Bravourstück des doppelten Bluffs, geplant, um den Verdacht von seiner wahren Natur abzulenken?"
Ich habe nicht nur einmal ins Kissen gebissen bei der Lektüre. Cats Vorliebe für "Twilight" und Horrorgeschichten in allen Ehren, aber solche Verdachtsmomente haben mich sprachlos gemacht. Vermutlich ist Henry auch nicht im prallen Sonnenschein mit ihr gewandert, weil er es zu heiß fand, sondern weil er sonst losgeglitzert hätte... Gerade dieser Handlungsstrang mit Cats Verdacht, die Tilneys könnten eine Vampirfamilie sein, war mehr als lächerlich.

Und die anderen Charaktere so?

  • Henry Tilney ist natürlich einfach nur perfekt. Letzten Endes hat mich die Liebesgeschichte zwischen ihm und Cat null berührt, es bleibt oberflächlich und reserviert. Er ist übrigens Anwalt.
  • Johnny ist einfach nur nervig und man wünscht ihn zum Teufel. Dass er als Angeber mit Bauch und lichtem Haar beschrieben wird, macht es natürlich viel leichter, ihn als Konkurrent nicht ernst zu nehmen. Übrigens ist er Anwalt. 
  • Bruder James ist ohne Fehl und Tadel und somit gähnend langweilig. Er ist übrigens Anwalt.
  • Freddie Tilney, der Frauenbeglücker, ist der Bad Boy und kein Anwalt, sondern Soldat. 
  • General Tilney ist der Bösewicht in der Geschichte und auch kein Anwalt, sondern Soldat. 
  • Die nervtötende und charakterschwache Isabella würde ich mir niemals zur Freundin nehmen, dann lieber gar keine. Sie jobbt bei ihrer Mutter in der Näherei, immerhin, hat sonst aber auch keinerlei Ambitionen, mal einen richtigen Beruf zu erlernen. Dabei hat sie keinen Vater mehr, der es ihr verbieten könnte, aber die Mutter findet die Idee auch nicht gut.
  • Ellie ist ein verhuschtes Ding, das sich nicht aus dem Schatten des herrschsüchtigen Generals lösen kann. Sie hat - analog zum o. g. Zitat ihres Vaters - keine Ausbildung und hockt eigentlich nur in einer der Unterkünfte der Tilneys irgendwo in Großbritannien herum, seit sie nicht mehr aufs Internat geht.

Ich bin echt ziemlich durchgeschlichen, weil es gähnend langweilig war. Da wird parliert, ohne dass man irgendwie in der Handlung vorwärts kommt. Manche Unterhaltungen sind nicht nur unerträglich gestelzt geschrieben, sondern auch relativ sinnfrei. Somit wäre wohl auch geklärt, wie ich den Schreibstil fand: Nicht so prickelnd. Ist mir auch wurscht, ob Val McDermids Schreibstil in ihren anderen Büchern supi ist, hier hat er mir auf jeden Fall gar nicht gefallen.

Lediglich auf den letzten 30 Seiten wurde es noch interessant, aber das hat mich dann auch nicht mehr mit diesem Buch versöhnt. Allerdings fand ich die Auflösung, weshalb Cat in General Tilneys Ungnade gefallen ist, dann auch etwas befremdlich. Anhand seiner vorherigen, unaufhörlichen Kommentare wurde eigentlich auf eine Auflösung gemäß des Originals hingearbeitet. Aber die Autorin musste dann wohl doch noch zumindest am Ende des Buches ihren Stempel aufdrücken... Mehr will ich aber nicht verraten.

Ich weiß nicht, ob Kenner des Originals mehr Spaß mit dieser Version haben. Vielleicht ist es auch kein 1:1-Abklatsch des Klassikers, da ich diesen ja nicht kenne und das nicht beurteilen kann. Aber es wirkt stark auf mich, als wollte sich die Autorn nicht zu viel Arbeit machen. Oder lag es doch am Konzept? Natürlich soll man auch die Vorlage nicht so stark ändern, dass man darin nicht mehr das originale "Northanger Abbey" wiedererkennt. Aber dieser Sprung von damals auf heute ist Val McDermid leider nicht geglückt. Wenn man alle modernen Wörter rausstreicht, könnte die Geschichte auch weiterhin anno dazumal spielen.

Ich behaupte nicht, dass das Buch per se grottig ist. Wie immer bei einer schlechten Bewertung möchte ich betonen, dass Meinungen nunmal subjektiv und Geschmäcker verschieden sind, und manche werden das Buch begeistert verschlingen. Für mich war "Northanger Abbey" in dieser Version jedoch kein Glücksgriff und ich denke, man ist mit dem Original besser bedient. Man kann sich aber natürlich auch einfach an den ganzen Kritikpunkten, die ich habe, auf eine diebische Art und Weise erfreuen und das Buch als Satire betrachten. Ob ich noch andere Bücher vom "Jane Austen Project" lesen würde, lasse ich vorerst offen.

2 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an Literaturtest bzw. Harper Collins für dieses Rezensionsexemplar!