Sonntag, 23. April 2017

Rezension: "What the Fuck...??! Ein verdammt rätselhaftes Bilderbuch" von Philipp Stampe

Daten zum Buch:
erschienen am: 8. März 2017
Verlag: jaja
ISBN: 9783946642077
216 Seiten
Preis: 23,00 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!
Hier geht's zur Autorenseite!

Zum Inhalt:
Dieses generationsübergreifende Rätselbilderbuch macht mehr als einfach nur Spaß. Es kann einen auch auf die Palme bringen und ist bestimmt gutes Gehirnjogging.

Jede ganzseitige Illustration zeigt ein auf den ersten Blick irritierendes und scheinbar sinnloses Fantasiemotiv. Was macht denn das Fieberthermometer in der Lampe, fragt man sich und vielleicht sowas wie „What the Fuck!?“ oder “Was zum Henker!?”, wenn man nicht gleich die Lösung im Kopf hat.

Aber, Moment mal… Fieber? Lampe?

Ach, Lampenfieber ist gemeint!
(Klappentext)

Meine Meinung:
Ein Rätselbilderbuch habe ich bisher noch nie "gelesen", deshalb hat mich "What the fuck...??!" spontan angelacht. Der mir bislang unbekannte jaja-Verlag hat hier auf jeden Fall ein optisches Meisterwerk herausgegeben, bei dem sofort die ansprechende Gestaltung ins Auge springt.

Auf einer Seite ist das farbig gemalte Rätselbild dargestellt, auf der anderen Seite gibt es einen Buchstabensalat, der das Lösungswort ergibt. So hat man also auch noch ein Hintertürchen, wenn man mit dem Bild alleine nicht weiterkommt.

Hier ein Beispiel für die Darstellungs des Wortes "Bildschirm".
Auf der Verlagshomepage gibt es noch viele schöne Bilder aus dem Buch!

Hier ist der Titelname auf jeden Fall Programm, denn bei vielen Rätseln dachte ich tatsächlich unweigerlich: "WTF?!" Manche Bilder waren sofort klar, bei manchen dauerte es ein bisschen, und bei manchen kam ich ums Verrecken nicht auf die Lösung. Ich muss zugeben, dass ich meist sehr schnell auf den Buchstabensalat geguckt habe und mir dadurch teilweise schon die Lösung vorweggenommen habe, ohne das Bild überhaupt vorher aufmerksam zu scannen. Wer genau so ist wie ich, sollte sich die Seite mit den Buchstaben erstmal abdecken und es ohne probieren, um ein Gespür für die Details zu kriegen.

Am Lustigsten ist es, wenn man die Rätsel nicht alleine löst. Außer, man hat ein Genie dabei, das nur für jedes Bild zehn Sekunden braucht und einem den Spaß verdirbt. Ansonsten ist es ganz lustig, welche Gedanken und wilden Assoziationen jeder spontan ausspuckt, und wenn man dann endlich auf die Lösung gekommen ist, kann man sich die Freude darüber teilen, denn wie jeder weiß: Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Wie gesagt sind die Schwierigkeitsgrade ganz unterschiedlich, wobei es wohl immer auf die rätselnde Person ankommt. Ich habe das Buch mit meinem Freund zusammen durchgemacht. Bei manchen Rätseln kamen wir beide gleichzeitig drauf, bei manchen nur einer von uns. So haben wir uns gut ergänzt. Es gab aber auch tatsächlich ein paar Bilder, bei denen wir die Buchstaben rausgeschrieben und dann verzweifelt versucht haben, daraus ein passendes Wort zu basteln. Von daher wird nicht zu viel vom Verlag versprochen: Das Buch ist gutes Gehirnjogging, kann einen aber auch zuweilen auf die Palme bringen.

Bei manchen Rätseln fand ich das Bild sehr gelungen und habe auch so einige Male gelacht. Bei manchen Bildern habe ich mich auch manchmal gefragt: "Hä? Na ja..." Aber egal, ob man etwas nachvollziehen kann bzw. lustig findet: Der Autor ist auf jeden Fall extrem kreativ! Und er hat eine Liebe für Details, selbst wenn diese gar nicht zur Lösung beitragen oder sogar noch ablenken bzw. nur Verwirrung stiften.

Es gibt keine Seite mit Lösungen, man hat also nur drei Möglichkeiten, die Bilderrätsel zu lösen:

1. Man kommt von selbst auf das Ergebnis.
2. Man nimmt sich den Buchstabensalat vor und probiert aus, welche Wörter man damit legen kann.
3. Man gibt auf und schreibt den Verlag an, der die Lösungen auf Nachfrage gerne herausrückt.

Diese  letzte Option habe ich nicht in Anspruch genommen, da ich es mit den beiden ersten immer irgendwie geschafft habe.

Stampes Rätselbilderbuch ist wirklich etwas Außer- und Ungewöhnliches. Es ist ein lustiger Zeitvertreib für zwischendurch und super geeignet, gemeinsam mit Freunden und/oder Familie die Nase reinzustecken. Die Aufmachung ist zudem wunderschön, von daher kann ich es vor allem als Geschenk für humorvolle Menschen empfehlen.

5 von 5 Schreiberpaletten

 Vielen Dank an www.bloggdeinbuch.de und den jaja-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Dienstag, 18. April 2017

Rezension: "Unter Briten. Begegnungen mit einem unbegreiflichen Volk" von Christoph Scheuermann

Daten zum Buch:
erschienen am: 11. Oktober 2016
Verlag: DVA - Spiegel Buchverlag
ISBN: 9783421047427
237 Seiten
Preis: 17,99 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
Was ist eigentlich mit den Briten los? Um diese Frage zu beantworten, ist Christoph Scheuermann kreuz und quer über die Insel gereist, von Südengland bis in die schottischen Highlands. Er besucht Menschen und Orte, die den Blick freigeben auf die merkwürdigen und manchmal unbegreiflichen Seiten Großbritanniens: Er diniert mit den Fulfords, einer chaotischen Familie aus dem verarmten Landadel, er feiert in Yorkshire mit hysterischen jungen Frauen einen Junggesellinnenabschied, er sucht nach Ufos, vergrabenen Schätzen und dem Geheimnis royalen Smalltalks. Sein Buch ist eine Sympathiebekundung an ein schräges, bisweilen melancholisches Volk, das man trotz – oder wegen – seiner Skurrilität einfach lieben muss.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Da ich bald für eine Woche nach London fliege, habe ich voller Spannung zu diesem Buch gegriffen, um mehr über meine baldigen Gastgeber zu erfahren. Großbritannien ist wohl im Moment DAS Land der EU, das Medien und Politik am meisten beschäftigt. Ihren Titel als kurioses Völkchen haben die Briten wohl spätestens mit Durchsetzung des Brexits erfolgreich verteidigt.

Der Brexit ist jedoch kein Thema in diesem Buch. Christoph Scheunemann ist seit 2012 Großbritannien-Korrespondent des Nachrichtenmagazins "Spiegel" und hat in den letzten Jahren viele Begegnungen gesammelt. In 25 Kapiteln trifft Christoph Scheuermann auf ganz unterschiedliche Menschen, Gruppierungen und Gesellschaftsschichten des Vereinigten Königreichs.

Bereits der Einstieg in das Buch ist wahrhaft (fast) königlich, denn der Autor darf Prince Charles - zusammen mit anderen Journalisten in einem unpersönlichen und distanzierten Rahmen - einen Tag lang begleiten. Weiter geht es mit dem versnobten politischen Nachwuchs der elitären Insel, einer wilden Post-Punk-Band, einem Kate Middleton-Double, ehemaligen Zechbrüdern, Boris Johnson und und und. Hier werden viele verschiedene Themen angeschnitten. Manche behandeln durchaus wichtige und ernste Themen, andere beschäftigen sich mit eher Belanglosem.

Die behandelten Themen sind ganz unterschiedlich, und dementsprechend ist es einfach schwierig, dass man sich für alles gleichermaßen interessiert. Manche Kapitel fand ich sehr interessant, z. B. das über Pfandleiher, Tilda Swinton oder die Schatzsucher in Wales. Manche hingegen fand ich sehr langweilig, z. B. die Kapitel über die Band "Fat White Family", Junggesellinnenabschiede in England oder den Ex-Chefredakteur des "Guardian". Aber Interessen sind verschieden, und was mich nicht vom Hocker reißt, wird so manch anderer vielleicht furchtbar spannend finden.

Ich fand das Buch ein bisschen trist, fast wie das britische Wetter. Ich kann es nicht genau erklären, aber so empfand ich es nunmal beim Lesen. Mir fehlten Witz und Biss. Hier und da blitzte ein bisschen Humor durch, aber im Großen und Ganzen war mir das Buch zu fade und ernst geschrieben. Auch vermisste ich eine emotionale Bindung des Autors zu diesem Land, in dem er immerhin schon ein paar Jahre lebt. Es war nicht so, dass ich die Briten danach wahnsinnig ins Herz geschlossen hatte, ich stand ihnen eher neutral bis gleichgültig gegenüber. Auch wenn hier ein weit gestreuter Querschnitt durch alle Gesellschaftsschichten geboten wird, blieb bei mir das Gefühl zurück, dass Großbritannien nur auf der einen Seite den versnobten Adel und die hochnäsigen Tory-Anhänger hat, und auf der anderen Seite die ganz schrägen Vögel und abgestürzten Typen. Die Wahrheit ist wohl irgendwo dazwischen.

Für Großbritannien-Liebhaber ist dieses Buch bestimmt ein schöner Ausflug durch das Vereinigte Königreich. Der Autor hat viel erlebt und recherchiert. Mich hat das Buch ganz gut unterhalten, aber es hinterlässt bei mir keinen bleibenden Eindruck.

3 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an das Bloggerportal von Randomhouse für dieses Rezensionsexemplar!

Freitag, 14. April 2017

Rezension: "Es klingelte an der Tür. Ein Fall für Nero Wolfe" von Rex Stout

Daten zum Buch:
erschienen am: 11. März 2017
Verlag: Klett-Cotta
ISBN: 9783608981117
247 Seiten
Preis: 15,00 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
Die reiche Exzentrikerin Rachel Bruner hat die Nase voll vom amerikanischen Geheimdienst. Sie kauft zehntausend Exemplare eines Enthüllungsbuchs und verschickt es landesweit. Klar, dass das Ärger gibt: das FBI lässt sie auf Schritt und Tritt überwachen. In ihrer Not wendet sich die vornehme Dame an Nero Wolfe, dem berühmtesten Privatermittler von New York. Doch wie soll der ihr helfen? Ein Scheck über 100 000 Dollar überzeugt ihn, es zumindest zu versuchen.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Rex Stout (1886-1975) war einer der erfolgreichsten Kriminalautoren der USA, der vor allem durch seine Kriminalfälle rund um den Ermittler Nero Wolfe berühmt wurde. "Es klingelte an der Tür" ist nicht der erste, sondern der 28. Wolfe-Band. Der erste Fall erschien bereits 1934, "The Doorbell Rang" erst 1965. Ich kannte bislang gar keinen Wolfe-Fall, denke aber, dass Vorkenntnisse nicht unbedingt nötig sind. Es werden jedoch Personen und Umstände erwähnt, die man nur aus vorherigen Fällen kennen wird. Hätte ich die Wahl, würde ich bei einer Reihe immer nach der chronologischen Reihenfolge gehen. Ehrlich gesagt war mir aufgrund des Klappentextes auch gar nicht bewusst, dass es sich nicht um den Reihenaufakt handelt. Mir ist auch jetzt nicht ganz klar, wieso der Verlag ganz willkürlich den 28. Band in neuer Übersetzung veröffentlicht. Im Nachwort erfährt man jedoch, dass dies wohl Stouts erfolgreichster Wolfe-Band war, da er damals provozierte und auf der Liste der dem FBI nicht genehmen Schriften landete.

Die Information: "Diese Neuübersetzung bietet dem deutschen Leser erstmals die Möglichkeit, den Autor in seiner ganzen literarischen Qualität zu entdecken." hat mich vermuten lassen, dass es die Bücher vielleicht bislang nur auf Englisch gibt. Das ist jedoch nicht zutreffend, alle Bände wurden auch auf Deutsch veröffentlicht, dieser Band 1968 unter dem Titel "Per Adresse Mörder X". Wer also lieber gleich chronologisch lesen möchte, kann dies auch auf Deutsch tun.

Nero Wolfe ist ein exzentrischer, aber brillianter Privatdetektiv, der nur in Ausnahmefällen das Haus verlässt und sich ansonsten leidenschaftlich der Orchideenzucht und der Kulinarik widmet. Der Roman wird aus Sicht seines Assistenten Archie Goodwin erzählt, der für Wolfe viele Funktionen übernimmt, sowohl am Schreibtisch als auch draußen bei der Ermittlungsarbeit. Er ist gut ausgebildet, kampferprobt und dennoch ein Charmeur.

Für Leser, die eher zu Krimis aus moderner Zeit greifen, ist es wohl etwas ungewöhnlich, dass hier noch ganz klassisch "auf der Straße" ermittelt wird und heutige Selbstverständlichkeiten wie Internet, Handy und modernste Technik (z. B. Abhörtechnik) damals noch keine Rolle spielten. Überhaupt ist das Charmanteste an dem Buch die Zeit, in der es spielt. Damals haben sich die Leute, zumindest die in Wolfes Umfeld, gewählter ausgedrückt und pflegten noch die Regeln der Höflichkeit. Archie ist ein echter Gentleman. Er spricht den Leser direkt an und teilt mit ihm seine Gedanken. Der Humor des Buches ist subtil, und vor allem zwischen Archie und Wolfe kommt es zu so manch (für mich) abstrusem Dialog. Der Sprachstil ist meiner Meinung nach gewöhnungsbedürftig, da der Roman vor über 50 Jahren geschrieben wurde und sich die Figuren auch dementsprechend artikulieren. Man liest sich aber nach und nach ein.

Der Fall an sich ist sehr verzwickt und ich muss zugeben, dass ich manchmal nicht ganz folgen konnte, worüber Wolfe und Archie da eigentlich reden und was genau sie vorhaben. Das FBI spielt eine große Rolle, und von diesem Thema habe ich so gar keine Ahnung. Das hat sich dann ja nach der Lektüre geändert. Es wurde für meinen Geschmack zu viel geredet, aber ich schätze, die verbalen Schlagabtäusche zwischen Wolfe und Archie sind markant für diese Reihe und machen ihren Charme aus. Auf die Lösung des Falles kam ich bis zum Schluss nicht. Ich bin jedoch auch kein versierter Krimileser, sondern schnüffle nur ab und an in diesem Genre herum.

Alles in Allem hat mir das Buch gut gefallen, da der Fall anspruchsvoll und verzwickt war. Es ist jedoch nicht mein bevorzugtes Genre, und deshalb werde ich keine weiteren Bände der Serie lesen, auch wenn ich die beiden Protagonisten durchaus liebenswert fand. Wer aber gerne Krimis liest, vor allem aus älterer Zeit, hat mit Nero Wolfe sicherlich seine wahre Freude.

3,5 von 5 Schreiberpaletten

Sonntag, 9. April 2017

Rezension: "Siegen heißt, den Tag überleben. Nahaufnahmen aus Syrien" von Petra Ramsauer

Daten zum Buch:
erschienen am: 20. Januar 2017
Verlag: Kremayr & Scheriau
ISBN: 9783218010603
208 Seiten
Preis: 22,50 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
Petra Ramsauer ist eine der wenigen Journalistinnen, die noch nach Syrien reisen können. Immer wieder war sie im Zentrum der Kämpfe, u.a. in Aleppo, wo sich nach Meinung vieler der Krieg entscheidet, in Daraya und anderen Städten, in denen die Menschen verhungern und umkommen, belagert und abgeschnitten von der Außenwelt. Sie hat mit Ärzten gesprochen, die unter Bombenhagel arbeiten, mit Bloggern, die unter Lebensgefahr Nachrichten aus dem Land schmuggeln, mit Kommandanten der bewaffneten Opposition und demokratischen Aktivisten, Vertretern des Regimes und der Kurden, mit Menschen, die geflüchtet sind, und anderen, die trotz allem bleiben.

In einfühlsamen Reportagen erzählt sie von all jenen, die in diesem schrecklichen Konflikt ums Überleben kämpfen. Syrien wird immer mehr zu einem Stellvertreterkrieg der Großmächte, in dem auch dschihadistische Extremisten mitmischen – wer den Krieg gewinnen wird, ist noch völlig unklar. Verlieren werden ihn die vielen Millionen Menschen, die vor den Trümmern ihres Lebens stehen.
(Klappentext)

Meine Meinung:
In keinem Land der Welt wird bzw. wurde vermutlich in den letzten Jahren so heftig gekämpft wie in Syrien. Das Land, aus dem Millionen Menschen unter Einsatz ihres Lebens flüchten, da es für sie in der Heimat keine Zukunft mehr gibt.

Mittlerweile werden auch im Buchhandel immer mehr Flüchtlingsschicksale veröffentlicht. Petra Ramsauers Buch beschäftigt sich nicht (vorrangig) mit Einzelschicksalen, sondern versucht, das große Ganze rund um den Syrien-Konflikt zu umreißen. Als Auslandsreporterin konzentriert sie sich schon seit rund 20 Jahren auf Krisen- und Kriegsberichterstattung aus dem Nahen Osten.

Der Krieg in Syrien ist längst nicht mehr nur ein Kampf zwischen mehreren Kriegsparteien, sondern auch ein gezielter Angriff auf die Zivilbevölkerung. Sie werden systematisch terrorisiert von allen Seiten, gefoltert, getötet oder auch "nur" verwundet, z. B. bei Schießübungen gelangweilter Militärsoldaten.

Während des Lesens habe ich mir das Ganze so vorgestellt: Ein großes Feld, auf dem Zivilisten stehen. Auf der einen Seite ist Assads Regime. Auf einer Seite stehen Rebellen, auf einer Seite der IS. Auf der vierten Seite vielleicht noch ein paar weitere Gruppen Rebellen oder Terroristen, all die vielen Splittergrupen, die noch so mitmischen. Diese bewerfen sich über den Köpfen der Zivilisten hinweg mit Bomben und beschießen sich. Und da die Gruppen sich auch unter die Zivilisten in der Mitte mischen, wird einfach überall gebombt und geschossen. Die Zivilisten haben keine Chance, diesem Wahnsinn zu entgehen. Sie können nur dastehen und hoffen, dass es nicht sie selbst trifft - oder dass es zumindest schnell geht... Sie sitzen in der Hölle und warten aufs Sterben, so wie schon Familienmitglieder, Verwandte und Freunde vor ihnen gestorben sind. So ist auch der Titel "Siegen heißt, den Tag überleben" das traurige Credo der syrischen Bevölkerung. Auch das herzzerreißende Cover, auf dem Männer Babies durch Trümmer tragen, verdeutlicht die Unbarmherzigkeit dieses Krieges.

Das Buch ist an und für sich sehr gut und detailliert ausgearbeitet. Es bietet einen Einblick in die Konflikte in diesem Land, wie sie entstanden, sich entwickelten, welche Parteien kämpfen und welche Auswirkungen dies für das Land und die Bevölkerung bis heute hat. Aber mitunter fiel es mir wirklich schwer, Frau Ramsauers Ausführungen zu folgen und den Überblick zu behalten. Dies liegt nicht unbedingt an der Autorin. Dieser Konflikt ist auch einfach - meiner Meinung nach - wahnsinnig kompliziert, und ich frage mich manchmal, ob die Kämpfer selbst noch wissen, wofür und wogegen sie eigentlich kämpfen... Es wäre jedoch bei dieser komplexen Thematik hilfreich gewesen, das Buch mit "Hilfsmitteln" auszustatten. Eine Karte, die die Aufteilung des Landes zeigt, die wichtigsten Orte, die erwähnt werden. Eine Zeittafel mit den wichtigsten Ereignissen. Eine Übersicht über die verschiedenen Gruppierungen und ihre Ziele. Dies habe ich leider schmerzlich vermisst.

Es ist ein Sachbuch mit niveauvoller Sprache, das dem Leser auch dementsprechend Aufmerksamkeit abverlangt. Einfach mal so abends im Bett ein bisschen schmökern ist hier eher nicht drin. Zumal die Thematik auch keine leichte Kost ist und man vielleicht nicht gerade mit diesen unschönen Schilderungen im Hinterkopf sanft einschlummern möchte. Ich habe das Buch deshalb über Wochen hin portioniert. Aber ich kenne auch Leute, die es in einem Rutsch gelesen haben. Ich denke, das ist stimmungsabhängig. Es ist ein Buch über den Krieg, und da gibt es nunmal auch viele Stellen, an denen man tief durchatmen muss, bevor man weiterliest. Dennoch versucht die Autorin sachlich zu bleiben, was ihr auch gelingt. Das Buch ist nicht weinerlich oder aufmerksamkeitsheischend. Es beschönigt aber auch nichts. Wie sehr man sich emotional mitreißen lässt, entscheidet letztendlich der Leser.

Man mag von der europäischen Flüchtlingspolitik halten, was man will, aber niemand wird nach Lektüre dieses Buches noch ernsthaft fragen, warum so viele Syrer aus ihrer Heimat fliehen! Eines ist klar: In diesem Konflikt kann es keine Gewinner geben. Es gibt jetzt schon Millionen Verlierer, und jeden Tag werden es mehr. Am schlimmsten ist es für die Kinder, die in ihrem bisherigen kurzen Leben nichts anderes kennengelernt haben als Angst, Zerstörung und Verlust. Wie bzw. ob man mit einer solch gebrochenen Generation ein kaputtes Land wieder aufbauen kann, bleibt offen.

4 von 5 Schreiberpaletten


Vielen Dank an den Verlag Kremayr & Scheriau für dieses Rezensionsexemplar!